Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 26 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 25

 

 

Vio

 

Wir haben uns schon gefragt, wo ihr wohl bleibt.« Mone ist die Einzige, die aufsteht, um uns zu begrüßen, während die anderen matt auf ihren Handtüchern in der Sonne liegen und maximal ein kurzes Winken rüberwerfen.

Zu meiner Überraschung umarmt Mone mich auch jetzt wieder fest und herzlich, womit sie sofort mein schlechtes Gewissen weckt. Habe ich selbst sie vorhin indirekt verdächtigt?

»Wir sind einen kleinen Umweg gefahren.« Konstantin legt seinen Rucksack ab und zieht ein Handtuch raus, ich checke inzwischen, ob ich alle Namen mit den korrekten Gesichtern in Zusammenhang bringe, und bin stolz, alle zu erkennen. Nur Isabell fehlt, worüber ich nicht besonders traurig bin.

»Hattet ihr gestern noch Spaß?« Mone deutet auf den freien Platz neben sich, wo ich mein Handtuch ausbreiten soll und es auch tue.

»Sagen wir so: Es wurde noch ziemlich aufregend. Und bei euch?« Dabei gebe ich mir Mühe, nicht zu neugierig, sondern eher interessiert zu klingen, aber Mone winkt nur ab.

»Wir haben noch einen Döner gegessen und dann sind wir heim, die Jungs waren alle völlig platt. Voll der Reinfall. Und bei euch?«

Konstantin wirft mir einen kurzen Blick zu, den die anderen gar nicht verstehen. Und sofort muss ich lächeln.

»Bei uns lief alles ganz ordnungsgemäß ab.«

Mit meiner Antwort kann Mone nichts anfangen, bemerkt aber auch, dass es keinen Sinn hat, weiter nachzubohren, und so strecken wir uns nebeneinander auf den Handtüchern aus. Eine kleine Weile dösen wir nur mit halb geschlossenen Augen, ich lausche dem Lachen der Kinder, der Musik aus einer Box einige Handtücher weiter und bin ziemlich überrascht, als ausgerechnet Konstantin das Thema anschneidet.

»Habt ihr eigentlich mitgekriegt, was auf der Baustelle passiert ist?«

Die Frage passt ungefähr so gut zur vorherrschenden Stimmung am Seeufer wie ein kühler Regenschauer.

»Was ist denn jetzt schon wieder passiert?« Mones genervte Stimme spiegelt das Interesse aller anderen perfekt wider.

»Mal wieder eine unnötige Sprayerei.«

»Ach so.« Sie lässt die Augen geschlossen, das Gesicht der Sonne zugewandt. »Solange sie die Scheiben diesmal in Ruhe lassen.«

»Ausländer raus.« Mein Beitrag zur Unterhaltung führt nun doch dazu, dass sie ihre Augen öffnet und andere zumindest den Kopf in meine Richtung drehen. »Das haben sie hingesprüht.«

»Ja, viel geistreicher wird es auch nicht werden. Haben sie es zumindest fehlerfrei hingeschmiert?«

»Haben sie.«

»Steigerung. Immer die gleichen Parolen, denen fällt nichts anderes ein.«

»Das passiert also öfter?«

Konstantin weicht meinem Blick aus, sieht stattdessen hinaus auf den See, wo die Insel heute verlassen daliegt, und ich frage mich, wieso er mir nicht erzählt hat, dass solche Aktionen hier im gemütlichen Walddorf wohl zur Tagesordnung gehören. Also klärt Holger mich auf.

»Öfter vielleicht nicht, aber jemand hat echt was gegen diesen Bau. Bei Ottersfeld haben sie schon ein Asylheim und da gibt es seitdem immer irgendwie Ärger. Darauf haben die hier wohl keinen Bock.« Holger, der seinen Blick hinter einer verspiegelten Pilotenbrille versteckt hält, zuckt nur die Schultern, als würde ihn das alles gar nicht wirklich interessieren. »Das letzte Mal wurden die neuen Fenster eingeschmissen, alles, damit es zu einer Bauverzögerung kommt. Das sagt zumindest mein Vater. Damit wollen die wohl einen neuen Bürgerentscheid erzwingen. Was weiß ich.«

Und damit ist das Thema dann auch erst mal beendet, weil niemand hier im Sommer, an einem Badesee, Lust auf eine Diskussion hat. In meinem Magen brodelt es vor sich hin, passend zur Außentemperatur. Mone bemerkt mein Unbehagen und sagt: »Mach dir keine Sorgen, Vio, wir passen auf dich auf.«

»Wieso sollte ich mir Sorgen machen?«

»Keine Ahnung, aber die Sorgenfalte zwischen deinen Augenbrauen verrät, dass du alles andere als entspannt bist.«

Reflexhaft greife ich mir an die Stirn, wo sich tatsächlich eine tiefe Falte gebildet hat, und sehe dann zu Mone, die mich frech angrinst.

