Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 17
Vio
Sie lassen die Tüte rundgehen, aber ich passe auch diesmal, reiche sie direkt an Holger weiter, was dieser mit einem Augenrollen quittiert, aber sonst nicht kommentiert, sondern erst mal einen tiefen Zug nimmt.
Mone lehnt sich etwas zu mir rüber.
»Du bist direkt zum größten Drama des Sommers hier eingefallen.« Sie bemerkt meinen verwirrten Gesichtsausdruck und klärt mich auf. »Na, Konstantin und Isabell. Spannender wird es hier nicht. Schon gar nicht im Sommer, da ist hier echt nichts los.«
»Ach so. Na ja, ist ja deren Problem.« Sie zieht eine Augenbraue hoch, aber ich zucke nur die Schultern, lasse mich nicht in das Chaos anderer reinziehen. Dabei versuche ich die unangenehmen Erinnerungen und die damit verwobenen Gefühle auf Abstand zu halten. »Will damit echt nichts zu tun haben.«
»Dafür ist es wohl etwas zu spät.«
Diesmal überspringen sie mich beim Rumgeben des Joints, und mich überrascht es kurz, dass kein Pseudodruck auf mich ausgeübt wird.
»Ich habe doch gar nichts gemacht.« Das klingt viel zu heftig, und keiner scheint mir so richtig zu glauben. In dem Moment setzt Isabell sich zu uns in die Runde, greift automatisch nach dem Joint und lässt mich dabei nicht aus den Augen. Sie gönnt sich einen Zug voll Mut, bevor sie den Rauch und ihre Frage in meine Richtung pustet: »Erzähl mal, Vio: Hast du ’nen Freund?«
Der provokante Unterton entgeht niemandem, hält mich aber nicht davon ab, ihre Frage ehrlich zu beantworten.
»Nein.«
»Auf der Suche?«
»Habe kein Tinder-Profil, falls du das meinst.«
Einige lachen, Isabell jedoch nicht.
»Brauchst du hier auch nicht. Kommst aus dem schicken München und schnappst dir gleich mal einen von unseren besten Jungs.«
Jetzt lacht keiner mehr, und Mone will gerade etwas sagen, als hinter uns Motorengeräusche zu hören sind, laut und irgendwie schräg, dazwischen Jungslachen, und je näher der Lärm kommt, desto deutlicher ist auch die laute Musik zu hören.
»Ach, fuck.« Holger nimmt den Joint, stupst ihn umständlich am Holztisch aus und lässt ihn dann in seiner Hosentasche verschwinden, obwohl er noch etwas glimmt.
»Was’n das für ’ne Pussyparty? Hier läuft ja gar keine Musik!« Einige Jungs springen über den Gartenzaun, einer der Zwerge, die liebevoll aufgestellt den Garten bewachen, fällt dabei um. Eine tragbare Box, aus der ein hetzender Beat kommt, wird ungefragt auf den Tisch vor uns gestellt. So abrupt ändert sich die Stimmung, dass niemand etwas unternehmen kann, aber alle sind plötzlich merklich stiller.
Nur nicht die Eindringlinge.
»Hast uns gar nicht eingeladen, Holgi.« Einer der Typen verstrubbelt Holgers Frisur und grinst dann in die Runde, schnuppert in die Luft über uns und stemmt die Hände gespielt streng in die Hüften.
Ich erkenne ihn sofort.
»Na, na, na, ihr habt doch nicht etwa …« Er sieht sich um, als würde er gleich den Auftritt des Secret Service erwarten, und flüstert dann übertrieben: »… gekifft?«
Holger gibt sich geschlagen, zieht den Joint wieder heraus und reicht ihn wortlos an den Typen, der sich nicht vorgestellt und das offenbar auch nicht nötig hat. Dann fällt sein Blick auf mich.
»Sieh einer an. Du hier.«
»Ich hier.«
»Den Küchengeruch abgespült?«
Ich antworte nicht, sehe starr geradeaus und versuche, mich nicht provozieren zu lassen.
»Die Pizza war verdammt lecker.«
»Freut mich.«
»Ich bin übrigens Jonas.« Er reicht mir die Hand, in der er den Joint hält, als hinter ihm ein weiterer Junge auftaucht, den ich schon mal gesehen habe.
Robin, Konstantins Bruder.
