Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 59 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 58

 

 

Konstantin

 

Die Grillhütte unweit vom Angelsee ist eigentlich nichts weiter als ein Betonunterstand, der an einer Seite komplett offen ist. Der große Hängegrill in der Mitte ist so verrußt, dass man nicht mehr erahnen kann, wie das Metall mal ausgesehen hat, bevor hier unzählige Grillpartys veranstaltet wurden. Volker, der die gefangenen Fische ausnimmt und würzt, hat mir die Aufsicht des Feuers übertragen, während Jonas noch mal los ist, um Nachschub an Getränken zu besorgen, für den Fall, dass unser Vorrat nicht reicht. Voller Stolz hält der jetzt die Bacardi-Flasche hoch, die er neben dem Sixpack Bier an der Tanke ergattert hat. Außerdem hat er noch zwei Jungs angeschleppt, die ich nur flüchtig kenne, weil sie nicht zu der Clique gehören, mit der Robin rumhing.

»Hey, Wagenfeld!« Volker, der, seitdem unsere Gruppe sich vergrößert hat, einen anderen Ton anschlägt, winkt mich mit blutigen Fingern zu sich rüber, und ich werfe noch mal schnell einen Blick auf mein Feuer, das sich langsam, aber sicher in Glut verwandelt, dann folge ich seiner Aufforderung und gehe zu ihm rüber.

»Schon mal ’nen Fisch ausgenommen?«

»Nein.«

»Hat Robin dir das nie beigebracht?«

»Ich weiß nicht mal, ob er das kann.«

Jonas lacht auf und schüttelt den Kopf.

»Und wie er das kann.«

Volker schiebt mir das Brett mit der Forelle rüber.

»Dann wird es Zeit, dass du es lernst.« Mit einer schnellen Handbewegung dreht er das Messer in seiner Hand und reicht es mir mit dem Griff zuerst. »Ist alles nicht so wild. Im ersten Schritt hältst du den Fisch mit dem Bauch nach oben und stichst in einem flachen Winkel das Messer nicht zu tief in das Waidloch ein.«

»Ins was?«

»Hier. Kurz vor der Afterflosse.«

Ich versuche mein Glück, wobei sich das alles gerade wie doppelter Mord anfühlt. Reicht es nicht, dass ich den Fisch gefangen habe?

»Dann führst du das Messer bis zum Ansatz der Kiemendeckel. Der Schnitt sollte nur ganz knapp bis unter die Bauchdecke reichen.«

»So?«

»Ja, nur nicht zu tief. Wenn du die Galle erwischst, schmeckt der Fisch beschissen.« Volker beobachtet jeden meiner Handgriffe ganz genau, steht dicht hinter mir. Es riecht nach Fisch, Blut und Innereien, aber ich will mir nicht anmerken lassen, wie unangenehm die Mischung mir ist.

»Jetzt nur noch die Kehle auf Höhe der Kiemenbögen durchtrennen.«

Sofort halte ich in meiner Bewegung inne, was Volker nicht entgeht.

»Was ist los?«

»Keine Ahnung.«

»Dir ist wohl lieber, wenn du einfach Fischstäbchen auftaust, hm?«

»Irgendwie schon.« Die Eingeweide des Fisches fühlen sich fremd und falsch zwischen meinen Fingern an.

»Willkommen in der Realität, Wagenfeld. Wenn du gutes Essen willst, musst du selber dafür sorgen. Und die Drecksarbeit machen. Weißt du, was für Müll in deinen Fischstäbchen steckt?«

Er nimmt mir das Messer aus der Hand und trennt, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, die Kehle der Forelle durch. »Manche Dinge muss man eben selber in die Hand nehmen, wenn man will, dass es ordentlich gemacht wird. Verstehst du, was ich meine?«

Vermutlich nicke ich, weil Volker zufrieden grinst.

»Weißt du, wie wichtig es ist, einen See mit Fischen rein zu halten?«

Weil ich mich nicht für den großen Angler halte, auch wenn das Rauschgefühl von vorhin noch immer für meine gute Laune sorgt, schweige ich.

