Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 35 von 77

PDF-Seiten

Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 34

 

 

Konstantin

 

Du musst es nur anvisieren.«

Jonas’ Stimme ist ein hochkonzentriertes Flüstern, seine Körperhaltung angespannt, das Gewehr hält er so locker, als wäre es eine natürliche Verlängerung seiner Schulter. Das Funkeln seiner Augen löst eine Gänsehaut auf meinem Körper aus, aber keine von der guten Sorte.

»Wirst sehen, das macht Spaß und die Birne frei.«

Volker, der sehr nah hinter mir steht, gibt mir das Gefühl, in der ersten Reihe eines Events zu stehen, auf das ich nie eingeladen werden wollte.

»Da drinnen ist aber eh nicht viel los«, versuche ich mich rauszureden.

Jonas legt den Kopf schief, Volker lacht, die anderen sind so still, wie ich es gerne wäre.

»Diese Vio, dein Bruder, die Zukunft, Isabell, deine Zweitrangigkeit. Da drinnen muss es doch höllisch laut zugehen.« Volkers Stimme klingt wie das Teufelchen auf meiner Schulter. »Lass alles raus, Wagenfeld der Zweite.«

Noch immer bin ich mir nicht so recht sicher, was ich eigentlich tun soll. Wegrennen? Mitmachen? Ablehnen? Ja, ich habe Schiss, aber irgendwie ist es auch verdammt aufregend. Robin ist nicht hier, aber ich schon.

»Konzentrieren, anvisieren, und wenn du es hast …«

Jonas drückt ab, ein Zischen geht durch den Wald, dann ist das Klirren der Bierflasche zu hören und der laute Jubelschrei der anderen, der jedem – auch ganz ohne GPS – unseren genauen Standort verrät.

»BÄM!« Er lässt das Gewehr sinken und dreht sich zu uns um, wo ihm der Beifall entgegenschwappt, der ihn darin bestätigt, gerade der Tollste zu sein. »Und das, Wagenfeld der Zweite, nennt man einen Volltreffer.« Er deutet eine kleine Verbeugung an, und ich ertappe mich dabei, wie ich kurz mitklatsche. Ich finde das etwas unheimlich, aber auch beeindruckend.

»Es ist stockduster, wie hast du das gemacht?«

Statt direkt zu antworten, küsst er das Gewehr.

»Das liegt an Diana Stormrider. Du musst nicht mehr einzeln nachladen wie vor hundert Jahren. Einfach BÄM-BÄM-BÄM.« Lässig zuckt Jonas die Schultern. »Und dank der jahrelangen Übung treffe ich inzwischen alles mit geschlossenen Augen.« Jonas hält mir das Gewehr hin, aber ich bewege mich nicht. »Jetzt nimm schon.«

»Ich sehe mich eher als Pazifisten.«

Volker legt den Arm um meine Schulter, fest und viel zu intim.

»Das ist ein Luftgewehr. Damit kannst du niemanden umbringen.«

»Aber verletzen.«

»Du ballerst mit 4,5 mm Diabolos.«

Wollen sie mich mit diesen Fachbegriffen, die mir alle nichts sagen, beruhigen oder verunsichern?

Jonas greift in seine Hosentasche und zieht eine Handvoll der kleinen Geschosse hervor. Vorhin hat er das Gewehr damit geladen, winzig klein, mit einem hellen Messingkopf.

»Die haben eine geniale Aerodynamik und eine hohe Durchschlagskraft. Maus, Ratte, Streifenhörnchen, kannste alles damit abknallen. Damit trifft echt jeder Idiot.«

»Ähm …«

»Mann, das Teil ist nichts weiter als ein Sportgerät.« Jonas lässt die Munition wieder verschwinden, macht einen Schritt auf mich zu und drückt mir den Stormrider gegen die Brust. »Nichts anderes als dein Tennisschläger. Damit kannst du ja auch jemanden verletzen.«

»Ich will einfach nicht.«

»Ein Schuss. Komm schon. Du hast doch sicher ’ne starke Hand-Augen-Koordination, du Tennis-Ass.«

Bevor er mir das Gewehr noch in die Brust rammt, nehme ich es an und halte es etwas ungelenk in der Hand. Es ist leichter, als ich vermutet habe, und trotzdem liegt es tonnenschwer in meinen Händen.

»Anlegen, anvisieren, abdrücken und gut fühlen.«

Noch immer starre ich auf das Gewehr in meiner Hand, es sieht so echt aus, als könne ich sehr wohl jemanden damit verletzen, und es fühlt sich auch so an. Nicht im Geringsten wie ein Tennisschläger.

»Du zielst auf die Dosen da hinten. Hast ja gesehen, wo wir sie abgestellt haben.«

Er deutet auf das undurchdringliche Schwarz vor mir und ich zögere. Bis Volker mir einen kleinen Schubs gibt und ich einen Schritt nach vorne stolpere, das Gewehr so anhebe, wie Jonas es eben getan hat. Dann kneife ich ein Auge zusammen, sehe durch das Zielrohr und suche irgendwas, das aussieht wie eine Dose. Oder eben der Schatten davon.

