Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 43
Vio
Der Liste klassischer Naturkatastrophen, die Tsunamis, Erdbeben, Tornados oder Vulkanausbrüche enthält, sollte man unbedingt auch Gerüchte hinzufügen.
Gerüchte ziehen nämlich ähnliche Folgen nach sich. Sie erschüttern zuerst ein Leben so wuchtig wie ein Erdbeben, fegen dann durch den Rest, der noch nicht kollabiert ist, wie ein Tornado und sorgen dabei dafür, dass auch die intimsten Details an die Oberfläche gespült werden wie von einem Tsunami. Und wenn dann sowieso fast nichts mehr übrig ist, spuckt jemand noch brodelnden Hass, wie ein frisch aus dem Schönheitsschlaf geweckter Vulkan Lava auf das Feld der Verwüstung aka das Leben der betroffenen Personen. In München habe ich genau so ein Lavafeld hinter mir gelassen und wollte mich nie wieder so etwas ausgesetzt fühlen.
Aber das interessiert Isabell herzlich wenig, sie verfüttert weiter Tratsch an die interessierte Runde, ohne zu wissen, was sie damit anrichtet. Und es funktioniert, wie es das immer tut. Die Gerüchteverbreiterin steht im Scheinwerferlicht der allgemeinen Aufmerksamkeit, alle hängen an ihren Lippen, und niemand interessiert sich dafür, wie es der Hauptdarstellerin des Gerüchtedramas dabei wohl geht. Alle sind gierig nach weiteren Details, egal ob unwahr oder nicht, mit denen sie es beim nächsten Weitererzählen ausschmücken können. Die Wahrheit spielt bei dieser Dynamik rasch keine Rolle mehr. Daher weiß ich genau, dass es auch jetzt keinen Sinn hat, die Originalversion zu erzählen. Unabhängig davon, dass selbst ich nicht so genau weiß, was überhaupt hinter den Kulissen gelaufen ist.
Isabell, die ihren kleinen Sieg bereits feiert, bevor sie überhaupt als Gewinnerin gekürt worden ist, nippt zufrieden an der Coladose, die sie aus ihrer kleinen Kühltasche gezogen hat.
»Und deswegen sage ich immer, traue niemandem, der dir von Anfang an komisch vorkommt.«
Es ist mir nicht wichtig, was sie von mir denkt. Aber Mones zweifelnder Blick trifft mich, weil ich sie wirklich mag und nicht will, dass sie mich nun anders sieht.
»Recherchierst du bei allen neuen Gesichtern so genau, Sherlock?«
»Du hast es mir doch selber erzählt. Das hat mir viel Arbeit erspart.«
Sie sieht sich in der Runde ihrer Freunde um, erwartet wohl Beistand, Applaus oder ein Highfive, aber die Stimmung ist keineswegs so prickelnd, wie sie es sich erhofft hat. Holger spielt mit dem Handy rum, hat das Interesse verloren, Mone sitzt nur starr da, die anderen Mädels schweigen, und ich spüre, dass mir die Hitze ins Gesicht gekrochen ist und es sich dort bequem gemacht hat.
»Erzählt, ja. Das heißt nicht, dass du es einfach so weitertratschen sollst.«
»Finde es halt wichtig, dass die anderen auch wissen, wie du so tickst.«
Mone atmet schwer genervt aus und schüttelt den Kopf.
»Was soll der Scheiß eigentlich, Isa?«
»Interessiert es dich nicht, was sie in deinem tollen München so getrieben hat?«
Isabell reckt angriffslustig ihr Kinn, aber Mone wirkt noch immer nicht sonderlich interessiert.
»Nein.« Ein Wort wie eine Ohrfeige.
»Aber sie hat …«
»Was auch immer Vio getan hat, ich werde es mir gern anhören, wenn sie es mir sagen will. Aber es ist nicht deine Aufgabe, uns ihre Geschichte zu erzählen.« Mones Stimme bebt, und ich erinnere mich daran, was sie mir anvertraut hat. Und obwohl man unsere Situationen nicht im Geringsten vergleichen kann, versteht sie offensichtlich genau, wie weh es tut, wenn andere entscheiden, wie und wo bestimmte Kapitel aus dem eigenen Leben veröffentlicht werden.
»Du bist doch nur auf ihrer Seite, weil du hoffst, sie nimmt dich irgendwann mit nach München!«
»Isa …«
»Aber deine Eltern lassen dich niemals von hier weg. Du hockst den Rest deines Lebens hier und träumst von München und der großen Freiheit!« Isas Augen füllen sich mit Tränen, während sie ihre angestaute Wut an Mone auslässt, die, ohne mit der Wimper zu zucken, tapfer im Worthagel sitzt. »Und deswegen klammerst du dich an Vio!«
»Ey, Isa, es reicht jetzt echt!« Noch bevor Isabell sich von Holgers Zwischenruf erholen kann, steht Mone auf.
