Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 17 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 16

 

 

Konstantin

 

Die Blumen hat Holger in eine leere Bierflasche gestellt, was die wohl nicht so cool finden und schon nach knapp einer Stunde die Köpfe ordentlich hängen lassen. Anders als Holger. Der ist voll in seinem Element und stößt artig mit allen an, warnt uns, bitte nicht in den Teich zu pinkeln oder darin schwimmen zu gehen und, wenn möglich, auch nicht in die Blumenbeete seiner Mutter zu kotzen. Mone hat Vio direkt beim Betreten der Party beschlagnahmt, und jetzt sitzen die Mädels zusammen am Grill, und ich höre ihr Lachen bis zur Hängematte, in der ich liege und darauf warte, dass mein Steak fertig wird.

»Willst du noch ein Bier?«

Holger reicht mir ungefragt die bereits geöffnete Flasche, und ich nehme sie an, obwohl neben der Hängematte noch eine halb volle steht. Manchmal frage ich mich, ob Holger solche Dinge nicht sieht oder sie ihm einfach egal sind.

»Danke, hab aber noch eins.«

»Jetzt bist du endlich mal auf einer echten Party dabei, da lass es dir auch gut gehen.«

So höflich wie möglich nicke ich.

»Willst du nicht rüberkommen? Marco hat das gute Zeug dabei.«

Er lässt die Augenbrauen tanzen, und ich ahne, dass er von Marcos gutem Zeug schon probiert hat, trotzdem winke ich ab.

»Nee, lass mal.«

Er bedeutet mir, ich solle etwas zur Seite rutschen, was in einer Hängematte nicht so einfach ist, und lässt sich neben mich fallen, was alles kurz aus dem Gleichgewicht bringt.

»Sag mal, so unter uns, ist das nicht irre anstrengend?«

Aus der Nähe betrachtet sind seine Augen zu klar, um zu vermuten, dass er schon gekifft hat, aber ich weiß dennoch nicht, wovon er spricht.

»Was meinst du?«

»Deinen komischen Balanceakt auf dem Drahtseil, mit dem du in jedem Zirkus auftreten könntest.«

»Bist du betrunken?«

Holger lacht und schüttelt den Kopf, obwohl ich das Bier in seinem Atem riechen kann.

»Du machst immer alles richtig, oder? Du kennst deine Grenzen, trinkst nie zu viel, bist pünktlich und achtest auf deinen Körper. Keine Tennisstunde wird verpasst, die Pizza kommt in Bestzeit zum Kunden nach Hause und dann bist du auch noch so ein Gentleman und lässt den anderen den Vortritt bei Vio.«

Er deutet zum Grill, wo inzwischen einige der Jungs um Vio herumstehen und ihr vermutlich Komplimente in Dauerschleife machen.

»Dabei kann ich sogar bekifft sehen, dass du auf sie stehst.«

»Quatsch.«

»Quatsch, ja? Du hast sie doch gerade erst mit Robins Vespa durchs Kaff gefahren, an den See gebracht und jetzt kreuzt du auch noch mit ihr im Arm hier auf.«

»Ich hatte sie gar nicht im Arm.«

»Hättest du aber gerne.«

»Quatsch!« Wieso kribbelt dann noch immer meine Wange, dort, wo sie mich zum Abschied geküsst hat?

»Mensch, Konstantin. Was ist dein Problem?«

»Ich habe kein Problem.«

»Vielleicht solltest du aber mal eins haben.« Damit klopft er mir auf die Schulter, nimmt mir die Bierflasche wieder ab und steht auf, wobei er die Hängematte erneut zum Schwingen bringt. »Du bist siebzehn, da baut man auch mal Mist unterwegs. Das nennt sich übrigens leben.«

Kopfschüttelnd verzieht er sich zu den anderen, zu Vio, die gerade von Marco vollgequatscht wird und dabei nicht besonders interessiert wirkt. Unsere Blicke treffen sich kurz, und ich bin mir nicht sicher, aber es wäre möglich, dass sie mir SOS zuzwinkert.

Oder aber sie hat nur den Rauch vom Grill in den Augen.

Trotzdem verlasse ich meinen Platz in der Hängematte und mache mich schlendernd auf den Weg, einfach mal nach meinem Steak schauen.

»Du solltest un-be-dingt auf das Fischerfest kommen. Das kann locker mit ’ner Party im P1 mithalten, garantiert!« Marco sülzt sie voll und merkt gar nicht, dass sie kein Interesse an ihm hat.

»Ich war noch nie im P1, aber sag mal …«, Vio ist zwar im Gespräch mit Marco, sieht aber nun zu mir, und ich hoffe, ihr Lächeln ist auch meinem Auftauchen geschuldet. »Konstantin, kommst du auch auf das berühmte Fischerfest?«

»Jeder wird da sein.« Marco grinst zufrieden und hebt seine Bierflasche in den Nachthimmel. »Das wird die Party des Sommers!«

»Also, kommst du?« Vio will die Antwort lieber von mir direkt hören, und ich nicke unsicher.