»Mach mal die Mucke leiser, Jonas, sonst kriegt Holger noch Ärger wegen Ruhestörung.«
»Und das wollen wir ja nicht. Nicht wahr, Holgi?«
Holger, der bisher nicht den Eindruck gemacht hat, als wäre er leicht einzuschüchtern, nickt nur genervt, und Jonas drückt auf irgendeine unsichtbare Minitaste an der Box, woraufhin diese ausgeht und uns von der dröhnend aggressiven Musik erlöst.
»Wir wollen auch gar nicht lange stören. Habt ihr noch Bier?«
Holger deutet auf die Kühlbox, in der die Getränke zwischen Eiswürfeln stehen, und hofft wohl noch immer, dass er sich unsichtbar machen könnte. Jonas nickt zufrieden, lächelt dann in die Runde, bis sein Blick an Mone hängen bleibt.
»Hi, Schönheit.«
Mone winkt nur vage in seine Richtung, und ich verstehe, dass Jonas wohl nicht nur bei mir nicht den besten Eindruck hinterlassen hat. Erst als er sich in Richtung Kühlbox aufmacht, atmen alle wieder ein bisschen auf. Robin, der seinem Kumpel nicht gefolgt ist, zuckt nur die Schultern, ist dieses Verhalten wohl gewohnt.
»Ihr kennt ihn ja. Ich konnte ihn nicht davon abhalten herzukommen. Freibier – und schon schaltet er in den Autopilotmodus.« Jetzt reicht er mir die Hand. »Wir wurden uns noch nicht vorgestellt, ich bin Robin.«
»Ich weiß.«
Er sieht Konstantin erstaunlich ähnlich, vor allem die Augen, aber Robin wirkt etwas kantiger, erwachsener, dabei kann er nicht viel älter sein.
»Wenn mein Bruder sich danebenbenimmt, lass es mich wissen. Manchmal steht er sich selber im Weg.«
»Merke ich mir.«
Jetzt, da er lächelt, wird der enge Verwandtschaftsgrad zwischen ihm und Konstantin noch deutlicher, und ich beschließe spontan, dass ich Robin mag.
»Wo steckt der überhaupt?«
Ich will in Richtung Teich deuten, aber da, wo Konstantin bis eben noch gesessen hat, ist er nicht mehr.
Isabell lacht bitter auf und gibt ihren Kommentar zum Besten: »Hat wohl wie immer die Flucht ergriffen. Darin ist er ja besonders gut.«
Robin geht darauf nicht ein und sieht sich stattdessen suchend um.
»Na ja, wenn ihr ihn findet, könnt ihr ihm sagen, dass es bei mir wohl spät wird und er einfach das Fenster offen lassen soll.«
»Richten wir aus.«
Jonas, der inzwischen fast alle Bierflaschen im Arm hält, nickt Robin im Vorbeigehen zu.
»Los, Wagenfeld, wir ziehen weiter. Keinen Bock auf Kiddy-Party.«
Und schon verschwinden sie wieder, genauso schnell und laut, wie sie aufgetaucht sind. Erst als das Geräusch der davonbrausenden Roller sich in der Nacht verloren hat, grinst Holger wieder.
»Kiddy-Party, dass ich nicht lache. Der hat auch erst vor zwei Jahren seinen Abschluss gemacht, ist nicht so, als ob er Rentner wäre.«
»Aber sie haben das gute Gras mitgenommen.«
»Scheiß aufs Gras.«
»Und das Bier.«
Die Stimmung sinkt, als allen bewusst wird, dass sie sich jetzt weder hinter Alkohol noch dem süßlichen Duft eines Joints verstecken können.
»Meine Eltern haben sicher irgendwo Wein. Ich schau mal.«
Holger steht auf, verschwindet im Gartenhäuschen, und ein Blick in die Runde lässt mich wissen, dass die Party beendet ist, auch wenn es keiner direkt ausspricht.
»Auf Wein habe ich keinen Bock.«
»Wir könnten noch an die Tanke.«
»Die hat schon zu.«
»Hat jemand ’nen Roller, dann könnten wir nach Speyer rein.«
»Für ein Sixpack Bier? Viel zu aufwendig.«
Ich folge der Diskussion, ohne mich zu beteiligen, weil ich Konstantins Schatten jenseits des Teichs erkenne, der dort mit einem kleinen Fußball spielt. Ohne mich zu entschuldigen, stehe ich auf und entferne mich von der Gruppe, wobei ich mir sicher bin, dass zumindest Isabells Blick mir folgt.
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