»Nur zu deiner Info, ich stehe nicht auf Vio. Ich mag sie einfach. Und ich habe es satt, dass jedes Mal, wenn ich eine Freundin umarme, zum Abschied küsse oder mir mit ihr ’ne Pizza teile, sofort irgendwelche Gerüchte rumgehen.«
Isabell wird vor unser aller Augen immer kleiner, wird ganz still und nickt fast unmerklich, woraufhin Mone tief durchatmet.
»Wer schwimmt mit zur Insel?«
Holger schüttelt den Kopf und lässt sich auf sein Handtuch sinken, offensichtlich genervt von dem ganzen Stress, Isabell sitzt wie erstarrt vor uns. Und obwohl mein Körper noch vor Wut zittert, stehe ich auf und nicke Mone lächelnd zu.
»Bin dabei.«
Erst, als wir uns einige Schritte von den anderen entfernt haben, atme auch ich wieder durch, spüre das Wasser erst an meinen Knöcheln, dann den Waden und schließlich den swKnien. Es ist kälter als gestern noch, oder aber meine Haut glüht heute.
»Alles okay?« Meine Frage wird von einem besorgten Blick begleitet, und Mone zuckt etwas unsicher die Schultern.
»Denke schon. Es nervt einfach, dass Menschen Schubladen für alles und jeden haben.«
»Wem sagst du das.«
Wie nach einem kurzen heftigen Regenschauer, wenn die Sonne die Wolken wieder vertreibt, kehrt auch Mones Lächeln zurück, und sie zwinkert mir frech zu, deutet dabei auf die Insel.
»Wer als Erste dort ist, darf ihr Geheimnis behalten.«
Noch bevor ich antworten kann, läuft sie schon los, nur ein paar Schritte, bevor sie elegant ins Wasser hechtet und sich damit rasch einen ordentlichen Vorsprung erschwommen hat, als ich die Verfolgung aufnehme. Getrieben von der absurden Vorstellung, ich könnte mein Geheimnis für mich behalten, wenn ich gewinne, überhole ich Mone, erreiche die Insel tatsächlich als Erste und schlage völlig außer Atem an.
»Wow, warst du mal Wettkampfschwimmerin oder so was?« Obwohl sie lächelt, höre ich ehrliche Bewunderung. Meine Atmung beruhigt sich jetzt langsam und überredet auch meinen Puls, mal halblang zu machen.
»Seepferdchen.« Aber um den Insider zu verstehen, müsste ich ihr von meinem Abstecher mit Konstantin zum anderen See erzählen, und die Erinnerung daran zwickt gerade sehr unangenehm, also schüttele ich den Kopf, bevor sie fragen kann, und liefere eine andere Erklärung: »Mit der richtigen Motivation klappt alles.«
Mone klettert auf die Insel, streckt sich aus und malt so einen ziemlich präzisen, nassen Abdruck ihres Körpers auf das warme Holz. Vorsichtshalber bleibe ich noch ein bisschen am Rand der schwimmenden Plattform im Wasser und blinzele gegen die Sonne. Aber Mone liegt einfach ganz entspannt da, als wäre uns der Stress vom Ufer nicht bis hierher gefolgt.
»Du kannst dein Geheimnis auch so behalten, Vio.«
Das überrascht mich. Jeder Mensch ist neugierig, Mone aber klingt so, als habe sie wirklich kein Interesse an meiner Vergangenheit und den Fehlern, die ich gemacht habe.
»Willst du nicht wissen, was in München passiert ist, damit du mit den anderen mittratschen kannst?«
»Willst du nicht wissen, warum Isa denkt, dass ich niemals aus unserem Kaff rauskomme?«
Obwohl es mich tatsächlich interessiert, fände ich es schöner, wenn Mone es mir von sich aus erzählen würde. Weil sie es möchte und nicht, weil der Druck von außen zu groß wird.
»Nein.«
»Okay, und wenn du nichts dagegen hast, möchte ich dich auf meine Art kennenlernen, Vio.« Sie stützt sich auf die Ellenbogen und sieht zu mir. »Ab jetzt und nicht eine alte Version von dir, die wir dann super umständlich erst mal updaten müssen.«
Der Kloß in meinem Hals schwillt an, und ich nicke, froh darüber, nicht antworten zu müssen. Mone hat keine Ahnung, wie gerne ich sie jetzt einfach umarmen würde.
»Und im Gegenzug glaubst du nicht alles, was sie dir erzählen werden, okay?«
»Okay.«
Irgendwie weiß ich, dass Mone und ich gerade echte Freundinnen geworden sind. Vollkommen unabhängig davon, was in der Zeit vor diesem Sommer passiert sein mag, und das ist ein verdammt gutes Gefühl.
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