Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 18
Konstantin
Gerade, als ich zum Schuss ausholen will, klaut sie mir den Ball vom Fuß, dreht sich dabei einmal um die eigene Achse – ohne den Ball zu verlieren – und kommt dann neben mir zum Stehen.
»Du solltest früher abspielen.« Damit lässt sie den Ball wieder zu mir rollen und grinst mich frech an.
»Du spielst Fußball?« Ich will mir die Überraschung über ihre Spielkünste echt nicht anmerken lassen.
»Nicht professionell. Habe meine Karriere in der Grundschule an den Nagel gehängt.«
Ich spiele ihr den Ball wieder zurück.
»Wie schade.«
»Und du? Spielst du?«
Sie kickt mir den Ball zu, den ich annehme und kurz einige Male auf meinem Fußspann tanzen lasse. So wie früher auf dem Schulhof.
»Nur noch Tennis.« Damit lasse ich den Ball wieder zu Boden fallen, stelle den Fuß drauf und sehe zu ihr.
»Ach ja, richtig. Ich vergaß. Tennis-Crack.« Kurze Pause, dann holt sie Luft, und ich ahne, dass der Small Talk vorbei ist. »Dein Bruder lässt dir übrigens ausrichten, dass du bitte das Fenster offen lassen sollst. Es wird wohl spät.«
»Danke.«
»Du hast ihn verpasst, er war gerade da.«
»Ich weiß. Mit Jonas und den Jungs.« Wieder gelingt es mir nicht, meine Gefühle zu verbergen, und ich verfluche mich dafür. Schnell passe ich ihr den Ball zurück, etwas heftiger als nötig. Sie nimmt ihn lässig an.
»Kein großer Fan der Clique deines Bruders?«
»Na ja, wo immer oder mit wem mein Bruder auch auftaucht, sofort dreht sich alles immer um ihn, für das Schauspiel brauche ich keinen Platz in der ersten Reihe, den habe ich schon daheim.«
Sie mustert mich, und ich habe sofort ein schlechtes Gewissen, weil ich so auch Robin vor Vio miesmache, und rudere hastig zurück, bevor sie auch noch über ihn schlecht denken könnte.
»Also, Robin ist einfach cooler als der Rest von uns.«
»Ist er das?«
»Ziemlich.«
»Ansichtssache. Und seine Kumpels?«
»Ja, die sind auch cooler, voll selbstbewusst. Jonas sagt sogar immer, er würde im Doppel jede Meisterschaft gewinnen, wenn er nur den richtigen Partner hätte, will immer, dass ich in seinen Verein wechsle und …« Ich merke, dass ich ins Faseln komme, und breche ab. »Egal.«
»Nee, nicht egal. Ich lerne gerade sehr viel über euch hier.«
»Ach ja?«
»Mhm. Du hattest was mit Isabell, die jetzt sauer auf mich ist, weil wohl alle denken, wir hätten nun was laufen, dabei kenne ich dich so gut wie gar nicht.«
»So gut wie gar nicht kann ja nicht stimmen, wenn du schon so viel über uns gelernt hast.«
»Stecke bei dir noch in der Anfangsphase meines Studiums.«
»Das muss für dich als Großstadgirl ja sein, wie Mikroben unterm Mikroskop zu beobachten, oder?« Das kommt mir etwas vorwurfsvoller über die Lippen, als ich es beabsichtigt hatte, aber Vio zeigt sich auch davon wenig beeindruckt. Sie hat diese Art natürliche Coolness, die mir ziemlich Angst einjagt.
»Mhm. Wenn du miese Laune hast, ist das okay. Aber lasse sie nicht an mir aus.« Sie lächelt, während sie das sagt.
»Ich habe gar keine miese Laune.«
»Besonders gute aber auch nicht mehr, seit wir hier angekommen sind.«
»Das hat aber nichts mit dir zu tun. Ehrlich.«
»Ich weiß. Aber alle geben mir das Gefühl, es wäre so. Und das ist kein besonders schönes Gefühl.«
Ob sie ahnt, dass in der Tat sie der Grund dafür ist, dass ich überhaupt mit auf diese Party gekommen bin?
»Vielleicht willst du mir ja verraten, wieso du gar keine miese Laune hast?«
Gute Frage. Will ich das?
»Hey, Leute, wir ziehen weiter, wollt ihr mit?«
Die anderen haben bereits das Licht am Gartenhäuschen ausgemacht und sind nur noch als Schatten irgendwo am Gartenzaun zu erahnen. Nur die Glut vom Grill leuchtet orangefarben in der Dunkelheit und erinnert daran, dass hier mal der Ansatz einer Party stattgefunden hat.
»Wohin geht ihr?«
»Zum Dönerladen.«
Vio sieht fragend zu mir, aber ich zucke nur unentschlossen mit den Schultern und so antwortet Vio für uns beide: »Ich sollte sowieso langsam heim. Konstantin bringt mich.«
Ich muss mich nicht zu den anderen umdrehen, um zu wissen, dass sie grinsen – außer vermutlich Isabell –, und so winke ich, ohne einen Blick zurück, schaue stattdessen weiter Vio an, die zufrieden lächelt.
»Du bringst mich doch nach Hause, Herr Feuerwehrmann mit der miesen Laune. Oder?«
»Selbstverständlich. Wenn wir dabei einen kleinen Umweg machen können.«
»Kommt jetzt der Part, wo du zum Psycho wirst und mich dahingemeuchelt im hohen Gras zurücklässt?«
»Nein. Das ist der Teil, wo ich dir meinen absoluten Lieblingsort zeige.«
»Klingt jetzt nicht weniger creepy.«
»Du bist doch nicht wasserscheu, oder?«
»Hast du meine Arschbombe am See nicht gesehen?«
»Doch klar, und wie ich die gesehen habe. Das war ’ne glatte Zehn.«
Sie streckt die Hand nach mir aus, und ich nehme sie an, spüre ihre warme Haut an meiner und den kurzen Sprint meines Herzens, den ich so sonst nur vom Tennis beim Grundlinienspiel kenne.
»Sei bitte einfach kein Psycho, Konstantin.«
Bevor ich antworten kann, schießt sie den Ball leicht zwischen meinen Beinen durch, sodass er bis in den Teich rollt. Vio reißt eine Faust in die Luft.
»Getunnelt.«
»Ich war abgelenkt.«
»Ach ja?«
Ich nicke, mein Mund ist staubtrocken. Vio steht direkt vor mir, ihr Lächeln ist selbstbewusst und wunderschön.
»Dann solltest du das nächste Mal aufmerksamer sein.« Sie zieht mich mit sich durchs Gebüsch in Richtung Gartenzaun, wo wir über einen umgefallenen Zwerg steigen, den Vio aber wieder aufstellt und ihm kurz die Wange tätschelt. »Stellung halten.«
Lachend gehen wir über den gepflegten Gartenweg in Richtung Straße, wo irgendwo die anderen in ihre Nacht starten, und ich bemerke, dass sie meine Hand noch immer in ihrer hält.
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