Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 73
Vio
Das Geöffnet-Schild thront stolz neben der Tür zu unserem Restaurant und entlockt mir ein zartes Lächeln. Als ich näher komme, entdecke ich Jessy im Biergarten. Meistens war es meine Aufgabe, die Tische und Stühle in die richtige Position zu rücken und alles vorzubereiten. Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass Jessy nach dem, was hier vorgefallen ist, überhaupt noch mal zurückkommen würde. Sie trägt schon ihre Schürze, was ich für recht optimistisch halte, denn noch ist es zu früh, um überhaupt mit Gästen zu rechnen.
»Hey.«
»Wir haben noch nicht geöff… Ach Vio. Hi.« Den letzten Tisch schubst sie schnell mit der Hüfte in Position und dreht sich dann zu mir. »Dein Vater ist hinten in der Küche, alles vorbereiten.«
»Dachte ich mir. Er war gestern schon ganz nervös. Nimmst du ihm sein Restaurant, dreht er wirklich durch.« Es soll witzig klingen, aber auch wenn die neuen Fenster etwas anderes signalisieren, ist hier nicht wieder alles in bester Ordnung. Die Spuren so eines Tages kann man vielleicht übertünchen, aber nicht die in unser aller Erinnerung.
»Er hat mir erzählt, dass du hier warst, als es passiert ist.« Jessy kommt langsam näher, zieht sicherheitshalber noch mal die Schleife an ihrer Schürze fest, bevor sie mich ansieht. »Mir tut das so leid.«
»Mir auch. Sie wissen noch immer nicht, wer es war.«
Auch wenn Robins Name in meinem Kopf herumspukt. Jessy ist hübsch, ihre Augen sind geheimnisvoll und sie hat eine offene Art. Ich kann durchaus verstehen, warum Robin noch immer an ihr hängt, auch wenn es wohl Zeit für ihn wird, sie loszulassen.
»Die Sache mit Robin neulich …« Jetzt wünschte ich mir, eine Schürze zu tragen, deren Schleife ich festziehen könnte, aber so bin ich gezwungen, ihr direkt in die Augen zu sehen.
»Robin und ich haben das geklärt. Er wird keinen Ärger mehr hier machen.«
»Ach?«
»Ja, wir haben neulich Nacht lange gequatscht.«
»Wann?« Mein Zeitgefühl hat mich verlassen. Ist es noch Freitag oder bereits eine neue Woche? Ist der Sommer schon vorbei?
»An dem Abend, als ihr alle hier essen wart.«
»Als geschossen wurde.« Niemand traut sich das deutlich auszusprechen, alle suchen andere Beschreibungen für den Tag. Aber für mich ist und bleibt es der Tag, an dem jemand auf unser Restaurant geschossen hat.
Jessy nickt langsam.
»Er hat gefragt, ob wir reden können, und ich glaube, es war an der Zeit. Weißt du, damals habe ich ihm nie wirklich gesagt, warum es nicht mehr funktioniert hat mit uns. Das war sicher nicht ganz fair, aber Gefühle sind nie so einfach zu erklären.«
Wem sagst du das. Meine Gefühle spielen gerade Rummelplatz in meinem Inneren. Inklusive Looping-Achterbahn und Kettenkarussell.
»Es hat irgendwie gutgetan. Wir haben bis zum Morgen zusammengesessen, und jetzt haben wir wirklich damit abgeschlossen.«
»Robin war die ganze Nacht bei dir?«
Sie nickt etwas schüchtern.
»Ja, aber nicht so. Wir haben nur geredet.«
Robin war also nicht dabei. Irgendwo löst sich eine Lawine der Erleichterung von meinem Herzen und stürzt unaufhaltsam Richtung Tal.
