Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 54 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 53

 

 

Vio

 

Papa ist schon zur Gaststätte gefahren, weil der Glaser heute die Scheibe austauschen will und weil er am liebsten sofort weitermachen will, so, als wäre nichts passiert. Ja keine Schwäche zeigen, die anderen nicht wissen lassen, dass wir – zumindest ich – noch immer ziemlich unter Schock stehen.

Mama hat nicht gefragt, warum Mone bei uns übernachtet hat, das konnte sie sich wohl denken. Auch heute Morgen fühlt sich das gestern Erlebte wie einem Film entsprungen an, und ich bin ganz froh, in den Tag danach nicht alleine starten zu müssen.

Konstantin habe ich heute früh direkt geschrieben, dass es mir ganz gut geht, Mone da ist und ich mich freue, wenn wir uns heute sehen. Er klang gestern ja recht gefasst, aber selbst jetzt ist noch immer kein Doppelhaken unter meiner letzten Nachricht an ihn. Vermutlich schläft er noch.

»Mach dir keinen Kopf, es geht ihm gut.« Mone, in ein Nutellabrot beißend, grinst mich schokoverschmiert an und ich lege das Handy zur Seite.

»Gestern war er ziemlich mitgenommen. Blass wie ein Geist.«

»Kein Wunder. Niemand würde Konstantin als Hauptdarsteller in einem Actionfilm besetzen.«

»Wieso nicht?«

»Er ist nicht der Typ dafür. Sie würden Robin nehmen.«

»Ich glaube, Konstantin wäre ein guter Actionheld.«

Mone kaut abwartend, aber ich habe nicht vor, ihr von unseren nächtlichen Dates auf dem See inklusive Einbruch in den Surfklub zu erzählen. Oder davon, wie sicher ich mich in seinen Armen gefühlt habe, als wir zitternd unter dem Tisch gekauert haben.

»Dann hast du diese Jason-Statham-Seite an ihm wohl bisher als Einzige kennengelernt.«

»Es muss ja nicht immer der raue, wortkarge und kaputte Held sein, oder? Die gibt es doch in jedem Blockbuster. Konstantin wäre eben ein moderner Held.«

»Du bist so was von verknallt.«

»Oder ich sehe ihn einfach anders, als der Rest es tut.«

Damit gibt sie sich zufrieden und nimmt einen Schluck Kaffee.

»Ich werde mich auf jeden Fall mal umhören. Kann mir einfach nicht vorstellen, dass niemand was bemerkt hat. Die Schüsse waren doch sicher auch noch unten an der Straße zu hören, schließlich hat jemand die Polizei gerufen.«

»Manchmal wollen Menschen nichts mitbekommen.«

»Was meinst du?«

»Ach, ist nur so ein Gedanke.«

»Du glaubst, die Leute sehen und hören absichtlich weg?«

»Könnte doch sein. Wieso sonst hat niemand irgendwas gesehen von dem Schützen?«

»Vielleicht war der Typ einfach clever.«

»Oder jemand Bekanntes.« Mone stützt die Ellenbogen auf, den Blick noch immer auf mich gerichtet, und ich traue mich endlich, meine Bedenken in Worte zu fassen. »Was, wenn es dein Kumpel war oder dein Nachbar oder dein Sohn oder deine Cousine … Würdest du die anzeigen?«

Zumindest denkt Mone einen Moment darüber nach, bevor sie schließlich nickt.

»Ja. Ich denke schon. So was darf man niemandem durchgehen lassen.«

Doch ihre Stimme verrät, dass sie weiß, wieso ich da so meine Zweifel habe. Freunde lügen für Freunde, egal, ob es richtig oder falsch ist.

»Weißt du, was ich mich frage?« Und zwar nicht erst seit gestern Nacht.

»Hm?«

»Wir sitzen hier und sagen: So was darf man niemandem durchgehen lassen, oder: Wir müssen etwas unternehmen.«

Mone nickt zustimmend, bemerkt aber auch meinen traurigen Blick.