»Und jetzt erzähl mal, du und Konstantin?«

»Was soll mit uns sein?«

»Ihr habt viel Zeit zusammen verbracht.«

»Ist das so?«

Sie rollt sich auf die Seite und stützt sich auf den Ellenbogen.

»Ich kenne ihn seit dem Kindergarten und so deutlich hat er sich noch nie um jemanden bemüht. Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, er neigt nicht gerade dazu, wahnsinnig viel zu reden.« Sofort denke ich an den Moment auf dem See, als er mir mit so wenigen Worten so viel erzählt hat, und spüre, wie meine Mundwinkel bei der Erinnerung an gestern Nacht nach oben zucken. »Also, was läuft da zwischen euch?«

»Gar nichts.«

»O Mann, hat dir mal jemand gesagt, dass du eine echt miese Lügnerin bist?«

Hat man. Und obwohl Mone es mit einem Lächeln sagt, trifft es mich tiefer, als ich zeigen will.

»Magst du ihn denn?«

Konstantin, der inzwischen in ein Gespräch mit Holger versunken ist, bemerkt nicht, dass sowohl Mone als auch ich ihn beobachten, wie er dasitzt, die Arme auf die angezogenen Knie gestützt, ein Basecap verkehrt rum auf dem Kopf, die Sonnenbrille auf der Nase.

Von hier aus betrachtet sieht er aus wie jeder Junge in seinem Alter, und doch sehe ich etwas Besonderes an ihm, auch wenn ich nicht genau sagen kann, was das ist.

»Ich denke schon.« Das will ich mir zwar aus den absurdesten Gründen nicht eingestehen, aber sehr viel länger kann ich es auch nicht leugnen.

»Hattest du in München denn einen Freund?« Mone legt so zielsicher den Finger in die Wunde, dass ich mir nicht sicher bin, ob sie über unerwartete Kanäle vielleicht die ein oder andere Info aus München bekommen haben könnte. Sicher, solche Dramen sprechen sich bekanntlich schnell rum, aber über die Distanz München – Walddorf?

»Es war kompliziert.«

»Habt ihr euch wegen des Umzugs getrennt?«

Nein. Wegen allem anderen. Doch statt das zu sagen oder irgendwas über meine Vergangenheit zu erzählen, schüttele ich nur den Kopf und sehe zur schwimmenden Insel.

»Wie lange wart ihr denn zusammen?«

»Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ziemlich neugierig bist?«

Mones Lächeln wird noch breiter.

»Das höre ich täglich, aber wie sonst sollte ich denn die absolut verlässlichste Quelle für Klatsch und Tratsch im Dorf bleiben?«

»Du weißt also alles, ja?«

»Mal sehen. Was willst du denn wissen?« Sie sieht mich herausfordernd an und ich gehe den Fragenkatalog in meinem Kopf durch. Doch keine erscheint mir passend genug, bis Mone sich aufsetzt. »Na los, keine Scheu. Trau dich.«

»Hattest du mal was mit Konstantin?«

Ihr schallendes Gelächter entlädt sich über dem Strand, weckt jeden, der sich ein kleines Nickerchen gönnen wollte, und in mir ein unangenehm peinliches Gefühl.

Die Jungs drehen die Köpfe in unsere Richtung, und ich hoffe, die Hitze, die mir ins Gesicht schießt, lässt meine Wangen nicht glühen.

»Ach Vio, ich muss dich enttäuschen. Ich kenne Konny einfach eine Spur zu lange und zu gut, als dass ich ihn auf diese Art interessant finden könnte.« Ihr Lächeln ist selbstsicher und mondän, ich kann sie mir überall auf der Welt vorstellen, sie würde nach München, London oder Paris passen. »Außerdem ist er nicht mein Typ.«

Kurz sehe ich zu Konstantin, der lässig in der Sonne sitzt und mir von Tag zu Tag attraktiver vorkommt. Mone zieht ihre Sonnenbrille ein bisschen von der Nase und folgt meinem Blick.

»Jaja, ich weiß, wie kann man ihn nicht toll finden?« Sie verdreht gespielt übertrieben die Augen. »Aber er ist einfach nicht mein Typ.«

»Hat man überhaupt wirklich einen Typ?«

»Okay, ich formuliere es anders …« Sie nimmt die Brille komplett ab und sieht mich ernst an. »Du wärst eher mein Typ als er.«

»Ach so.«

»Jap.« Sie grinst zufrieden, wartet auf eine Reaktion, aber ich sage nichts mehr. »Um deine Eingangsfrage, die du wirklich stellen wolltest, also zu beantworten: Du hast freie Bahn bei Konstantin.«

»So hatte ich das nicht gemeint.«

Sie setzt sich die Sonnenbrille wieder auf und lehnt sich zurück auf ihr Handtuch.

»O doch, Vio, genau so hast du es gemeint.«

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