Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 66
Konstantin
In Deutschland wird der Molotowcocktail in der Waffenliste als verbotene Waffe aufgeführt. Somit sind gemäß § 52 Abs. 1 Nr. 1 der Erwerb, der Besitz, das Überlassen, das Führen, das Verbringen, das Mitnehmen, das Herstellen, das Instandsetzen sowie der Handel damit verboten.«
Nichts davon irritiert sie, viel mehr lachen sie über mich und schütteln amüsiert den Kopf. Dabei zittert meine Stimme, als ich weiterlesen.
»Ebenso ist es nicht erlaubt, zum Herstellen von Molotowcocktails anzuleiten oder aufzufordern.«
Volker, der die Sturmhaube bis zur Stirn hochgeschoben hat, winkt ab, schneidet weiter die Stofffetzen zurecht und reicht sie Jonas, der sie in die bereits fertig gefüllten Flaschen stopft.
»Wir leiten ja niemanden an. Wir wissen schon, wie es geht.«
Und genau das erschreckt mich. Die Sicherheit, mit der Volker alles vorbereitet hat, die Ernsthaftigkeit beim Vorbereiten und der Mangel an Skrupeln, angesichts dessen, was ich ihnen gerade vorlese.
»Das Werfen von Molotowcocktails auf Personen, zum Beispiel auf Polizisten, wird in der Rechtsprechung häufig als versuchtes Tötungsdelikt bewertet und mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet.«
»Na, zum Glück werfen wir es nicht auf Polizisten.«
»Oder Menschen.«
Nein, ihr Ziel ist ein anderes, und mir zittern noch immer die Knie, wenn ich daran denke, dass ich mitmachen soll.
»Ihr wisst schon, dass ich bei der Feuerwehr bin.«
»Klar. Du bist unser Brandschutzexperte. Deswegen haben wir dich ja dabei.« Volker nimmt die nächste Flasche Lampenöl und deutet damit auf mich. »Mach dir nicht ins Hemd. Um die Uhrzeit ist niemand mehr auf der Baustelle.«
Jonas nickt, wischt sich die Hände an der Hose ab und sieht zu mir.
»Mein Vater sagt, das Heim wird eh nie fertiggebaut. Das Ding wird für immer so rumstehen. Das ruiniert voll das Ortsbild.« Tatsächlich klingt das nicht wie etwas, das Jonas von sich aus so formulieren würde. Ganz offensichtlich hat er seinem Vater zu oft, zu genau zugehört und spult jetzt dessen Gequatsche noch mal für uns ab. »Mit den Steuergeldern könnte man zum Beispiel den hiesigen Kindergarten endlich mal renovieren.«
»Ja, oder das Pflegeheim.«
»Seit wann interessieren euch soziale Einrichtungen?«
»Seitdem sie unsere Steuergelder für die kuscheligen Zimmer dieser Ausländer verschleudern. Ist immer noch unser Land, oder?« Volker steht auf und reicht mir die Schere und den letzten großen Fetzen des ehemaligen Bettbezuges. »Mach dich mal nützlich, Herr Brandschutzbeauftragter.«
»Ehrlich, Jungs, wir können nicht einfach …«
Volkers Ohrfeige, die mich unerwartet genau auf meinem Veilchen trifft, setzt meine Wange quasi in Flammen und riecht sogar nach Petroleum.
»Hab ich dich nach deiner Meinung gefragt, Wagenfeld?«
Mir schießen Tränen in die Augen, die nicht nur von dem Schmerz herrühren, sondern der Scham.
»Dein Bruder hat nicht so viel rumgequatscht.«
Robin. Robin, der jetzt nicht hier ist. Der mich gewarnt hat. Ob er von dieser Aktion weiß?
»Der hat nur seinen feinen Spruch an die Baustelle geschmiert und gedacht, dadurch ändert sich was. Feigling.«
Ich stehe noch immer stramm und bewegungslos vor Volker.
»Bist du der bessere Wagenfeld?« Unsicher, ob er darauf wirklich eine Antwort hören will, warte ich ab und er spricht weiter. »Dein Bruder dachte, ein paar Container abfackeln würde reichen, damit die Leute aufwachen. Der feine Herr hat nicht verstanden, dass es nicht bei solchen Einzelaktionen bleiben kann. Wir müssen gemeinsam, gezielt und dauerhaft aktiv werden, wenn sich was ändern soll.«
Jonas, der artig weiter seiner Arbeit mit den Lappen nachgeht, meldet sich erst jetzt wieder zu Wort.