»Und die anderen sitzen da und sagen auch: Wir müssen etwas unternehmen, nur sie machen es tatsächlich. Einfach so. Wieso haben die keine Angst?«

Mone greift über den Tisch nach meiner Hand.

»Weil sie sich im Recht sehen. Die denken ja tatsächlich, dass sie für die richtige Sache einstehen. Das ist doch das Problem. In deren Welt sind wir die Bösen. Aber dir wird nichts passieren. Versprochen.«

Ein Versprechen, das auf sehr wackeligen Beinen steht. Aber weil ich nicht will, dass man mir meine Angst ansieht, nicke ich tapfer.

»Ich helfe meinen Eltern heute im Restaurant, Spuren beseitigen und dafür sorgen, dass die Gäste wieder kommen.«

Mone kann hinter meine schnell zusammengezimmerte Mutfassade schauen, lässt mich aber damit davonkommen.

»Sehr gut. Ich bin die nächsten Abende eh in Ottersfeld. Die Tanke ruft mal wieder.«

»Verstehe.«

»Irgendwie muss ich ja meinen Umzug nach München-Köln-Hamburg finanzieren.«

Mir fallen Isas Worte vom See ein, die Behauptung, dass Mone niemals von hier wegkäme. Es liegt mir auf der Zunge zu fragen, was sie damit gemeint hat, aber Mones sehnsuchtsvoller Blick in eine Zukunft weit weg von hier hält mich davon ab, und ich schalte stattdessen um auf gute Laune.

»Und erst die Wohnung mit Balkon.«

»Korrekt.« Sie strahlt beim Gedanken an diese Version ihres Lebens und das derart ansteckend, dass ich mir plötzlich auch vorstellen kann, sie irgendwann in genau so einer Wohnung zu besuchen. Vollkommen egal, was alle anderen sagen.

»Irgendwann werden wir auf diesen Sommer zurückblicken und über diese Idioten lachen.«

Und so gerne ich auch dieser Version Glauben schenken will, mich beschleicht ein ungutes Gefühl, dass ich diese Aktion und diesen Sommer nicht mal aus der Ferne werde belächeln können. Weil sich solche Sachen in ein oder anderer Form bereits zu oft ereignet haben und mir folgen werden, vollkommen egal, in welche Stadt und wie weit weg ich ziehen werde.

»So. Ich muss los, bevor meine Eltern mein Foto auf Milchpackungen drucken lassen.« Sie erhebt sich und deutet eine kleine Verbeugung an. »Falls dir mal wieder nach nächtlicher Begleitung ist, du weißt, wie du mich erreichen kannst.«

»Darauf werde ich zurückkommen.«

Bis zur Tür begleite ich Mone und werfe dann einen unsicheren Blick in die Büsche, die aber heute Morgen nicht mehr halb so gruselig aussehen wie noch gestern Nacht. Das Fahrrad steht unbeeindruckt vom ganzen Drama meines Lebens noch in unserer Einfahrt, und Mone wirft mir eine letzte Kusshand zu, bevor sie sich in den Sattel schwingt und es in Richtung Straße lenkt.

»Hey, Mone.«

Sie bremst noch mal kurz ab und sieht zu mir.

»Ja?«

»Danke für gestern Nacht.«

»Dafür sind Freunde da.« Kurz betätigt sie die Klingel an ihrem Fahrrad und verschwindet um die Ecke.

Obwohl ich sie schon nicht mehr sehen kann, warte ich noch einen Moment im Türrahmen, als würde ich nach Vorzeichen Ausschau halten, die, wie Wolken ein Gewitter, aufziehendes Unglück ankündigen, aber der Ort liegt einfach nur verschlafen vor mir.

Trotzdem bleibt da dieses miese Gefühl, als ob ich beobachtet werde.

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