Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 48
Konstantin
Nicht so wackeln.«
»Ich wackele doch gar nicht.«
»Und wie. Du musst das Gleichgewicht halten!«
Dabei macht sie ihre Sache sogar ziemlich gut, sehr viel besser als beim letzten Mal, und das weiß sie nur zu genau, sonst würde sie nicht so selbstsicher lächeln.
Mit Vio wieder auf der Mitte des Sees zu dümpeln, die anderen schon vor Stunden abgeschüttelt und die Welt ausgesperrt zu haben, das fühlt sich so unheimlich gut an, dass das Leben von mir aus jetzt gerne mal einen Gang zurückschalten könnte.
»Hast du etwa heimlich geübt?«
»Klar. Mit meinem heimlichen Surferfreund.«
»Moment, ich dachte, ich bin dein heimlicher Surferfreund.« Die gespielte Empörung in meiner Stimme lässt sie lachen und das gefällt mir. Es ist verrückt, wie leicht es mir fällt, mit ihr hier einfach ich zu sein. Wenn keine prüfenden oder fragenden Blicke auf mir ruhen. Wenn im Kopf mal Ruhe herrscht. Nur sie und ich.
»Ist schön hier.« Sie legt den Kopf zurück und sieht in den Himmel über uns, genießt die Stille und ich betrachte ihr Gesicht.
»Kriegst du keinen Ärger, weil du mit mir hier bist?« Sie stellt die Frage in die Nacht hinauf.
»Habe doch gesagt, ich darf hier sein.«
»Ich meinte auch eher mit Jonas.«
Immer wieder taucht dieser Name in unseren Unterhaltungen auf und jedes Mal zieht sich dabei mein Magen zusammen. Jonas, der mir inzwischen noch drei weitere Nachrichten geschickt hat und den ich weiter ignoriere, weil er auf diesem See keinen Platz hat. Hier ist nur Platz für Vio.
»Den geht das hier nichts an. Können wir hier einfach … wir sein?«
Vio rutscht von ihrer Position weiter zu mir, bringt das Brett und vor allem mich damit komplett aus dem Gleichgewicht.
»Vorsicht!« Dabei weiß ich gar nicht, wovor ich sie warne, denn ich balanciere uns sofort wieder aus, verhindere ein Kentern, und trotzdem fühlt es sich so an, als würden wir noch immer ohne Ende wackeln. Aber sie bleibt davon vollkommen unbeeindruckt direkt vor mir sitzen.
»Woran denkst du gerade, Konstantin?« Ihre Frage erreicht mich flüsternd, und sofort will ich die blöde Ausrede abspulen, dass ich an gar nichts denke, dabei wäre das gelogen.
»An dich.« Damit hat Vio nicht gerechnet, und ich wollte es gar nicht so ehrlich formulieren, obwohl alles, was hier auf dem See passiert, auch genau hier bleibt. Mein persönliches Paralleluniversum, ohne Robin, ohne Jonas und die ganzen anderen.
»Was genau denkst du da so?«
Zu spät für eine dämliche Ausflucht, das zumindest entscheidet das Kontrollzentrum in meinem Herzen. Dem wurde es in letzter Zeit wohl zu viel, als gäbe es nicht mehr genug Speicherplatz für all die Gefühle, die ich sammle, weil ich nicht weiß, wohin sonst damit.
»Wieso ich dir eigentlich nicht einfach sage, dass ich dich unheimlich mag und sehr gerne mit dir zusammen bin. Und wie leid es mir tut, dass ich von der Party abgehauen bin. Und wie traurig es mich macht, dass es keiner bemerkt hat.«
Sie will etwas sagen, aber ich spreche schnell weiter.
»Auf der Party war es so offensichtlich.«
»Offensichtlich?«
»Ihr habt alle so perfekt zusammengepasst. Die ganze Clique und du. Als wärst du das letzte, fehlende Puzzlestück, das immer irgendwie gefehlt hat, um es perfekt zu machen.« Endlich finden meine Augen wieder ihre. »Und ein bisschen hat es wehgetan, dass ich das nie war. Weil ich nicht passe und nicht fehle.«
»Du fehlst nicht?«
Ich nicke ganz automatisch, obwohl Vio den Kopf schüttelt wie ein aufmüpfiges Spiegelbild.
»Das hier sind deine Freunde, in deinem Heimatort. Wie kannst du dich da fehl am Platz fühlen?«
»Ich kann es nicht so genau erklären.«
Vio greift nach meiner Hand, verhakt unsere Finger.
»Alle mögen dich.«
Nein. Sie mögen eine Version von mir, die ich zur Rolle meines Lebens gemacht habe, damit ich mich nicht mit der einen Frage auseinandersetzen muss, auf die ich so gar keine Antwort habe. Wer bin ich wirklich und wer will ich irgendwann mal sein?
