Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 75 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 74

 

Konstantin

 

Jonas’ Rückhand ist nicht kraftvoll genug, und er verzieht den Ball komplett, dabei schießt die Ballwurfmaschine so zielsicher, dass es schon eine Kunst ist, ihn trotzdem ins Aus zu befördern.

»So gewinnst du niemals auch nur eine Meisterschaft«, rufe ich von der anderen Seite des Zauns.

Die Plätze beim Tersus wirken deutlich gepflegter als bei Unitas, sogar das Netz strahlt wie neu, und die Bänke müssen vor Kurzem erst gestrichen worden sein.

»Ach nee. Schau, was die Katze reingeschleppt hat. Mit dir habe ich nicht mehr gerechnet.«

Mit dem weißen Schweißband an seinem Handgelenk wischt er sich kurz über die Stirn und sieht wieder zur Maschine, ignoriert mich. Wenn man ihn so sieht, würde man nicht darauf kommen, dass er gestern erst in Volkers Garage Molotowcocktails gebastelt hat.

»Weil du gedacht hast, die Polizei hat mich einkassiert?«

Meine Frage stelle ich gerade, als er sich an einer Vorhand probiert, sodass er den Ball verpasst, ihn nur mit dem Rahmen touchiert und so steil gen Himmel jagt.

»Keine Ahnung, was du meinst.«

Es sind nicht viele Leute hier, aber genug, um im Notfall als Publikum herzuhalten.

»Soll ich die Erinnerung an gestern Nacht etwas auffrischen?«

»Halt einfach die Klappe, Wagenfeld.« Er greift nach der Fernbedienung in der Hosentasche seiner dunklen Shorts und schaltet die Maschine auf der anderen Seite des Spielfelds aus, kommt auf die Bank am Zaun zu und schnappt sich seine Trinkflasche. Er sieht ziemlich überfahren aus und funkelt mich durch die Maschen des Zauns wütend an. »Wenn Volker mitkriegt, dass ich mit dir quatsche …«

»Was dann?«

»Du gehörst nicht mehr dazu.«

»Ich habe nie dazugehört.«

»Mir war klar, dass du nicht reinpasst. Zu schwach. Habe ich von Anfang an gesagt. Aber Volker meinte, er könnte Robin durch dich dazu kriegen, wieder bei uns einzusteigen. Mit dir hätten wir leichtes Spiel.«

Nickend lehne ich meine Stirn an den Zaun, so fest, dass Abdrücke auf meiner Haut zurückbleiben werden. Natürlich haben sie mich nur benutzt, es überrascht mich nicht mal mehr.

»Das klang aber neulich noch ganz anders.«

»Lass gut sein, Wagenfeld. Du hast es gestern doch bewiesen. Totalausfall.« Grinsend wirft er mir noch einen Blick zu. »Wer so schwul mit ’ner Zigeunerin tanzt, der kann gar nicht der bessere Wagenfeld sein.«

»Scheint so, ja.«

Meinen Plan, ihm alles von meinem kleinen Ausflug mit Robin nach Speyer zu erzählen, werfe ich über den Haufen. Vielleicht ist es besser, er erfährt das von seinen Eltern. Oder Volker.

Ohne noch etwas zu sagen, stoße ich mich ab und will bloß weg hier. Und von ihm.

Obwohl ich natürlich wusste, dass sie nicht meine Freunde sind, haben sie mir die letzten Tage so erfolgreich genau das vorgegaukelt, dass ich fast darauf reingefallen wäre. Der ganze Aufwand nur, um …

Moment.

Meine Schritte werden langsamer, bis ich zum Stehen komme und mich umdrehe.

»Was hast du da eben gesagt?«

Jonas, der wieder nach seinem Schläger gegriffen hat, schüttelt beide Arme aus, bereit, sein Training wiederaufzunehmen, in der Hoffnung, irgendwann besser zu werden.

»Hm?«

»Was hast du gerade gesagt?«

»Du hast mich schon verstanden, Konny.«

Durch das offene Tor komme ich auf seinen Court und bleibe erst knapp vor ihm stehen.

»Ich habe nie erzählt, dass Vio und ich mal miteinander getanzt haben.«

Die Erkenntnis, sich gerade verraten zu haben, zuckt durch seinen Blick, bevor er hektisch blinzelt.

»Was …?«

»Du warst es.«

»Keine Ahnung, was du meinst.«

Doch Jonas’ Coolness ist gerade im Kurzurlaub, jede Farbe verlässt fluchtartig sein Gesicht, und meinem Blick kann er auch nicht standhalten, sucht irgendwo hinter mir eine Ausrede für seinen Ausrutscher.

»Du hast auf das Restaurant geschossen!«

»Alter …«

Wuchtig schubse ich ihn gegen die Brust und er stolpert einige Schritte rückwärts.

