Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 62
Konstantin
Gestern war kein guter Tag.
Ich kann mich kaum noch erinnern, wie lange ich in meinem abgedunkelten Zimmer gelegen und gehofft habe, dass alles einfach nur vorbeigeht. Und Vio antwortet nicht auf meine Nachrichten. Auf dem Boden vor meinem Bett liegend – hier ist es einfach kühler –, scrolle ich noch mal durch all meine Kontaktversuche, und finde jede abgeschickte und von Vio auch gelesene Nachricht irgendwie bescheuert. Zeit für einen neuen Versuch, diesmal mache ich es besser.
Hi, Vio, tut mir echt leid, falls ich was Dummes gesagt habe. Wie du sicher bemerkt hast, war ich ziemlich betrunken. Falls ich dir irgendwie zu nahe getreten bin, möchte ich mich entschuldigen. Grisu
Die Verwendung des mir von ihr verliehenen Spitznamens soll die Chance erhöhen, dass sie meine Entschuldigung annimmt. Ich mag es echt, wenn sie mich Grisu nennt. Ich mag es auch, wenn sie mich anlächelt. Aber ich mag es echt nicht, wenn sie mich ignoriert, weil ich mich wie ein Idiot aufgeführt haben muss.
Hi, Vio, ich noch mal. Es tut mir wirklich leid, falls ich dich
verletzt habe. Können wir reden? K.
Ein kurzer Blick auf ihr Instagram-Profil lässt mich wissen, dass ich nichts weiß. Noch immer zähle ich nicht zu ihren Followern dort und mein Gefühl sagt mir, dass sich daran auch nichts ändern wird.
Hi, ich bin ein Idiot. Kann ich mich face to face bei dir entschuldigen? Bitte!
Das Dumme an solchen Filmrissen ist ja immer, dass man zwar ahnt, man hat Mist gebaut – nein, man weiß es sogar irgendwie –, aber was man nicht weiß, ist, ob man nur ins Fettnäpfchen getreten ist, bis zu den Knie eingesunken ist oder direkt eine Ganzkörperarschbombe hingelegt hat.
Vios Art, mich zu ignorieren, lässt mich wissen, dass ich sicherlich bis mindestens zum Hals drinstecke.
Servus Wagenfeld, wie sieht’s aus, kommst du heute Abend wieder raus aus dem Hausknast? LiGrü ;) Jonas
Peinlich genug, dass Jonas und Co. wohl wissen, was abgelaufen ist.
Meine Erinnerung endet kurz nachdem Robin von der Grillhütte verschwunden ist und ich das erste Mal an dem Abend gekotzt habe. Dann habe ich Vio getroffen und irgendwas ist wohl völlig schiefgelaufen. Das Nächste, woran ich mich wieder erinnern kann, ist, wie mich am nächsten Tag der Hausmeister beim Surfklub gefunden hat. Die Standpauke meiner Eltern hingegen könnte ich exakt wiedergeben, so laut und nachdrücklich war die.
Weiß noch nicht. Meine Eltern sind ziemlich angekäst.
Hausarrest?
So was in der Art.
Die wissen schon, dass du siebzehn bist, oder?
Joa …
Keine Ahnung, wieso es mir so peinlich ist, dass meine Eltern mich tatsächlich zu Hausarrest verdonnert haben.
Sag einfach, du musst heute Abend eine Schicht beim Pizza
Panda fahren. Bring den Roller mit. Treffen uns bei der
Grillhütte.
Ich weiß echt nicht.
Hab auch nicht so richtig Bock.
Es wäre aber wichtig. Siehe Foto …
Ein Klopfen an der Tür schreckt mich auf und beendet die Unterhaltung, sodass ich das Foto zwar noch empfange, es aber nicht checken kann, weil mein Vater den Kopf ins Zimmer streckt.
»Störe ich?« Papa gibt sich Mühe, freundlich zu klingen, aber die vielen Falten auf seiner Stirn verraten deutlich, dass er noch immer nicht gut auf mich zu sprechen ist. Ich rolle mich auf die Seite und stehe auf.