»Ich weiß.«
Zumindest behaupten das die Leute immer.
»Und du machst so viele Dinge. Tennis, Surfklub, Feuerwehr, Panda…« Jetzt lächelt sie. »…fremdenführer.«
»Schon klar …«
»Ich habe dich gestern auf der Party übrigens sehr vermisst. Und ich finde es auch schade, dass du nicht auf meine Nachrichten geantwortet hast.«
Und weil ich nichts erwidere, ist es diesmal sie, die weiterspricht.
»Ich glaube übrigens, dass du sehr wohl dazugehörst.«
»Ja?«
»Logo. Wenn ich in zehn Jahren an Walddorf zurückdenke, werde ich mich daran erinnern, wen ich als Ersten kennengelernt habe.«
»Den Pizzalieferanten, an dessen Namen du dich nicht mehr erinnern kannst?«
»Genau. Und somit wirst du für immer Walddorf für mich bedeuten.« Natürlich meint sie es nicht ernst, aber ich komme ins Grübeln, was ihr nicht entgeht. »In deinem Kopf ist wieder viel los, hm?«
Leugnen hat bei ihr keinen Sinn.
»Dauerbeschallung.«
»Und was läuft da gerade?«
»In zehn Jahren bist du also weg.«
»Klar. Du nicht?« Sie kennt die Antwort ebenso wie ich, nur kann ich sie nicht aussprechen und so tut sie es. »Ach so. Du willst ja bleiben.«
»Für den Fall, dass jemand mal einen Fremdenführer braucht.«
»Du weißt aber schon, dass du weggehen kannst, wenn du willst? Da draußen irgendwo den einen Platz finden, wo du wirklich hingehörst.« Sie drückt kurz meine Finger. »Das ist nämlich das Schöne an der Welt. Du kannst überallhin.«
Weg aus Walddorf.
Sie beugt sich noch etwas weiter zu mir rüber, lehnt ihre Stirn an meine, und ich weiß genau, was jetzt kommt. Der leidenschaftliche Vortrag darüber, wie spannend München, Berlin oder Hamburg sind, wie viel ich verpasse und wie dumm diese Entscheidung, hierbleiben zu wollen, ist. Aber Vio überrascht mich und küsst meine Lippen. Nur kurz und sanft. Zu kurz.
»Oder du bleibst, wenn dein Herz das sagt. Hauptsache, dir geht es damit gut. Die große weite Welt ist nämlich auch irgendwie nur wie Walddorf.«
Ich spüre ihre Worte auf meinen Lippen, und schließe schnell die Augen, präge mir alles genau ein, will dieses Gefühl in ein Einmachglas packen und nie mehr verlieren. Mit all meinem Mut lege ich schließlich die Arme um sie und halte sie so nah, wie unsere Sitzposition es zulässt.
»Es ist manchmal einfach nur sehr viel. Die Zukunft und die Erwartungen und so.«
»Aber was willst du denn mal machen?«
»Wenn ich das wüsste.« Die meisten, inklusive mir, sind immer davon ausgegangen, dass ich hierbleibe, Ausbildung in einem Betrieb in der Nähe, Tennis mit meinem Vater, Surfklub mit den Kids, irgendwann das Haus meiner Eltern erben, eine eigene Familie haben und hier alt werden.
Sie löst die Stirn von meiner, bleibt aber mit ihrem Gesicht nah an meinem.
»Das findest du schon noch raus, bist ja ein cleveres Kerlchen.« Langsam nicke ich, bleibe mit meinem Blick immer wieder an ihren Lippen hängen, was ihr natürlich nicht entgeht, und so verziehen sie sich zu einem Lächeln. »Wenn du mal nur auf dein Herz hören würdest, was würdest du dann gerne tun?«
»Jetzt gerade?«
Sie nickt, noch immer lächelnd.
Jetzt.
Ich küsse sie.
Weil der perfekte Moment nicht auf mich wartet und Vio in zehn Jahren weg ist.
Weil außer uns niemand hier ist.
Weil uns niemand sieht oder hört.
Weil dieses kurze für immer uns gehört. Nicht irgendwann, sondern jetzt.
Vio küsst so, wie sie ist. Frech, wild, sanft, leise und laut und irgendwo in diesem Strudel bin auch ich unfassbar lebendig.
Und so sehr ich. So gar nicht überflüssig.
Sie lächelt mich an, als wir uns voneinander lösen.
»Du solltest öfter tun, was du dir gerade wünschst.«
Wenn es sich jedes Mal so anfühlt, hat sie vollkommen recht.
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