Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 56
Konstantin
Das Wichtigste beim Angeln ist Geduld.« Volker sitzt in einem Campingstuhl neben mir, die Rute steckt in einer Halterung, die Angelschnur hängt seit einer gefühlten Ewigkeit im Wasser, allerdings tut sich seit der erwähnten Ewigkeit auch nichts.
Jonas, der im Campingstuhl links neben mir liegt und weggedöst ist, schnarcht leise und unterbricht damit die Ruhe, die hier herrscht. Volker lässt den Blick die ganze Zeit auf der Wasseroberfläche ruhen, immer bereit zu reagieren, sobald ein Fisch anbeißt.
»Irgendwie dachte ich, es geht alles viel flotter. Immerhin ist das doch ein Angelteich.«
»Ja, aber die Viecher sind nicht dumm. Die fragen sich natürlich, wo einige ihrer Kumpels wohl geblieben sind.« Zum ersten Mal, seitdem wir hier angekommen sind, sieht er zu mir, ein Grinsen auf dem Gesicht. »Vielleicht spricht sich das unter den Fischen rum.«
»Ja, wer weiß.«
»Mach dich nicht verrückt. Wir fangen schon was. Bisher habe ich immer Glück gehabt. Regenbogenforellen, Karpfen, Saiblinge oder Störe. Dann schmeißen wir das heute Abend auf den Grill und alle werden happy sein.«
Eine indirekte Einladung, wie ich annehme, und ich muss an Robin denken. Wie er oft spät nach Hause kam, immer schon irgendwo irgendwas gegessen hatte, mit seinen Jungs noch um die Häuser gezogen war und sein Lächeln uns nie verraten hat, was er wohl gemacht hatte. Manchmal war ich neidisch, weil er trotz der angeblichen Ödness hier offensichtlich immer was erlebt hatte. Jetzt hier zu sitzen, vielleicht sogar auf seinem Platz, das tut auf eine weirde Art gut.
»Du bist doch dabei, oder?«
»Sicher. Klar.«
Irgendwie ist in den letzten Stunden das irre Gedankenkarussell in meinem Kopf langsam zur Ruhe gekommen, und ich bin Jonas inzwischen echt dankbar, dass er mich heute Morgen aufgelesen und sich um mich gekümmert hat. Das war echt nett. So wie es jetzt nett ist, hier neben Volker zu sitzen, aufs Wasser zu starren und ihn über Fische und Grillfeste reden zu hören. Volker strahlt dabei eine Ruhe aus, vor der ich mich neulich nachts im Schießverein noch gefürchtet habe und für die ich ihn jetzt bewundere. Er wäre sicher nicht im Pyjama und ohne Schuhe von zu Hause abgehauen.
Sicher nicht.
»Pennt Jonas etwa?« Kurz sehe ich zu meinem Sitznachbarn, der vollkommen weggetreten scheint, und wir lachen leise. »Der macht immer so früh schlapp und fährt erst abends richtig auf.«
Ja, genau so kenne ich ihn. Immer ein bisschen aufdringlich und zu laut. Das Gegenteil von Volker.
»Sag mal, jetzt, da wir unter uns sind.«
»Hm?«
»Wo ist das Gewehr?«
Fuck. Dieses verdammte Gewehr.
»Ich habe es versteckt. An einem sicheren Ort.«
Das klingt wie ein lahmes Quote aus einem miesen Actionstreifen, der es nie ins Kino, sondern nur zu einem Direktrelease auf Blu-Ray geschafft hat. Volkers Blick bohrt sich in mich, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er die Antwort hinter meiner Fassade findet. Nämlich, dass ich, gelinde gesagt, keine Ahnung habe, wo Robin das Gewehr untergebracht hat.
»Und was geht mit dir und dieser Rumänin?«
Das nenne ich mal einen Themenwechsel, Schleudertrauma inklusive.
»Vio.«
»Läuft da was?«
Sofort ist da wieder dieses Gefühl, wenn ich an unseren Kuss denke. Dieses Kribbeln. Ich hasse es, dass ich bei meiner Flucht von zu Hause mein Handy vergessen habe und ihr nicht schreiben kann, dass es mir gut geht – und ich an sie denke.
»Ich weiß nicht. Vermutlich.«
Volker nickt leise, sondiert die ruhige Wasseroberfläche, und ich warte darauf, dass er noch was zu dem Thema sagt. Denn offenbar haben so einige Leute was dazu zu sagen, egal, ob ich ihre Meinung hören will oder nicht.
»Ist das ein Problem?« Es soll herausfordernd klingen, aber jetzt kommt es rüber, als würde ich auf Volkers Erlaubnis oder so was hoffen. Doch der schüttelt nur den Kopf, lehnt sich in den Campingstuhl zurück und greift nach der Bierdose, die neben ihm steht.
»Nö. Habe ja auch mal eine Polin geknallt. Die meisten von denen sind gut im Bett.«
Ich schweige.
»Weißt ja, lassen sich gerne mal von Deutschen vögeln.«
Er grinst mir verschwörerisch zu, und weil ich ihm nicht sagen will, dass ich noch Jungfrau bin, nicke ich nur dümmlich grinsend.