»Nee.«
»Gut. Wir müssen nämlich reden.«
Damit schließt er die Tür hinter sich und ich nehme auf der Bettkante Platz. Doch Papa denkt nicht daran, das Vater-Sohn-Gespräch neben mir sitzend zu führen. Er schlendert in mein Zimmer und zieht sich meinen Bürostuhl ran.
»Du hast ziemlich Mist gebaut.«
Das ist mir inzwischen klar, sonst hätte sich Vio schon bei mir gemeldet.
»Und du weißt genau, dass Mama und ich euch immer sehr viel Freiheiten gelassen haben.«
»Ja, sicher.«
Papa spricht einfach weiter, ignoriert meinen Einwurf.
»Und von Robin sind wir so manche Ausrutscher ja auch mal gewöhnt.« Das enttäuschte Kopfschütteln brennt sich in meine Erinnerung. »Aber von dir? Mensch, Konstantin. Das ist dein letzter Sommer.«
Also, so kann man das nicht sagen. Aber die Ernsthaftigkeit in Papas Stimme lässt mich stumm dasitzen.
»Du hast doch nie so was gemacht. Saufen bis zum Umfallen? Prügelei mit deinem Bruder? Einbrechen im Surfklub?«
Letzteres mache ich schon eine ganze Weile, halte es aber im Moment nicht für erwähnenswert.
»Und dann diese ganzen wilden Vorwürfe, was soll das denn?« Dauerkopfschütteln bei Papa, Magenkrämpfe bei mir. Und zur Abwechslung haben sie mal nichts mit dem Restalkohol zu tun. »So kennen wir dich nicht.«
»Ich weiß. Tut mir auch wirklich leid …«
»Du warst doch immer eher der ruhige Typ. Unauffällig. Und wir wissen wirklich nicht so recht, was auf einmal passiert ist.« Papa lehnt sich nach vorne, stützt die Ellenbogen auf den Knien ab und sieht mir so direkt in die Augen, als würde er meine Gedanken lesen wollen. »Aber wir haben da so eine Vermutung.«
Keine Ahnung, ob er Volker überhaupt kennt. Oder weiß, wie der so drauf ist, aber Jonas schienen meine Eltern doch immer gemocht zu haben. Zumindest war das mein Eindruck.
»Vio hat dir ganz schön den Kopf verdreht.«
»Vio?«
Er nickt, lächelt sogar ein bisschen.
»Ich kann schon verstehen, dass da ein paar Hormone überkochen.«
»Ähm …«
»Aber weißt du, seitdem sie hier ist, scheinst du ein bisschen den Fokus verloren zu haben.«
Welchen Fokus denn genau? Ich hatte ja nie einen.
»Sie ist ja wirklich eine Nette, keine Frage, aber sie zieht Ärger auch magisch an.« Er fährt sich rasch übers Gesicht, hat wohl im Gespräch mit Mama den kürzeren Strohhalm gezogen und muss mir jetzt die Botschaft überbringen. »Uns wäre wohler, wenn du sie erst mal nicht mehr siehst.« Sein Blick landet wieder auf mir, aber jetzt ist auch klar, dass er meine Gedanken ganz sicher nicht lesen kann.
»Aber Vio hat doch gar nichts getan.« Ich war es doch, der Mist gebaut hat.
»Das mag schon sein. Aber sie ist auch nicht ganz unschuldig an all dem.« Er deutet auf mich, das Zimmer, mein Handy und alles andere in meinem Leben. »Du bist nicht so, Konstantin.«
»Wie so?«
Papa lächelt jetzt wirklich und echt, sein Blick verändert sich, wird irgendwie liebevoller, und ich spüre, wie ich vor ihm jünger und jünger werde, bis ich wieder dieser kleine Knirps bin, den er an der Hand hielt und dem er die große Welt erklärte.
»Du bist ein vernünftiger junger Mann, und mir wäre sehr daran gelegen, dass das auch so bleibt.«
Das ergibt alles keinen Sinn. Trotzdem spüre ich, dass ich nicke und Papa mit dieser Reaktion sichtlich zufrieden scheint.