»Spinn nicht rum.«

»Da hast du uns tanzen sehen. Vio und mich!« Wieder schubse ich ihn, wieder wehrt er sich nicht, hält nur den Schläger wie einen Schutzschild vor sich. »Die ganze Zeit hast du mich angelogen.«

»Wenn ich geschossen hätte, wäre mehr als nur die Leuchte kaputtgegangen.« Sein Versuch zu grinsen verrutscht, als ich ihm den Schläger aus der Hand haue.

»Und von der Leuchte habe ich auch nichts erzählt.«

»Ja und? So was spricht sich halt rum.«

»Du bist so ein verdammtes Arschloch, Jonas. Wovor hast du eigentlich solche Riesenangst, dass du so einen Scheiß machst, hm?« Und wieso habe ich gerade keine mehr? Plötzlich verstehe ich, wieso Robin von ihnen wegwill.

»Du kennst Volker nicht. Wenn der was von dir will, dann lieferst du lieber, okay?«

Sein zischendes Flüstern verrät mir genug über ihn, über seine Angst vor Volker und den Wunsch dazuzugehören. Wir sind uns gar nicht so unähnlich, durchzuckt mich kurz eine unerfreuliche Erkenntnis.

»Du bist so ein Mitläufer, Jonas.«

Das entlockt ihm ein kurzes Lachen und für den Bruchteil einer Sekunde kehrt seine Überheblichkeit zurück.

»Na, das sagt ja gerade der Richtige. Ein bisschen Angeln hier, ein bisschen Bromance da, und schon glaubst du ernsthaft, einer von uns zu sein?«

Ohne darauf zu antworten, drehe ich mich um und marschiere davon.

»Und was jetzt? Rennst du zu Robin, damit er das für dich regelt?«

Als ich schon fast draußen bin, höre ich seine Schritte hinter mir.

»Du bist so eine Witzfigur, Wagenfeld. So wie dein Bruder.«

»Halt den Mund.«

»Ach, Konny. Deine Zigeunerin wickelt dich um den Finger, wir erlauben uns den Spaß unseres Lebens mit dir und du …? Du bist ja so ein Opfer.«

Mein Schwinger trifft ihn voll am Kinn. Zwar versucht er noch, meinem Schlag auszuweichen, aber der Treffer schickt ihn zu Boden. Überrascht starrt er mich an, als er zu mir hochsieht.

»Du versteckst dich hinter Volker, seiner Meinung und einer roten Maske, Jonas. Das ist so armselig.« Als ich einen Schritt auf ihn zumache, rutscht er etwas weiter in Richtung Zaun. »Wir waren bei der Polizei. Die wissen, was gelaufen ist.«

»Wir …?«

»Wir. Robin und ich haben ihnen alles erzählt. Von der Sprayaktion, dem Containerbrand, dem Anschlag und allem dazwischen.«

Noch immer sehe ich Robin, wie er alles erzählt über seine Wut, die Enttäuschung, die Panik. Und die Dummheit. Wie Volker ihn immer mehr von seinen alten Freunden isoliert hat, wie er den Verein wechseln sollte, wie sie Jessys Trennung für sich und ihren Scheiß benutzt haben. Und wie sie es bei mir ebenfalls versuchen wollten.

Jonas dämmert es langsam, dass seine und Volkers Lügen mir gegenüber keinen Sinn mehr haben, will es aber noch nicht wahrhaben.

»Du bluffst doch! Robin würde niemals seinen Ausbildungsplatz riskieren.«

»Hat er aber. Und Mone hat eure Stimmen gestern Nacht erkannt und damit meine Aussage bestätigt. Ich denke …«

Besonders übertrieben werfe ich einen Blick auf meine Uhr.

»… gerade dürfte die Polizei bei deinen Eltern auftauchen und sie über die außerschulischen Aktivitäten ihres feinen Sohnemanns aufklären.«

»Du Scheißwichser …«

Panik überfällt ihn, er will aufstehen, rutscht aber weg und prallt wieder gegen den Zaun. Ich nutze die Chance und meinen Mut.

»Und noch was. Halt dich ab jetzt von Vio und Mone fern.«

Er will lachen, aber es bleibt ihm im Hals stecken.

»Ich werde dafür sorgen, dass jeder weiß, was für rassistische Arschlöcher ihr seid. Im Tennisklub, beim Schützenverein, am See. Überall.«

Endlich kommt er wieder auf die Beine und funkelt mich wütend an.

»Willst du mir jetzt drohen, Wagenfeld? Mir scheißegal, wo du was rumerzählst. Ich stehe dazu.«

Sein kalkweißes Gesicht behauptet das Gegenteil.

»Wenn das so ist, wieso tragt ihr dann Strickmützen und versteckt euch darunter?«

Er will antworten, aber bleibt doch stumm, starrt mich an, weil er versteht, dass all seine Drohungen nicht mehr greifen. Ich habe mich entschieden.

»Ach, und übrigens. Robin und ich spielen die nächste Saison Doppel zusammen.«

Damit lasse ich ihn stehen, gehe immer weiter und werde unbewusst schneller.

Aber es fühlt sich endlich nicht mehr so an, als würde ich davonrennen.

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