Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 20 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 19

 

 

Vio

 

Nicht so wackeln.«

»Ich wackele gar nicht.«

»Doch, und wie. Du musst das Gleichgewicht halten.«

Konstantin kniet hinter mir, ich sitze – so mittig wie möglich – im Schneidersitz auf dem Board und überlasse ihm die Führung.

Als wir vorhin über den Zaun geklettert sind, habe ich schon geahnt, dass diese Aktion abenteuerlich wird.

»Ist das hier nicht illegal?«

»Doch sicher, aber wer soll uns erwischen?«

»Keine Ahnung, die Security mit dem Rottweiler, die ihre Runde drehen?«

Er legt das Paddel neben uns aufs Brett, und kurz wackelt alles, aber er balanciert das sofort wieder aus und nimmt hinter mir Platz, die Beine lässt er an den Seiten des Surfbretts ins dunkle Wasser hängen.

»Hier gibt es keine Security.«

Ich drehe mich vorsichtig zu ihm um und bin heilfroh, dass der Mond uns gerade genug Licht bietet, dass ich sein Lächeln erkennen kann.

»Und wenn es dich beruhigt, ich habe den Schlüssel zum Schuppen.«

»Weil du der Feuerwehrmann bist?«

»Nee, weil ich der Zeugwart bin, wenn man so will. Ich checke nach den Kursen, ob alle Neoprenanzüge, Bretter und Segel ordnungsgemäß abgegeben wurden.«

»Du bist wirklich der heilige Samariter deines Heimatortes, oder?«

Konstantin nimmt mein Kompliment eher ungerne an und sieht lieber hoch zum Himmel, wo inzwischen alle Sterne um die Wette leuchten, und schließt dann die Augen.

»Manchmal, wenn mich alles nervt, komme ich hierher.«

»Und was nervt dich gerade?«

»Jetzt so gerade-gerade?«

»Mhm.«

»Nichts.«

»Du brichst also regelmäßig ordnungsgemäß beim heimischen Surfklub ein?«

Mein Kommentar sorgt für ein freches Grinsen auf seinem Gesicht, und ich genieße die Tatsache, dass er die Augen noch immer geschlossen hat. So kann ich sein Gesicht in aller Ruhe studieren. Er wäre weder mir noch meinen Freundinnen in München in einer wilden Partymenge aufgefallen, aber hier in der Mitte des Sees, auf einem Surfbrett, da kann ich meinen Blick kaum von ihm wenden.

»Nur, wenn ich genervt bin.«

»Das Argument zieht bestimmt vor jedem Staatsanwalt.«

Sein Lachen bringt das ganze Brett zum Wackeln, und ich greife zur Sicherheit nach seinem Arm, was zu sofortigem Augenöffnen seinerseits führt. Das Lächeln aber bleibt unverändert.

»Nicht mal Robin weiß, dass ich im Sommer oft hier bin.«

»Nachts.«

»Tagsüber ist hier sauviel Action, da is’ nix mit Ruhe.« Er bewegt die Beine langsam im Wasser, was zu kleinen Wellen führt, die reichen, um das Brett sanft hin und her schaukeln zu lassen.

»Erzähl mir etwas über dich, das mich überrascht, Vio.«

Es ist nur fair, dass er mir die gleiche Frage stellt wie ich ihm beim Eisessen. Und obwohl mir einige Dinge einfallen, die ihn mit Sicherheit ziemlich überraschen würden, verkneife ich es mir doch, ihm davon zu erzählen. Nicht jetzt. Nicht so früh. Nicht, bevor er die alltäglichen Dinge über mich rausgefunden hat.

»Ich mag dich.« Die Worte habe ich schon den ganzen Tag in meinem Kopf geformt, aber mich nicht getraut, sie auszusprechen. Es ist gefährlich, jemanden zu mögen, bevor man ihn oder sie wirklich kennt. Und obwohl ich genau weiß, dass ich damit die Chance auf potenzielle Enttäuschungen vergrößere, sehe ich ihm direkt in die Augen. »Und ich habe nur das Seepferdchen-Abzeichen.« Er lacht leise in die Stille, die um uns rum herrscht. »Falls wir also über Bord gehen …«

»Wir sind keine zehn Meter vom Ufer entfernt.«

»Seepferdchen, Konstantin.«

»Ich habe dich neulich schwimmen sehen. Das war mindestens Silber.«

»Was soll ich sagen? Ich bin Autodidaktin.«

Mir gefällt es, wie er mich ansieht, und ich spüre, wie mir das Atmen in seiner Nähe leichter fällt. Vor allem, wenn wir alleine unterwegs sind. Dann fühlt es sich so weit weg von all den Geschichten um mich an. Das tut gut.