»Dann hätten wir das also geklärt.« Er steht auf, zaudert kurz und geht dann doch zur Tür, wo ich ihn aufhalte.
»Die von Pizza Panda fragen, ob ich heute Abend einspringen kann. Da ist wohl viel zu tun.« Wow. Diese Superpower ist neu, und irgendwie ist es unheimlich, wie leicht mir das Lügen über die Lippen geht. Ich kann Papa sogar ins Gesicht sehen, während er abwägt, ob sich meine Strafe in Anbetracht der neuen Infos und meiner deutlich gezeigten Einsicht vielleicht minimieren lässt.
»Okay.«
»Kann ich Robins Roller nehmen?«
»Das musst du ihn schon selber fragen.«
Toll. Das werde ich dann wohl tun müssen. Und weil Papa auf der Türschwelle wartet, erhebe ich mich von meinem Bett und folge ihm in den Flur, wo er nach links in Richtung Treppe abbiegt, während ich nur eine Tür weiter müsste.
Kurz und viel zu schüchtern klopfe ich an seine Zimmertür und warte. Er wird mich wohl kaum freundlich hereinbitten und so schiebe ich sie einen Spalt weit auf.
»Kann ich kurz reinkommen?«
Keine Antwort, also schiebe ich die Tür weiter auf, aber von Robin fehlt jede Spur. Er hockt weder vor dem Rechner noch vor der Playstation. Sein Bett ist nicht gemacht und das Fenster ist gekippt. Obwohl er nicht da ist, gehe ich rein und lasse die Tür hinter mir offen. Nichts hier deutet auf seinen baldigen Auszug hin. Die Tennistrophäen, die er in seiner kurzen aktiven Laufbahn abgesahnt hat, stehen verstaubt und unbeachtet im Regal, dienen hier und da als Buchstützen.
Juniorenmeister, Turniersieger, bester Spieler seiner Altersklasse … Es ist sonnenklar, dass Robin mehr Talent hat als ich. Er hat sich nie anstrengen müssen, hat Trainingsstunden ausfallen lassen, kam zu spät oder eben gar nicht, und trotzdem hat er dann alle Gegner vom Platz gefegt. Und als es ihm zu blöd wurde, hat er den Schläger kommentarlos in die Ecke gestellt, und auf einmal sollte ich in seine Fußstapfen treten. Plötzlich war Papa sich sicher, aus mir einen noch besseren Spieler machen zu können. So, wie ich ein noch besserer Feuerwehrmann als Robin werden wollte. Nur muss ich mich für all das anstrengen, ihm fällt alles leicht.
Mein Blick findet den Rollerschlüssel, der auf dem Schreibtisch liegt und den er heute wohl nicht braucht.
Für gewöhnlich frage ich ihn, aber er ist nicht hier und antwortet nicht auf meine Nachrichten. Meine Hand schwebt unentschlossen über dem Schlüssel, weil mein schlechtes Gewissen sich sofort meldet. Es ist Robins Roller und ich kann ihn nicht einfach so nehmen. Reicht es nicht, dass ich Papa angelogen habe?
Ich ziehe das Handy aus der Hosentasche, um stattdessen Jonas zu schreiben, dass ich heute Abend nicht mit am Start sein werde, weil ich keine Lust auf noch mehr Chaos in meinem Leben habe. Für die Jungs ist das vielleicht total cool, aber mir schwirrt nur noch der Schädel. Außerdem will ich erst die Sache mit Vio klären.
Und dann sehe ich das Foto.
Es zeigt Vio und Mone.
Mit zwei Fingern ziehe ich es etwas auf, vergrößere es und halte es zusätzlich etwas näher. Sie sitzen im Dunkeln auf den Treppen vor Vios Haus, das Bild ist ein bisschen unscharf, aber es sieht ganz so aus, als würden sie sich küssen. Mone hält Vios Gesicht in ihren Händen, ihre Stirn berührt Vios. Jonas’ Untertitel lässt keinen Zweifel.
Deine kleine Freundin ist ein Freak, habe es dir ja gesagt.
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