»Wenn du sie hast, volle Konzentration!«

Keine Ahnung, worauf ich ziele oder was ich da tue. Oder wieso ich es tue. Zum Glück ist da Volkers Stimme, die mich durch das hier manövriert.

»Gib zu, mit dem Gewehr in der Hand kommst du dir gar nicht mehr so überflüssig vor, oder?«

Überflüssig. Volltreffer.

»Niemand würde dich jetzt übersehen oder ignorieren. Weißt du, wieso?«

Diesmal bleibe ich stumm und er spricht weiter.

»Weil du plötzlich das Sagen hast. Egal, was die anderen quatschen, du hast jetzt plötzlich diese Power.«

Diese Angst, meint er wohl. Angst, jemanden aus Versehen zu treffen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit eher gering ist. Aber was, wenn ich einen nächtlichen Jogger erlege, der dank Schlafstörungen gerne um diese Uhrzeit durch genau dieses Stückchen Wald hinter dem Schützenverein joggt?

»Drück einfach ab, es tut nicht weh.« Da ist wieder das Teufelchen, das all meine Zweifel übertönen will, und ich spüre, wie mein Zeigefinger sich dem Abzug nähert. »Das erste Mal ist es was Besonderes, also genieße den Moment.«

Das Grinsen in seiner Stimme ist deutlich zu hören, diese Selbstsicherheit, die an Arroganz grenzt oder den schmalen Grat schon längt überschritten hat.

»Jetzt drück endlich ab! Das ist ja wie ’ne Geburt bei dir.«

Ich meine, die Dose im Sucher sehen zu können, etwas heller im Vergleich zum Hintergrund. Es wäre so einfach, nur den Zeigefinger etwas krümmen und dann hoffen, dass die anderen endlich aufhören, mich zu drängen.

Und ich mich nicht mehr so überflüssig fühle.

Meine Gedanken wandern zurück zur Party, wo ich mich zwischen all meinen Freunden so fehl am Platz gefühlt habe.

Volker schlägt mir so unerwartet gegen die Schulter, dass mir der Schreck durch den Körper jagt und mein Finger zuckt. Der Knall ist zu hören, aber kein Aufprall.

»Ziel voll verfehlt.« Sie lachen. Sie lachen laut und ich drehe mich wütend zu ihnen um. »Jetzt bist du offiziell schusswaffenentjungfert.«

»Ha. Ha.«

»Gib zu, es hat dir gefallen!«

Um das zu beantworten, müsste ich erst mal meine Gedanken sortieren, aber in meinem Kopf ertönt gerade ein superlautes Geräusch und es übertönt alles andere. Es dauert einen kurzen Moment, bis ich kapiere, dass es gar nichts mit meinem Kopf zu tun hat.

»Die Bullen!«

Was für ein beschissenes Déjà-vu.

Wir starren einander an, das Gewehr in meiner Hand, das Grinsen auf Jonas’ Gesicht, Volkers funkelnde Augen. Von Panik fehlt bei den anderen jede Spur, was kein Wunder ist, denn die ist ja auch komplett bei mir gelandet. Bevor ich reagieren kann, hat Volker bereits einen Plan.

»Wir teilen uns am besten auf, dann kriegen sie uns nicht!«

Es klingt wie eine Aufforderung zu einem Spiel. Eines, bei dem wir uns im Wald verstecken und hoffen, nicht gefunden zu werden, so wie früher, als wir Kinder waren.

Sie spurten los, haben das wohl schon hundert Mal gemacht, und die Nacht verschluckt sie, zurück bleibe nur ich und dieses Gewehr. Getrieben vom Adrenalin, renne ich in die andere Richtung, bis ich ihr Gelächter nicht mehr hören kann, und gehe hinter dem Baumstamm, über den wir vorhin geklettert sind, in Deckung.

Meine Atmung ist schnell, mein Kopf dröhnt und der Schweiß rinnt mir den Nacken entlang unter den Kragen meines T-Shirts.

Wieso bin ich nicht einfach auf der Party geblieben? Wieso habe ich nicht mit Vio getanzt? Und wieso um alles in der Welt hielt ich Jonas’ dämlichen Vorschlag für eine gute Alternative dazu?

Noch immer halte ich das Gewehr in meinen Händen und das hämmernde Herz in meiner Brust fest.

Nur der vibrierende Hintern passt nicht so recht zu meiner Situation.

Mein Handy klingelt, lautlos, aber doch zu laut für meinen Geschmack. Mit schweißnasser Hand ziehe ich es aus der Hosentasche und erkenne den Namen meines Bruders auf dem Display.

Fuck, fuck, fuck!

OceanofPDF.com