Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 34 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 33

 

Vio

 

Die anderen bringen Isabell nach Hause, ich bleibe bei Mone, reinige meine Schuhe und helfe beim Beseitigen der Partyspuren. Das Fehlen der Musik lässt meine Gedanken plötzlich so laut in meinem Kopf klingen, als hätte ich einen Stammplatz neben den Musikboxen auf einem Rammstein-Konzert.

»Du musst das echt nicht machen. War ja meine Party«, kommentiert Mone, als ich routiniert mit einem Lappen über den Tresen wische.

»Es ist einfach kein Feierabend für mich, wenn ich nicht zumindest eine Theke polieren durfte.« Ich schenke ihr ein Lächeln.

Sie erwidert es und stellt die letzten Flaschen weg, bevor sie nach dem vollen Aschenbecher greift.

»Nervt dich das manchmal?«

»Die Arbeit bei meinen Eltern, meinst du?«

»Ja.«

»Na ja, ich bin es eben gewöhnt, es gehört irgendwie dazu.«

Auch wenn es manche Abende gab, an denen ich lieber mit meinen Freunden unterwegs gewesen wäre, als hinter der Bar auszuhelfen.

»Es tut mir übrigens leid, dass ich bei der Eröffnung nicht dabei war. Ich hatte mir fest vorgenommen zu kommen.« Ihr zerknirschter Gesichtsausdruck, untermalt von den leichten Augenringen, lässt mich wissen, dass sie wohl schon was anderes vorhatte. »Ich arbeite bei der Tanke in Ottersfeld, bisschen das Taschengeld aufstocken.« Ihr Lächeln verrät mir, dass ihr das unangenehm ist.

»Kenn ich. Aber komm doch so mal im Restaurant vorbei. Würde mich freuen.«

»Unbedingt. Ich werd die ganze Truppe anschleppen.«

Was mich für meine Eltern freuen würde, mir aber gleichzeitig nicht so lieb ist. Es ist immer ein komisches Gefühl, wenn man seine Freunde bedienen muss. Das war schon in München irgendwie weird, weil ich lieber mit ihnen am Tisch gesessen hätte, als die Bestellung aufnehmen und die Getränke servieren zu müssen.

»Das wird jetzt superkitschig klingen, aber ich denke, du verstehst, wie ich das meine.« Zum ersten Mal sehe ich Mone irgendwie unsicher, fast schüchtern. »Ich bin echt froh, dass es dich in unser Kaff verschlagen hat.«

»Echt jetzt?«

»Ja. So schön es auch ist, wenn alles so vertraut ist, es bringt doch frischen Wind, wenn jemand Neues dazukommt.« Sie zuckt die Schulter und wirft das Geschirrtuch lässig darüber. »Und dann kamst ausgerechnet du.«

Ich bringe frischen Wind mit. So was hat noch nie jemand über mich gesagt, und ich kann nicht behauptet, dass es sich doof anfühlt. Ganz im Gegenteil. Jetzt bin ich es, die ein bisschen verlegen wird.

»Danke, dass du mir das Eingewöhnen so leicht machst, Mone. Ich hatte den totalen Horror davor.«

»Nicht meine Schuld, dass ich dich vom Fleck weg mochte.«

Dieses Kompliment schlägt ziemlich heftig ein. Hauptsächlich, weil ich Angst habe, dass sie das anders sehen könnte, wenn sie erfährt, was Isabell jetzt weiß. Auch wenn ich hoffe, dass die sich vorhin jegliche Erinnerung an unser Gespräch gleich mit rausgekotzt hat.

»Habe ich was Falsches gesagt?«

»Nein! Ich habe nur gemerkt, wie spät es ist, ich muss ja noch heimradeln.« Mit dem geliehenen Rad von Konstantin, das jetzt einsam an der Straße vor Mones Haus steht, weil er einfach abgehauen ist. Ohne sich zu verabschieden.

»Soll ich dich vielleicht begleiten?«

»Es ist schon spät.«

»Ja, eben. Du verradelst dich doch sonst.«

Fast muss ich lachen.

»Bei meinem Glück verradel ich mich tatsächlich noch.«

Mone wirft das Geschirrtuch zurück auf den Tresen und sagt grinsend: »Das werden wir verhindern. Komm, ich bring dich heim.«

Wir verlassen den Partykeller, der nun zwar ein bisschen aufgeräumter aussieht, aber noch immer ausreichend Feierspuren aufweist. Im Hausflur riecht es jetzt zumindest nicht mehr nach Isabells Partymischung, sondern nach Lavendelreiniger, den wir vorhin benutzt haben, um auch hier sauber zu machen.

