Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 72 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 71

 

Vio

 

Das Handy klingelt, noch bevor ich mein Zuhause erreicht habe, und ich ziehe es aus der Gesäßtasche, ohne vom Rad zu steigen. Gerade ist der Fahrtwind lebensnotwendig, weil er mich zum Atmen zwingt.

»Ja?«

»Störe ich?« Mones Stimme erreicht mich in meiner kleinen Verzweiflungsblase und bringt sie augenblicklich zum Platzen.

»Gar nicht.«

»Bist du noch unterwegs?«

»Ja. Konnte auch nicht schlafen.«

Nicht nach den Infos, die ich seit unserem Abschied erhalten habe.

»Dann sind wir schon zwei. Wo steckst du?«

Ich sehe auf das Feld vor mir, in dem man noch deutlich die Spuren der wilden Verfolgungsjagd erkennen kann. Überall bilden umgeknickte Maispflanzen eine Art Labyrinth und ich lasse mein Fahrrad am Wegesrand zurück.

»Ich gehe nur noch etwas spazieren.«

Langsam geht schon die Sonne auf, taucht dabei den ehemals dunklen Himmel in ein zaghaftes Violett, das schon bald zu einem zarten Hellblau wird und uns im neuen Tag begrüßt.

»Aber du passt auf dich auf, ja?«

»Na klar. Du bist doch bei mir.« Mit jedem Schritt gehe ich weiter ins Maisfeld, berühre mit der Hand die rauen Pflanzen, die schon längst hätten geerntet werden müssen. Es ist merkwürdig staubig hier und viel zu ruhig. Je weiter ich gehe, desto mehr verstummt die Welt um mich herum. Nur Mone ist noch da.

»Kann ich dich was fragen?«

»Klar.«

Ich will ihr nicht wehtun, sie nicht schon wieder daran erinnern, und doch spreche ich es aus.

»Es war Konny, oder?«

Möglich, dass sogar die Welt gerade stillsteht und wir uns in einer Zeitschleife befinden, in der alles außerhalb unwichtig und nichtig geworden ist.

»Ja.«

Wieso hatte ich auf eine andere Antwort gehofft, wo ich die Wahrheit doch schon kenne?

»Er ist mit mir abgehauen und dann durch den Wald.«

»Mit dir?«

»Ja. Er hat mich heimgebracht.«

»Ich dachte, er war einer der Jungs …?«

»War er auch. Aber als er mich gefunden hat … da war er plötzlich wieder Konny. Ich kann es nicht erklären. Aber ohne ihn, ich weiß nicht, was sonst passiert wäre.«

Im Herzen des Feldes bleibe ich stehen, sehe mich um und kann Mones Angst von vorhin fast greifbar spüren. Wie verloren sie sich gefühlt haben muss. Wie unverständlich das alles ist.

»Aber ich bin mir ziemlich sicher, Jonas’ Stimme erkannt zu haben.«

»Jonas?«

»Ja. Sie haben sich immer was zugerufen.«

»Du denkst, es war Jonas?«

»Er war auf jeden Fall dabei.« Ob es in Maisfeldern so ruhig ist wie im Auge eines Hurrikans? Denn außer meinem Herzschlag höre ich hier nichts mehr.

»Hast du das der Polizei gesagt?«

»Nein.«

Sie klingt müde. Dieses Gespräch hat sicher nicht das beste Thema für diesen Tag oder diese Uhrzeit. Mein Kopf dröhnt, meine Augen schmerzen, und ich halte kurz das Handy von mir, damit sie mich nicht hören kann.

»Vio? Bist du noch dran.«

»Ja. Sorry. Mieser Empfang hier.«

Über die zertrampelten Pflanzen gehe ich zurück zu meinem Fahrrad und sehe der Sonne dabei zu, wie sie sich Stück für Stück den Himmel erobert.

»Es ist schon so spät.« Dabei klingt sie, als wäre ihr jetzt erst aufgefallen, wie viel Uhr wir haben.

»Oder schon so früh.«

Mone lacht leise und es mogelt sich ein deutliches Gähnen dazwischen.

»Willst du es nicht doch noch mal mit einer Portion Schlaf probieren?«, frage ich.

»Wäre vermutlich eine gute Idee.«

»Melde dich, wenn du ausgeschlafen hast.«

»Mache ich.«

Kurz warte ich, bis sie aufgelegt hat, dann erst lasse ich das Handy sinken und werfe einen letzten Blick auf das zertrampelte Maisfeld, das ein ganz gutes Sinnbild meines Herzens abgibt.

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