»Rotschädel United.«
»Ganz richtig. Die Jungs aus Ottersfeld sind dabei, und wir kriegen auch noch einige aus Harthofen, da bin ich dran.« Als er mir die Flasche in die Hand drückt, zucke ich kurz zusammen, erwarte die nächste Ohrfeige, aber Volkers Wut ist schon wieder verflogen, das sanfte Lächeln dafür zurück. »Aber wir drei, wir sind der Kern. Die Denker, die Macher. Ohne uns läuft gar nichts.«
Etwas zu fest halte ich die Flasche in meiner Hand, die sich ölig und fremd zwischen meinen Fingern anfühlt. Der Gestank tötet fast alle Gedanken in meinem Kopf.
»Das wird was Großes, Konny. Wir halten unseren Teich rein. Und andere werden unserem Beispiel folgen.«
Seine Worte berühren etwas in meinem Inneren, aber die üblen Dämpfe vernebeln die vielen Fragen und Zweifel in meinem Kopf. So nah, wie Volker vor mir steht, befürchte ich fast, er kann sie trotzdem sehen.
»Mach dir keine Sorgen, alles wir glattlaufen.«
»Ich will aber nicht dabei sein …«
Ganz sicher habe ich das eben laut ausgesprochen, aber Volker ignoriert meinen Einwand und fährt unberührt fort.
»Ich habe alles geplant. Wir drei haben ein Alibi, niemand wird uns sehen oder erkennen.« Mit einer ruckartigen Handbewegung zieht er die Sturmhaube über das Gesicht. »Und bevor sie wissen, was los ist, sitzen wir bei mir daheim auf dem Sofa und stoßen auf unseren Erfolg an.«
»Ich mache nicht mit.«
Sogar Jonas unterbricht seine Aktion und sieht zu mir, aber es geht nicht. Es geht einfach nicht.
»Du bist ein Rotschädel.«
»Nein.«
Volkers Kiefer spannt sich an, Jonas steht auf und ich bereue, mich auf ein weiteres Treffen mit ihnen eingelassen zu haben. Jonas kommt zu uns, das euphorische Leuchten in seinen Augen droht jede Sekunde durchzubrennen.
»Du kannst jetzt keinen Rückzieher machen, Konny.«
»Ich kann das nicht …«
Damit drücke ich Volker die Flasche wieder in die Hand. Es gibt einen Unterschied zwischen gemeinsam Angeln und gemeinsam was abfackeln. Vor allem aber gibt es einen Unterschied zwischen unseren Ansichten.
»Willst du jetzt für Vio den Helden spielen?«
»Es ist einfach nicht richtig.«
Jonas will schon auf mich losgehen, als Volker ihn zurückhält. Gerade von ihm habe ich mir eigentlich keine Unterstützung erwartet.
»Verstehe. Du willst aussteigen.«
»Ich war doch nie wirklich dabei.«
Volker nickt wieder, so, als hätte er verstanden.
»Das ist natürlich bitter.«
Nicht so wirklich. Ich haue ab, zurück nach Hause, gebe Robin den Roller zurück, versuche die Sache mit Vio irgendwie wieder hinzubiegen und lebe mein Leben weiter.
»Also, vor allem für Robin.«
»Robin?«
Volkers vorgetäuscht trauriges Lächeln trifft mich mitten ins Atemzentrum, das sofort mal einen Gang hochschaltet.
»Wenn ich der Polizei erst erzähle, was er da am Flüchtlingsheim abgezogen hat. Und bei dem Containerbrand. Ob sein Betrieb wohl entspannt damit umgeht, wenn ein Rassist bei ihnen ’ne Ausbildung anfangen will?«
Jonas hat Volkers Plan ebenso durchschaut wie ich und verschränkt grinsend die Arme.
»Tschüss Ausbildung, hallo Verlängerung in Walddorf.«
»Ihr wart auch dabei. Bei der Sprühaktion.«
Volker sieht ahnungslos zu Jonas, der nur die Schultern zuckt.
»Also, ich war bei Volker. FIFA zocken.«
Robin. Fuck.
»Das wäre schon sehr tragisch für deinen feinen Bruder. Aber das ist deine Entscheidung.«
Meine Hand ballt sich zur Faust.
»Also, bist du heute Abend dabei?«
Volker hält mir die stinkende Flasche wieder hin.
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