»Was noch?«

Seine Neugier zwingt mich dazu, weiter nachzudenken.

»Mal sehen. Ich habe Chemie abgewählt, weil ich Angst davor hatte, die Schule in die Luft zu jagen.«

»Aus Versehen oder gezielt?«

»Aus Versehen.«

»So was kann schon mal passieren.«

»Hast du Chemie abgewählt?«

»Nein. Leistungsfach.«

Natürlich. Auch noch Leistungsfach.

»Jag bitte nichts in die Luft, Konstantin.«

»Ich gebe mir Mühe.«

»Auch wenn ich weiß, dass du die Schule natürlich sofort löschen würdest, Grisu.«

Er lehnt sich ein bisschen nach vorne und ich kann sein Gesicht besser sehen.

»Wir haben Feuerlöscher in der Schule, ich zeig dir, wo sie stehen. Für den unwahrscheinlichen Notfall, dass ich was abfackele.«

»Danke.«

»Gerne.«

Ich muss an Isabells Worte vorhin denken. Für sie fühlt es sich bestimmt so an, als sei ich einfach in ihr Leben hier geplatzt und hätte mir direkt einen der besten Jungs geschnappt. Obwohl ich genau weiß, dass der Vorwurf so nicht stimmt, beschleicht mich dennoch das schlechte Gewissen. Es ist leicht, Konstantin zu mögen, und ich bin sicher weder die Erste noch die Einzige, die das tut. Trotzdem will ich verhindern, von den anderen direkt einen Stempel aufgedrückt zu bekommen, noch bevor ich alle Umzugskartons ausgepackt habe.

Nicht schon wieder.

»Und jetzt sag endlich, was nervt dich gerade?« Ich flüstere die Frage, damit wir nicht mehr über mich sprechen müssen. Konstantin holt tief Luft, und ich ahne, dass er insgeheim eine ganze Menge Genervtheit mit sich herumträgt.

»Gar nichts.«

»Lügner.«

Er zögert. Dann atmet er lange aus und fast so lange auch wieder ein.

»Okay. Manchmal nervt es mich, dass ich so … unfertig bin.«

»Du bist siebzehn, wer ist da schon fertig?«

»Du.«

Mein Lachen ist für diese Uhrzeit und unsere geheime Mission viel zu laut, aber er hat ja keine Ahnung, wie sehr er sich irrt.

»Oh, Konstantin, du liegst so daneben.«

»Wirklich?«

»Wirklich. Niemand ist mit siebzehn fertig. Und egal, was alle erzählen, niemand weiß mit siebzehn, wohin mit sich. Schon gar nicht die, die es behaupten.«

»Es nervt mich einfach, dass ich so gar nicht weiß, wo es langgehen soll.« Kurz fährt er sich über das Gesicht, als müsse er es neu richten, und siehe da, sein Lächeln ist zurück. »Vergiss es. Eigentlich wollte ich dir das hier einfach nur zeigen.«

Wie schade, dass er das Thema wechselt und mir stattdessen lieber wieder seine Sunnyboy-Version präsentiert, aber nachbohren bringt nichts. Das weiß ich aus eigener Erfahrung und so spiele ich mit.

»Und wieso ausgerechnet mir?«

»Weil ich dich mag.« Er kann meine Gedanken selbst in der Dunkelheit lesen und spricht schnell weiter. »Das mit Isabell habe ich geklärt. Ich mag sie ja auch, aber …«

Er bricht an der spannendsten Stelle ab, dabei hasse ich Cliffhanger wie diese so sehr.

»Aber …?«

Er hebt die Hand, sieht sich um, und ich kann sehen, wie seine Schultern sich anspannen.

»Hörst du das?«

Wir horchen beide in die Stille, die irgendwo ganz weit weg durch Sirenen unterbrochen wird.

»Polizei?«

Er nickt, will nach dem Paddel greifen und bemerkt, dass wir es vor einer kleinen Weile wohl verloren haben. Es treibt einige Meter von uns entfernt in der Mitte des Sees.

»Na großartig.« Hektisch sieht er sich um, während die Sirenen unbestreitbar näher kommen.

»Ich dachte, ihr habt hier keine Security.«

»Haben wir auch nicht.« Er dreht sich auf dem Brett so geschickt, als würde er das ständig machen, legt sich flach auf den Bauch und versucht mit den Armen zu paddeln, aber wir bewegen uns nur sehr zäh vom Fleck.

»Das funktioniert nicht …« Er wirft einen Blick zurück zu mir, wie ich noch immer dasitze. »Seepferdchen, ja?«

»Bis zum Ufer wird es reichen.«

Und damit lassen wir uns beide ins kühle Nass gleiten.

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