Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 68 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 67

 

Vio

 

Habe gerade Feierabend gemacht.« Auf meinem Bett liegend, halte ich mir das Handy ans Ohr und höre noch, wie Mone sich von ihrem Kollegen verabschiedet und dann zu ihrem Rad läuft. Es ist kurz nach halb elf und noch immer viel zu heiß. »Was habe ich in der Zwischenzeit verpasst?«

Mone hat aufs Headset gewechselt, dadurch höre ich sie deutlicher und die Hintergrundgeräusche sind fast verschwunden.

»Nichts. Und ehrlich gesagt ist das okay so.«

»Sag bloß, die Langeweile hier in dem Kaff hat in dir einen neuen Fan gefunden.«

Mones Lächeln lässt ihre Stimme ganz nah klingen, und ich ändere meine Position auf dem Bett so, dass ich aus dem Fenster nach draußen schauen kann.

»Vielleicht ein bisschen.«

»Kann es dir nicht verübeln, ’ne Pause vom Trubel ist auch mal ganz nett.« Mone scheint eine geübte Telefon-Radlerin zu sein, denn sie kommt zu keinem Zeitpunkt außer Atem, erzählt mir fröhlich von ihrer Schicht und lenkt mich dadurch bestens ab. »Sag mal, wie lange bist du noch wach?«

»Wieso? Willst du einen Umweg fahren?«

»Dachte, vielleicht hole ich uns noch zwei Döner oder so. Mitternachtshappen?«

»Klar. Bin dabei.«

»Döner mit allem bei dir?«

»Das klingt perfekt.«

Tatsächlich hebt die Vorstellung, mit Mone noch ein bisschen Zeit zu verbringen, meine Stimmung und ich setze mich auf.

»Ich stelle die Getränke kalt.«

»Warte mal, Vio …« Sie bremst wohl ab, ihre Atmung wird plötzlich trotzdem hörbar schneller. »Ach du Scheiße.«

»Was denn?«

»Da ist jemand auf der Baustelle.«

Sofort stehe ich auf, ignoriere das Schwindelgefühl und drücke mir das Handy noch fester ans Ohr.

»Wo bist du denn?«

»Auf der Landstraße … da sind Leute.«

Ein ganz mieses Gefühl breitet sich in meinem Zimmer aus, droht mich komplett zu vereinnahmen. In meiner Panik flüchte ich auf den Balkon, wo mich eine heiße Wand aus Sommerluft fast umhaut.

»Mone …«

»Da brennt was! Ich kann es sehen!«

Und wenn sie das kann, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass die auch sie sehen können. Mein Puls beschleunigt sich und ich greife nach dem Geländer vor mir.

»Mach, dass du da wegkommst.«

»Warte, vielleicht kann ich näher ran.«

»Nein! Vielleicht sind das die Typen vom Restaurant.«

»Ja, deswegen ja.«

»Mone!«

»O fuck …« Irgendwas passiert, aber ich kann die Geräusche nicht einordnen und hasse es, nicht dort zu sein. »Die haben mich gesehen.«

»Verschwinde!«

Ihre Atmung passt sich meinem Puls an, und ich renne durch mein Zimmer und nach unten, aber meine Eltern sind noch im Restaurant, alles für die Wiedereröffnung vorbereiten.

Wieso, verdammt, stellt eigentlich in diesem Haus niemand das Telefon zurück auf die Ladestation?

»Die haben ein Auto!« Auto gegen Fahrrad ist noch nie gut ausgegangen. »Fuck, Vio!«

Die Panik, die mich durch das Handy erreicht, kommt mir so bekannt vor, dass ich für eine Sekunde die Suche nach dem Festnetztelefon vergesse und Luft holen muss.

»Ich rufe die Polizei.«

»Nein! Nicht auflegen, bitte!«

Alle Werbeprospekte, die ungefragt in unserem Briefkasten landen und von meiner Mutter auf dem Esstisch ausgebreitet wurden, fege ich wütend auf den Boden, hoffe, endlich dieses beschissene Telefon zu finden, während Mone mir schwer ins Ohr atmet und ich deutlich das Hupen eines Autos höre.

»Fuck!«

»Fahr von der Straße!«

Nicht, dass mein Tipp besonders nützlich ist, aber mehr fällt mir nicht ein, während ich hektisch das Wohnzimmer auf den Kopf stelle.

»Scheiße, Vio.«

Stimmen sind zu hören, Gegröle mischt sich unter das Gehupe, und ich kann Mones Angst deutlich spüren. Da entdecke ich das kleine grüne Licht des Telefons zwischen den Sofakissen und greife sofort danach.

Mit Mone an einem Ohr, wählen meine zittrigen Finger die 110, wo es nur zwei Mal klingelt.

»Polizeinotruf, bitte legen Sie nicht auf.«

Das ist alles? Ich lande bei einem Band, während meine Freundin von irgendwelchen Idioten verfolgt wird?

»Mone?«

»Fuck ey.«

Zwei Worte und ich weiß, dass sie weint.

»Polizeizentrale Speyer, wie kann ich Ihnen helfen?«

Die souveräne Frauenstimme am anderen Ende erschreckt mich fast zu Tode, obwohl sie mich beruhigen sollte.

»Ja, hallo, Hilfe, meine Freundin wird auf der Landstraße zwischen Ottersfeld und Walddorf von einem Auto verfolgt.«

»Wo genau?«

»Mone, wo genau bist du …?«

Doch es kommt keine Antwort.

»Mone?«

Ich brülle ihren Namen in mein Handy, horche angestrengt und höre doch nichts.

Nichts.

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