»Aber fürs Leben sind die nichts. Das ist wie so ’ne Aufwärmübung.«
»Aufwärmübung?«
»Klar. Du sammelst Erfahrungen, und wenn du dann ’ne Deutsche findest, kannst du das einsetzen und sie richtig glücklich machen.«
Er nimmt einen Schluck, und ich starre ihn an, weil ich weiß, dass er es ernst mein.
»Vio ist aber Deutsche.«
Er lacht leise und schüttelt den Kopf.
»Ja, weil ihre Eltern wie so Kakerlaken über die Grenze gekrabbelt sind, damit die Tochter hier geboren wird und einen deutschen Pass bekommt. Dann kannst du sie nicht abschieben. Das macht sie noch lange nicht zu einer echten Deutschen.«
Echte Deutsche.
Seine Definition davon würde mich interessieren. Und würde er mich noch immer in diese Kategorie einsortieren, wenn er wüsste, dass mein Großvater aus Böhmen stammt? Wo genau zieht man eigentlich diese Grenze? Und warum?
»Glaub mir, die Kleine tut dir nicht gut.«
Doch, tut sie, sehr sogar.
»Die spielt nur mit deinen Gefühlen und manipuliert dich. Sie macht dir schöne Augen, säuselt irgendwas von wegen, du seist was Besonderes, dann verliebst du dich und fällst voll darauf rein.«
»Auf was?«
»Ich sag’s mal so.« Er dreht sich wieder zu mir, aber gerade dreht sich sowieso irgendwie alles, der einzige Fixpunkt sind seine funkelnden Augen. »Mischehen versauen unser Land, unsere Kultur und unseren Glauben.« Alle Punkte zählt er an seinen Fingern ab und ich muss schlucken. »Außerdem denkt Jonas, dass sie ’ne Lesbe ist.«
»Na ja, ich denke nicht, dass …«
Er unterbricht mich, bevor ich meine Argumente vortragen kann, weil offenbar ein Fisch angebissen hat. Sofort springen wir auf, und Volker deutet auf meine Angelrute, durch die ein Ruck geht. Die Spitze beginnt zu zittern.
»Das ist deine!«
Sogar Jonas wird aus seinem Nickerchen gerissen, versteht sofort und richtet sich auf.
»Du musst ihn einholen.«
Zwar war ich mal vor Jahren angeln mit meinem Vater, aber die Erinnerung an die Handgriffe von damals fehlt gerade, was Volker und Jonas sofort verstehen. Jonas packt die Rute, bevor sie aus der Halterung rutschen kann, und hält sie mir entgegen. Volker flankiert mich, und ich umklammere den Griff, während er beginnt, die Angelrolle zu drehen, die Schnur spannt sich, wir haben definitiv einen Fisch gefangen.
»Ein bisschen nachgeben …« Er lässt die Rolle wieder los, Jonas’ Hände legen sich um meine, zusammen halten wir den Griff umklammert. »Und jetzt einholen!« Wie in einer perfekten Boyband-Choreografie lehnen wir uns synchron zurück, holen noch mehr Angelschnur ein. »Das muss ein dicker Klopper sein!«
Bei der vielen Kraft, die wir einsetzen müssen, vermute ich fast, dass wir einen ausgewachsenen weißen Hai am Haken haben. Das wäre doch mal eine Schlagzeile. Noch einige Male wiederholen wir die Vor-und-zurück-Bewegung, dann taucht da dieses sich windende Ding aus dem Wasser auf, und wir holen die Schnur so schnell wie möglich ein, jubeln und grölen wie nach dem Erzielen des Champions-League-Siegestors in der letzten Spielminute. Volker wirft einen professionellen Blick auf den Fisch, der noch am Haken zappelt.
»Regenbogenforelle. Nicht schlecht fürs erste Mal!«
Beide klopfen mir anerkennend auf die Schulter, Jonas löst den Fisch und drückt ihn mir in die Hand. So recht weiß ich nicht, wie ich ihn halten soll, aber Volker hat schon das Handy aus der Hosentasche gezogen.
»Stell dich mal so hin, dass der See mit drauf ist.«
Jonas bugsiert mich in die richtige Position und alles läuft mehr oder weniger wie ein Film ab. Das Rauschen in meinen Ohren, das Kribbeln auf der Haut, der nasse glitschige Fisch in meinen Händen und meine Mundwinkel, die den Ohren ein Highfive verpassen wollen, so breit grinse ich.
»Und jetzt sag Cheese!« Stolz halte ich den Fisch hoch, strahle direkt in die Kameralinse und höre den Auslöser. »Der wird auf den Grill geschmissen. Was ein geiler Tag!«
Ohne Vorwarnung zieht Volker mich in eine Umarmung, wobei der Fisch zwischen uns an meine Brust gedrückt wird und einen nassen Fleck auf dem geliehenen T-Shirt hinterlässt. Als Volker sich von mir löst, legt er seine Hand an meine Wange, seine Augen ganz groß, offensichtlich mit genauso viel Adrenalin vollgepumpt wie ich.
»Bin richtig stolz auf dich, Konny.«
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