Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 21
Vio
Mama und Papa schlafen schon, was ich ihnen nicht verübeln kann, ihr Tag war aufregend und spannend, wenn auch kein Vergleich zu meinem. So leise wie möglich schleiche ich die Treppe nach oben in mein Zimmer, wo ich ebenso leise die Tür hinter mir schließe und in ein Chaos aus halb ausgepackten Kartons und einem halb eingeräumten Kleiderschrank schaue. Es spiegelt die Gefühle in meiner Brust ziemlich gut wider. Diese Mischung aus Noch-nicht-angekommen-Sein und Sich-hier-ganz-Wohlfühlen.
Das voll besetzte Restaurant, das Lächeln auf den Gesichtern meiner Eltern, die zufrieden den Eröffnungstag genossen haben, auch wenn das viel Arbeit und eine ordentliche Portion Stress bedeutet hat. Den unnötigen Kommentar von Jonas habe ich, anders als seinen Namen, schon fast vergessen. Meine erste Party in Walddorf, mein Abenteuer mit Konstantin, wie gerne würde ich jemandem davon erzählen, aber ein Blick auf mein Handy lässt mich wissen, dass mich daheim – ist München eigentlich noch daheim? – niemand vermisst.
Auf den Instagram-Profilen meiner ehemaligen Klassenkameraden tobt das Sommerleben. Sie unternehmen genau die Dinge, bei denen ich früher dabei war, die ich oft geplant und initiiert habe. Die Lücke, die ich dort hinterlassen habe, wurde schnell mit irgendwelchem emotionalen Spachtelzeug geschlossen. Während ich hier sitze und mich frage, wie alles so auseinanderbrechen konnte.
Egal. Ich bin jetzt hier.
Ich werfe mein Handy aufs Kopfkissen und schlüpfe aus den nassen Klamotten, bevor ich den ganzen Boden volltropfe. Bei den noch immer herrschenden Temperaturen werden sie bis morgen bestimmt trocken sein, wenn ich sie auf den Balkon hänge, was ich tue.
Ist es möglich, dass die Nacht hier stiller ist als in der Großstadt? Sicher, München ist nicht New York, macht auch mal die Augen zu und gönnt sich ihren Schönheitsschlaf, aber Walddorf hat im Vergleich dazu einen dornröschenwürdigen Schlaf. Außer den Naturgeräuschen, die ich mir früher von einer Schlaf-App künstlich vorgaukeln ließ, ist nichts zu hören. Keine Autos, kein Lärm, kein wildes Lachen, kein gar nichts. Nur sehr viel Stille und enge Weite. Der Blick vom Balkon fällt in eine Dunkelheit, die mir im ersten Moment Angst macht. Weil sie verdächtig nach einem Blick in meine Zukunft aussieht.
Aber bevor sich die Panik in meiner Brust ausbreiten kann, unterbricht das Piepen meines Handys mich und kündigt eine eingehende WhatsApp-Nachricht an. Nur zu gerne reiße ich mich vom Anblick der Nacht los und gehe zurück ins Zimmer, wo mein Handy mich empfängt.
Ich habe eine Sprachnachricht bekommen. Von Pizza Panda, weil ich den Namen noch immer nicht in Konstantin geändert habe.
»Hi, ich dachte nur, es wird dich freuen zu erfahren, dass unser Surfbrett ordnungsgemäß im Schuppen verstaut wurde und niemand etwas vom kleinen Seeausflug erfahren wird. Wie es scheint, war die Polizei auch gar nicht da, wir haben also vollkommen umsonst die spektakuläre Flucht über Stock und Stein hingelegt. Schlaf gut, Vio.«
»Wieso lächelst du so?«
So versunken war ich in Konstantins Sprachnachricht, dass ich meine Mutter nicht gehört habe. Sie lehnt im Türrahmen, mit verschlafenen Augen, die doch scharf genug sehen, um mich zu entlarven. Schnell schüttele ich den Kopf, aber das Lächeln bewegt sich kein Stück, bleibt wie ein verdächtiges Indiz an meinen Lippen haften.
»Einfach nur so.«
»Du warst ja ziemlich lange mit deinen neuen Freunden unterwegs.«
»Das sind nicht meine neuen Freunde.«
»Wieso wehrst du dich denn so dagegen? Es ist doch offensichtlich, dass dieser Junge dich mag. Und das Mädchen …«
»Mone.«
»Mone. Sie hat dich direkt auf eine Party eingeladen.«
»Sie wollen nur nett sein.«
»Oder sie mögen dich. Was mich nicht wundert.«
Und auch, wenn ich wirklich hoffe, dass sie mich mögen, werde ich das Gefühl nicht los, dass ich auch für sie irgendwie anders bin. Mehr als ein undefinierbares Schulterzucken kriege ich nicht hin und lasse mich auf die Bettkante sinken, was Mama vollkommen richtig als Aufforderung ansieht, mir etwas Gesellschaft zu leisten.
»Hattest du denn Spaß?«
»Es war sehr nett.«
»Warst du schwimmen?«
Sie greift nach den Spitzen meiner nassen Locken, die sich bereits wie wild kräuseln, wie immer, wenn ich sie lufttrocknen lasse.
»Ja.« Sie nickt, fragt aber nicht weiter, und ich sehe zu ihr, erkenne mich selbst in ihren Gesichtszügen. »Ich finde es hier gar nicht so schrecklich, es ist nur sehr ungewohnt.«
»Das weiß ich, mein Schatz.«
»Und ich helfe auch gerne im Restaurant.«
»Nur, bis wir Verstärkung gefunden haben.«
»Aber heute lief es echt gut, oder?«
»Dein Vater hat viel Lob für die Mici bekommen.«
»Ich glaube, die Leute werden sein Essen noch richtig lieben.«
»Natürlich. Mach dir da mal keine Sorgen.«
Dabei weiß Mama genauso gut wie ich, dass rumänische Restaurants nicht gerade aus dem Boden sprießen, einfach, weil niemand wirklich diese osteuropäische Küche kennt. Auch wenn Jonas und seine Freunde heute die Ausnahme waren, so haben mich seine Kommentare doch genervt. Meinen Eltern habe ich nichts davon erzählt. Nicht am ersten Tag.
»Es ist auf jeden Fall sehr schön, dich wieder so lächeln zu sehen.« Sie berührt sanft meine Wange. »Ein Neuanfang ist für uns alle eine gute Idee, Vio. Du wirst schon sehen.«
Mama sagt das mit so viel Überzeugung, dass ich nicht ausschließen möchte, sie hält eine Kristallkugel für Mütter, die ihr alles über die Zukunft verrät, vor uns Normalsterblichen versteckt.
Erneut lässt mich mein Handy wissen, dass ich eine weitere WhatsApp-Nachricht bekommen habe. Schnell werfe ich einen Blick auf das Foto, das er mir geschickt hat, und Mama hebt fragend eine Augenbraue.
»Von Konstantin.«
»Ist er gut daheim angekommen?«
Noch immer lächelnd nicke ich, als ich das Surfbrett im Schuppen erkenne.
»Ja. Alles ganz ordnungsmäßig.«
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