»Ja. Schon.«

»Cool.«

Jetzt lächelt sie mich ganz offen an, was sicher auch den anderen nicht verborgen bleiben dürfte. Marco sieht zwischen Vio und mir hin und her, räuspert sich schließlich, bevor er zum Tiefschlag ausholt.

»Kommst du mit Isabell? Die sucht dich schon überall. Seid ihr jetzt fest zusammen, oder wie?«

»Wer behauptet das denn?«

»Na ja, ihr habt doch rumgemacht. Sieht dir ja sonst nicht ähnlich. Also dachten wir, ihr seid ein Paar.«

Obwohl alle mich ansehen, spüre ich Vios Blick besonders intensiv auf mir.

»Nee, sind wir nicht.« Wie kleinlaut ich doch klingen kann.

»Das Memo hat sie aber wohl verpasst.« Dann klopft Marco auf seine Hosentasche und nickt zur Sitzgruppe vor dem Gartenhäuschen. »Wer will mitziehen?«

Alle folgen seiner Aufforderung, bis auf Mone und Vio. Ich stehe etwas ungelenk rum und betrachte das verkohlte Stück Fleisch auf dem Grill, um das sich niemand gekümmert hat und wohl mal mein Steak war.

»Isabell sitzt übrigens am Teich. Nur, falls du sie gesucht hast.«

Mone kippt den Rest ihres Getränks ins Gras vor meinen Füßen und macht sich dann ebenfalls auf, Marco und den anderen Gesellschaft zu leisten. Plötzlich ist die Zweisamkeit mit Vio, die ich mir den ganzen Abend gewünscht habe, zu viel. Sie sieht mich abwartend an, und ich schlucke auf der Suche nach den richtigen Worten.

»Die Sache ist die, Isabell und ich, das war eigentlich nur ein Kuss und …«

»Mir musst du die Sache nicht erklären, Konstantin.«

»Aber, ich dachte …«

»Sie hingegen wird es wohl hören wollen.« Vio deutet an mir vorbei in Richtung des Teichs, in dem Holgers Eltern irgendwelche Fische halten, die sauteuer sind, denen sie aber nicht mal Namen gegeben haben. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, wer mich dort erwartet. »Wir sprechen uns dann später.«

Vio lässt mich stehen und schubst mich damit zu einem Gespräch, um das ich mich schon eine ganze Weile drücke. Dabei weiß ich nicht mal, warum.

Isabell sitzt am Ufer, ein Glas in der Hand, den Blick auf die dunkle Wasseroberfläche gerichtet. Sie bemerkt mich, als ich mich neben sie setze, sagt aber nichts.

»Hi.«

Keine Antwort.

»Hör mal, wir müssen reden …« Wieder keine Antwort, nur sehr viel Druck, das Richtige zu sagen, ihr nicht wehzutun. »Du weißt, dass ich dich echt mag.«

Jetzt dreht sie sich zu mir, und ich wünschte, sie hätte es nicht getan. Ihre Augen sehen geschwollen aus, sie hat geweint, das verrät mir ihr verlaufenes Make-up.

»Ja, Konstantin, du magst mich. Du magst schließlich alle. Aber vor allem magst du sie.«

Wieso ist das eigentlich für alle so irre offensichtlich, wo ich es mir selber nicht mal eingestehen will?

»Sie hat damit nichts zu tun.«

»Weißt du, mir war schon nach dem Kuss klar, dass das zwischen uns wohl nichts werden wird.« Ihre Augen funkeln verletzt. »Aber du hast dich so vage verhalten, hast auf alle Nachrichten geantwortet, dass ich mir immer ein bisschen Hoffnung gemacht habe. Es wäre fairer gewesen, du hättest direkt gesagt, was Sache ist.«

»Ich weiß, aber …«

Sie schüttelt den Kopf, lässt mich nicht aussprechen, beendet dafür meinen unausgesprochenen Satz.

»Schon klar, du wolltest mir nicht wehtun. Weil du ach-so-scheißnett bist. Konstantin Wagenfeld, der Junge, der nie jemanden verletzt, der nie was Falsches sagt.« Isabell steht auf, klopft sich das Gras von der Hose und blickt auf mich herab, als wäre ich wirklich das Letzte. »Und aus Angst davor, überhaupt irgendwas falsch zu machen, sagst du gar nichts und machst es einfach nur immer schlimmer.«

Ihre Worte treffen mich wie Ohrfeigen, und ich kann nichts erwidern, weil ich zu genau weiß, dass sie recht hat.

»Viel Spaß mit der Neuen. Brich ihr nicht auch noch das Herz.«

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