Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 70
Konstantin
Robins Roller parke ich direkt am Zaun. Den Helm und meinen schweißnassen Kapuzenpulli stopfe ich zusammen mit der roten Sturmhaube ins Helmfach und klettere dann auf die andere Seite.
Mone ist sicher daheim. Mone ist in Sicherheit.
Die komplette Fahrt über habe ich mir das immer und immer wieder vorgesagt, als könnte ich sonst vergessen, dass ich sie unverletzt daheim abgesetzt habe.
Mone ist in Sicherheit.
Der See liegt ruhig vor mir, um diese Uhrzeit ist man hier immer für sich. Langsam gehe ich auf die glatte Wasseroberfläche zu und setze mich so dicht ans Ufer, dass meine Schuhe nass werden.
Die Gedanken brüllen sich in meinem Kopf an. Vorwürfe, Rechtfertigungen, enttäuschte Buh-Rufe und wilde Drohungen. In der Stille hier kann ich sie deutlicher hören als vorhin auf dem Roller, als wir panisch geflüchtet sind. Die anderen sind schon längst weg, basteln sich ihr Alibi zusammen und werden mich verraten – und Robin. Falls sie es nicht schon längst getan haben.
Das alles war von Anfang bis Ende eine beschissene Idee. Alles daran. Das wusste ich schon vorher, alles in mir wusste es. Aber ich Vollidiot habe selbstverständlich mitgemacht, weil es leichter ist, mitzulaufen, als stehen zu bleiben und seinen eigenen Weg einzuschlagen.
Natürlich sollte ich als Erster den Molotowcocktail werfen, weil sie sehen wollten, ob ich es auch wirklich tue. Ob sie sich auf mich verlassen können, nachdem ich Zweifel und Angst geäußert habe.
Viel weiter und vor allem präziser hätte ich werfen können, aber so ist meine Flasche irgendwo schräg vorne links aufgeschlagen und hat einen Stapel Paletten blitzartig in Brand gesetzt. Noch immer höre ich Volkers Jubel, als die Flammen sich immer höher gefressen und unterwegs alles erfasst haben. Das hat ihn richtig angestachelt und mir noch mehr Angst gemacht.
Jonas wollte gerade mit seiner Flasche ausholen, als Mone aufgetaucht ist und die ganze Aktion torpediert hat.
Mone.
Alles vor mir verschwimmt bei dem Gedanken an sie, nur ihr Gesicht, die Angst in ihren Augen, das bleibt unverändert scharf. Schnell schüttele ich den Kopf, zuerst nur leicht, dann immer heftiger, aber ihre Augen wollen einfach nicht verschwinden. Mit zu Fäusten geballten Händen schlage ich mir gegen die Schläfe, immer fester.
Ja, ich war sauer auf Robin. Ja, ich wollte irgendwo dazugehören.
Aber doch nicht so!
»Hey«, ertönt es hinter mir.
Ich reiße vor Schreck die Arme hoch, will mich ergeben, doch stattdessen muss ich mich vornüberkrümmen und übergeben. Neben meinem Mittagessen kotze ich auch noch eine große Portion Angst und Scham mit aus, irgendwann nur noch Galle, am Ende hänge ich auf allen vieren weinend am Ufer meines liebsten Ortes.
»Was ist passiert?« Sie geht neben mir in die Hocke, ihre Hand berührt meine Schulter, ihre Wärme brennt sich durch den Stoff des T-Shirts und schließlich in meine Haut.
Nicht umdrehen. Nicht umdrehen.
»Hast du wieder getrunken?« Ihre Stimme klingt mitfühlend, und ich schüttele den Kopf, wische mir erschöpft über den Mund und sie hält mir ein Kaugummi vors Gesicht.
Mit zittrigen Fingern greife ich danach und streife dabei ihre Haut. Keine Ahnung, wieso ich so überrascht bin, dass sie hier ist. Wo ich es doch war, der ihren Anruf vorhin im Wald zuerst weggedrückt und dann erwidert hat. Sie gefragt habe, ob sie mich hier treffen könnte. Weil ich ihr was sagen müsse.
Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Die einfachsten Dinge kosten gerade am meisten Kraft.
»Du wolltest mit mir reden, ist alles okay?« Vio greift nach meiner Hand, berührt mich einfach so und weiß gar nicht, wie weh mir das tut.
»Komm, setzen wir uns da rüber.«
Mit wackeligen Knien stehe ich auf, gehe mit ihr weiter weg vom See und damit von meiner Fluchtmöglichkeit. Wir setzen uns in den Sand, und um unter ihrem prüfenden Blick nicht gänzlich zusammenzuklappen, packe ich das Kaugummi aus und schiebe es mir in den Mund.
»Die Baustelle hat gebrannt.« Sie sagt das so, als wisse sie es aus sicherer Quelle, und ich nicke.