»Warte!« Mone geht zum Schuhschrank und reicht mir ein paar flache Sandalen. »Barfuß radeln ist saugefährlich.«

Und ohne weiter darüber nachzudenken, nehme ich ihre Schuhleihgabe an und schlüpfe in die Sandalen, bevor ich meine nassen Turnschuhe im Rucksack verstaue.

Draußen ist es still und warm, wir flüstern, während wir unsere Räder nebeneinander die Straße entlangschieben. Wir sind zu müde, um zu radeln, zu wach, um die Nacht schon zu beenden.

»Willst du eigentlich nach dem Abi hier weg?«

Über meine Frage muss sie nicht mal eine Sekunde nachdenken, nickt schnell und lässt mich bereitwillig an ihren Zukunftsplänen teilhaben.

»Unbedingt. Am liebsten nach München, jaja, ich weiß, ich war noch nie dort, aber es sieht wie die perfekte Stadt für mich aus. Wenn das nicht klappt, dann vielleicht Köln oder Hamburg. Alles, nur nicht Berlin.«

»Oder Walddorf.«

Sie lässt ihren Blick über ihren nächtlichen Heimatort wandern, doch ohne die Liebe dafür, die ich bei Konstantin gesehen habe.

»Walddorf ist ein Ort, aus dem man kommt, nicht einer, an dem man bleibt.« So, wie sie das sagt, klingt es wie ein Sprichwort, dass man hier öfter hört. »Wenn du nicht perfekt in diesen Ort passt, bist du immer das Eckige, das nicht ins Runde passt. Über das man ständig spricht.« Mone deutet auf die Straße vor uns. »Hier lebst du das Leben nach dem Vorbild deiner Eltern, es wird erwartet, dass du irgendwie in ihre Fußstapfen trittst.«

»Das Gefühl kenne ich. Manchmal, wenn meine Eltern fragen, ob ich mir schon genauere Gedanken über meine Zukunft gemacht habe, befürchte ich, sie wollen, dass ich ihr Restaurant übernehme.«

»Und willst du?«

»Es ist ihr Lebenstraum, nicht meiner.«

»Kenne ich. Heiraten, Kinder kriegen, Haus bauen oder erben. Und dann komme ich.«

»Kein Haus?«

»Wohnung. Mit Balkon.«

»Klingt auch verlockend.«

Mone lacht kurz und schüttelt dann den Kopf, als wisse sie, dass ihre Planung so nicht funktionieren wird.

»In München unbezahlbar.«

»Stimmt auch wieder.«

»Und was ist mit dir? Willst du zurück nach München?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht schon, aber …« Niemand wird mich da mit offenen Armen empfangen, und egal, was uns die Einwohnerzahl von knapp 1,5 Millionen erzählen will, München ist ein als Großstadt verkleidetes Dorf. Gerade dann, wenn man jemandem besonders großzügig aus dem Weg gehen will, kreuzen sich die Wege immer und ständig. Als gäbe es da nicht genug Platz für alle.

Also musste eine gehen.

Meine nicht zugestellten Nachrichten sind Beweis genug.

»Aber jetzt hat es dir Walddorf so sehr angetan, dass du gar keine Lust mehr hast wegzugehen?« Die Ironie in Mones Stimme ist zu deutlich zu hören, als sie meinen angefangenen Satz für mich beendet, und ich sehe lächelnd zu ihr.

»Vielleicht bleibe ich nach dem Abi noch ein Jahr oder so hier, schaue mal, wohin ich wirklich will, und ziehe dann los.«

»Kannst mich dann ja besuchen kommen. In München-Köln-Hamburg.«

»In der Wohnung mit Balkon.«

»Genau.«

Lachend biegen wir in die nächste Straße ein, als uns plötzlich aufjaulende Sirenen aus unseren Zukunftsplänen reißen. Das Blaulicht ist diesmal ganz nahebei und nicht irgendwo in der Ferne zu sehen. Ein Feuerwehrwagen rast an uns vorbei, die Sirenen wecken das halbe Dorf, und Mone sieht überrascht zu mir.

»Was zum Henker …?«

»Sag mal, ist das bei euch üblich? Gestern die Polizei, heute die Feuerwehr?«

»Ja, nee. Eigentlich nicht.«

Nur ein Blickwechsel und schon schwingen wir uns auf unsere Räder und folgen dem Feuerwehrwagen, der zwar nicht mehr zu sehen, aber noch immer zu hören ist.

Vergessen die Müdigkeit, dafür scheint es in Walddorf keinen Platz zu geben.

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