»Das ist gut. Also wirklich gut. Dass ihr jetzt gesprochen habt.«
»Ja. Na ja. Wir gehen uns trotzdem erst mal aus dem Weg. Sieht ganz so aus, als hätte ich euch direkt einen Gast vergrault.«
»Jessy, glaub mir, das ist alles nicht deine Schuld.« Am liebsten würde ich sie umarmen, aber dafür kennen wir uns nicht gut genug. Und ich will auch nicht sagen, dass Robin bis eben ganz oben auf meiner Verdächtigenliste stand. Also nicke ich nur und deute nach innen, was sie versteht und sich wieder um den Biergarten kümmert.
Papa wischt den Tresen, aber als er mich bemerkt, deutet er stolz auf die neue Werbeleuchte über der Bar.
»Kam heute schon an. Was sagst du?«
»Sieht gut aus.«
Nirgendwo sonst ist mein Vater so glücklich wie in seinem eigenen Restaurant, aber so schön es ist, das zu sehen, lastet da doch neuerdings diese Frage auf meine Seele.
»Papa …?«
»Hm?«
Umständlich ziehe ich einen Barhocker zu mir und nehme darauf Platz. Papa versteht meine Aufforderung und tut es mir gleich, legt den Lappen zur Seite, und jetzt habe ich seine volle Aufmerksamkeit.
»Bist du sauer, weil ich nicht in deine Fußstapfen treten will?«
Mit dieser Frage hat er offenbar nicht gerechnet, denn irritiert schüttelt er den Kopf.
»Nein, wieso sollte ich?«
»Na ja, du wirst kaum ewig hinter dem Grill stehen, und dann ist niemand da, der deinen Traum weiterlebt.«
»Es ist ja auch mein Traum. Wieso solltest du ihn dann für mich träumen?«
»Weil es … Keine Ahnung.«
Ich muss an Mone denken, an ihre Wohnung mit Balkon in München-Köln-Hamburg, die ich im Geiste weiter für sie housesitte.
»Hätte ich mich gefreut, wenn du mit der gleichen Begeisterung der Gastronomie verfallen wärst? Sicher. Aber du musst das finden, was dich glücklich macht.«
»Okay. Danke!«
Papa mustert mich eindringlich und ich kann die Sorge quasi sein Gesicht erobern sehen. Als hätten die letzten Tage nicht bereits genug neue Falten auf seine Stirn gezaubert.
»Vio, ich will, dass du weißt, dass du mit allen Problemen zu uns kommen kannst.«
»Ich weiß.« Aber wie soll ich ihm – oder sonst jemandem – sagen, dass der Junge, in den ich mich verknallt habe, mit den Jungs rumzieht, die uns hier nicht haben wollen? Und wie um alles in der Welt soll ich erklären, dass mein dummes Herz noch immer schneller schlägt, wenn ich an Konstantin denke?
»Wir haben übrigens Anzeige erstattet. Gegen unbekannt.«
Die Info schleudert Konstantin für einen kurzen Moment aus meinen Gedanken.
»Ich dachte, das wolltet ihr nicht.«
Papa nickt nachdenklich und zuckt dann die Schultern, sein Lächeln kehrt zurück.
»Jemand Schlaues hat mal gesagt, dass man nicht immer nur stumm alles ertragen kann. Und es wird Zeit, das in die Tat umzusetzen.«
Mein Herz trommelt wie von Sinnen, Mones Worte, meine Gefühle, Pascals Nachrichten, alles überschlägt sich und ich hole tief Luft.
»Tată, ich möchte auch gerne eine Anzeige erstatten. Gegen Pascal.«
Ganz langsam nickt er, der Name war in unserem Haushalt bisher tabu. Ich wollte ihn nicht hören, nicht aussprechen, nichts davon. Das Leuchten, das ich im Gesicht meines Vaters erkenne, passt genau zu dem in meinem Herzen.
»Dann machen wir das. Zusammen.«
Vom Barhocker rutschend, schlinge ich meine Arme um ihn und halte ihn fest umarmt.
»Es tut mir leid.«
Er küsst meine Wange und löst sich aus der Umarmung.
»Dir muss rein gar nichts leidtun, Vio.«
Das hat er immer und immer wieder gesagt, aber jetzt endlich glaube ich es auch.
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