»Stell dir vor, jemand wirft einen kranken Fisch aus Osteuropa oder Arabien da rein. Und der mischt sich dann mit unseren gesunden, guten Fischen. Die nächste Generation Fisch, die wir fangen und essen, verdirbt uns dann den Magen. Fischvergiftung. Weißt du, wie scheiße das ist?« Ohne wirklich hinzusehen, nimmt er während seiner Ansprache den Fisch weiter aus, wirft die Innereien in den Eimer neben uns und greift dann nach einer Zahnbürste, die neben den anderen Messern liegt. »Bei Forellen bleiben zwischen den Wirbeln oft noch Rückstände der Nieren hängen. Dafür die Zahnbürste.« Mit fließenden Bewegungen macht er weiter und zeigt dann auf den Fisch vor uns. »Das hier ist ein richtig guter Fisch. Und es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass wir weiterhin genau solche Fische genießen können. Unsere Teiche müssen rein bleiben.« Er legt mir die Hand auf die Schulter, ohne sie vorher abzuwischen. »Verstehst du das?«

Langsam nicke ich, nicht sicher, was ich von seiner Analogie halten soll, bei der es nicht um Fische geht, so viel ist klar.

»Denke schon.«

»Gut.« Volker wirkt zufrieden, wischt sich die Hände am mitgebrachten Geschirrtuch ab und deutet auf den Fisch. »Jetzt nur noch ausspülen, nach Belieben würzen und rauf auf den Grill.«

Ein kurzer Blick zurück, die Kohle glüht orangefarben und die Wärme vom Grill strahlt bis zu uns.

»Hat jemand an den Edding gedacht?« Auf Volkers Frage antwortet Jonas nickend, setzt sein Bier ab und greift in die Hosentasche, bevor er mir den schwarzen Stift über den Grill hinweg zuwirft. Etwas unvorbereitet fange ich ihn gerade so noch auf, mir war nicht bewusst, dass er für mich bestimmt ist.

»Tob dich aus.« Volker deutet auf die Wände der Grillhütte, und ich erkenne all die blöden Schmierereien, die unsere Dorfjugend angetrunken auf den Beton geschmiert hat. Es ist alles dabei, von Telefonnummern, die man im Falle von akuter Einsamkeit anrufen soll, bis hin zu Liebeserklärungen für Fußballvereine, Mädchen, Jungs und Haustiere. Politische Meinungen tummeln sich ebenso dazwischen wie Wut auf Ex-Partner oder über das Wetter. Unschlüssig stehe ich davor, die Kappe schon mal vom Stift gezogen.

»Jeder verewigt sich hier.« Volker deutet auf einen Spruch rechts zwischen einem Graffitiversuch und einem Rußfleck. »Dein Bruder hielt sich damals für ziemlich witzig.«

Ich trete einen Schritt weiter auf die Wand zu, lese mir Robins Text durch und bemerke, dass das hingeschmierte Datum mich wissen lässt, dass er bereits vor drei Jahren der Meinung war, dass dieses Dorf einer Endstation gleicht.

Wer freiwillig in Walddorf bleibt, verpasst das Leben, die Liebe und die Welt.

Ehrlich gesagt finde ich seine Worte gar nicht so schlecht, verglichen mit dem ganzen anderen Mist, der sonst dort steht. Auch wenn es sich immer ein bisschen so anfühlt, als meine er mit solchen Aussagen irgendwie mich.

Neben seinem Satz ist noch genug Platz für meine Antwort, die ich in wütenden Buchstaben danebenschreibe.

Wer so dringend hier weg will, flüchtet nicht vor seinem Dorf, sondern vor seinem Selbst!

Möglich, dass er das nie lesen wird, aber es fühlt sich plötzlich gut an, ihm zumindest hier die Meinung gesagt zu haben. Ich reiche Jonas den Edding und erhalte im Austausch ein Glas Bacardi Cola, von dem ich schnell einen Schluck nehme, als sich plötzlich Volkers Arm um meine Schulter legt.

»Spüre ich da ein bisschen Brüderrivalität?«

»Ach.«

»War er das hier …« Vorsichtig deutet er auf meine Wange, darauf bedacht, mein Veilchen nicht zu berühren, und ich nicke. Früher oder später macht es ja doch die Runde, wieso sollen sie es also nicht von mir hören?

»Hast du dich wenigstens revanchiert?«

»Noch nicht.«

»Nun, wenn es dir hilft, er wäre mächtig angepisst, wenn er wüsste, dass du jetzt hier bei uns bist.«

»Ja?« Keine Ahnung, wieso ich jetzt grinsen muss.

»Absolut. Du warst ihm immer irgendwie peinlich. Deswegen will er ja auch weg. Wir sind ihm alle peinlich. Sind schließlich nur Dorfdeppen.«

»Wir sind keine Dorfdeppen.«

Volker hebt sein Glas und stößt mit mir an. Sofort ist Jonas auch da und lässt seine Bierflasche ebenfalls gegen mein Glas klirren.

»Sag ich doch, Wagenfeld, wurde Zeit, dass du mal bei den Großen mitspielst.«

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