»Ich weiß.«
»Ach klar, Grisu, der Feuerwehrdrache. Warst du auch dort?«
»Ja.«
Nicht als Grisu. Als Rotschädel.
»Weißt du auch, dass Mone überfallen wurde?«
Mone. Immer wieder diese Augen.
»Ist auf dem Heimweg von Ottersfeld passiert. Drei Typen haben sie durch ein Maisfeld gejagt. Ich war eben bei ihr.«
»Wie geht es ihr?«
»Nicht so gut.«
Das kann ich nicht. Ich kann das einfach nicht. Langsam drehe ich meinen Kopf in Vios Richtung.
»Ich … ich …« Sie weiß es schon. Sie muss es wissen. Sie kennt mich zu gut, zumindest besser als die Menschen, mit denen ich mein bisheriges Leben verbracht habe.
»Du machst mir Angst, Konstantin. Was ist denn nur los?«
»Du hast Mone den Signalgeber geschenkt.«
Das ist keine Frage. Das ist eine Information, die ich ihr gebe und ich weiß, dass sie sie versteht. Doch es dauert einen Moment, bis Vio alle Puzzleteile zusammensetzt. Ihre Körperhaltung verändert sich, ihr Nacken spannt sich an, sie atmet lautstark ein, hebt den Kopf und dreht sich zu mir.
»Woher weißt du das?«
»Weil ich dort war.«
Ein ganz einfacher Satz, der sich aber derart in meiner Kehle verknotet, dass ich ihn nur mit Mühe über die Lippen presse, während ich Vio dabei ansehe. Die schallende Ohrfeige sehe ich kommen, weil sich für mich alles wie in Zeitlupe abspielt, aber ich zucke nicht zurück, fange mir auch noch die zweite ein, die schmerzlich genau ins Schwarze trifft – oder eben das Blau meines Veilchens.
»Wieso?« Ihre Wut lässt das Wort beben, so sehr, dass man es bestimmt auf einem Seismographen messen könnte, und ich wünschte, mein Kopf würde eine vernünftige Erklärung parat haben.
»Es tut mir leid.« Wieder erwarte ich eine Ohrfeige, aber an ihrer Stelle trifft mich nur Vios Enttäuschung.
»Sie ist deine Freundin, Konstantin!«
»Ich weiß. Ich wollte …«
»Was wolltest du, Konstantin? Ein Asylantenheim abfackeln, um zu beweisen, wie tough du bist?«
»Was? Nein!«
Sie steht auf, so hastig, dass sie ins Stolpern gerät und ich schnell ihre Hand nehme, um einen Sturz zu verhindern, aber sie schlägt meinen Arm weg, fällt aufs Knie und wütet weiter.
»Wie kannst du bei so was mitmachen? Wie? Nachdem sie auf uns geschossen haben?«
Die Erinnerung ist noch hellwach in meinem Kopf.
»Ich wollte nur dazugehören.«
»Zu denen?«
»Irgendwohin!«
Kopfschüttelnd rappelt sie sich auf, achtet darauf, mir auszuweichen, den Abstand zwischen uns zu wahren, und ich stehe nur langsam auf, versuche, ihr nicht zu nahe zu treten.
»Ich wollte nicht …«
»Du bist so ein Idiot!« Ihre Stimme wankt und mit ihr mein Herz. »Du hast alles kaputt gemacht, weißt du das?!«
»Ich weiß.«
»Alles!« Sie brüllt es mir unter Tränen entgegen, und ihr warmer Atem trifft mein Gesicht, lähmt jeden weiteren Versuch, sie zu beruhigen.
»Du hast doch schon längst dazugehört! Zu mir, verdammt noch mal!« Sie tippt sich gegen die Brust, ungefähr auf Herzhöhe und schüttelt den Kopf. »Selbst nach dem ganzen Müll, den du mir besoffen vorgequatscht hast, wusste ich die ganze Zeit, dass du es nicht so meinst!«
»Tue ich auch nicht, es ist kompliziert …«
»Spar dir das alles, Konstantin. Spar es dir!« Ohne mich weiter anzuhören, wirbelt sie herum und geht in Richtung Zaun. Als sie schon fast oben ist, gehorcht mein Körper mir wieder und ich renne ihr hinterher.
»Vio, warte! Es war ein Scheißfehler! Ich will euch alle doch nicht verlieren!«
Aber sie landet bereits auf der anderen Seite, sieht mich durch die Maschen im Zaun an.
»Wenn es dir wirklich so leid tut, dann bring das alles wieder in Ordnung.«
Was so einfach klingt, fühlt sich für mich an wie die Aufforderung, eine Wanderung nach Mordor zu unternehmen. Ich presse meine Stirn gegen den Zaun, so fest, dass es wehtut.
»Das tue ich, Vio!!«
Aber Vio ist schon längst weg.
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