Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 42 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 41

 

Vio

 

Weißt du, solche Typen wie Jonas, die gibt es überall, schon klar, aber manchmal denke ich, Walddorf hat echt einen Idiotenüberschuss!« Mone ist noch immer stinksauer, das verraten ihre ausgreifenden Schritte, seit wir den Tennisklub in Richtung See verlassen haben. Sie verspricht sich dort etwas mehr Ruhe für uns, weil die meisten Leute so früh noch unterwegs sind und maximal ein paar Familien den Strand belagern werden.

»War er auch einer der Jungs, die dich als Herausforderung gesehen haben?«

Mone rollt sofort mit den Augen, nickt dann. Ich hätte es mir denken können. Jonas hat einfach so einen bestimmten Vibe, den ich schon bei unserem ersten Treffen gespürt habe.

»Kenne ich, solche Typen.« Das rutscht mir einfach raus, und ich wünsche mir sofort, dass sie es überhört oder es zumindest nicht ihr Interesse geweckt hat. Aber Mone ist viel zu neugierig, als dass so ein Kommentar unbemerkt an ihr vorbeiziehen könnte.

»Weil Jungs das bei dir auch gemacht haben?«

»So was in der Art.« Nur nicht daran denken. Es kann sich gar nicht bis nach Walddorf rumgesprochen haben. Niemand hier hat Kontakt zu meinen Leuten in München. Alles cool. Kein Grund zur Panik. Wie zum Beweis legt Mone mir den Arm um die Schulter.

»Manchmal sind Jungs echt solche Idioten.«

Und manchmal vertraut man einfach den falschen Leuten.

»Allerdings.«

Wir gehen den kleinen Trampelpfad runter zum See. Mona hat nicht zu viel versprochen. Um diese Uhrzeit sind die Sonnenschirme überschaubar, und wir entscheiden uns für einen Platz ziemlich am Rand, wo wir noch ein bisschen den Schatten der Bäume abkriegen.

»Es dauert sicher noch, bis die anderen hier aufschlagen.«

Hauptsache, Jonas und sein neuer Schoßhund Konstantin bleiben weg. Noch immer schüttelt es mich, wenn ich an die Begegnung von vorhin denke. Etwas an Jonas lässt mich regelrecht frösteln.

»Vergiss die beiden.« Mone zieht die Schuhe aus und platziert sie neben ihrem Rucksack im Sand.

»Woher weißt du eigentlich immer so genau, was ich denke?«

Schulterzuckend zieht sie das T-Shirt aus und schält sich aus den kurzen Jeans, bevor sie im Bikini neben mir auf dem Handtuch Platz nimmt.

»Keine Ahnung. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich kenne dich schon eine ganze Weile. Oder wir ticken einfach nur verdammt ähnlich.«

Wie mein Leben wohl abgelaufen wäre, wenn ich hier und nicht in München aufgewachsen wäre? Weit weg von dem ganzen Großstadtchaos, das ich gar nicht mehr so sehr vermisse, wie zu Beginn erwartet.

»Vermutlich tun wir das.«

Wie sehr hätte ich mir eine Mone in München gewünscht! Weil Mone eine Art an sich hat, die sie automatisch in den Mittelpunkt rückt. Dafür muss sie gar nichts tun, sie lächelt einen einfach offen an, hört zu und lacht von Herzen. Sie muss nicht gemein oder laut werden. So jemanden hätte ich wirklich gebraucht. Vor allem, als das Foto die Runde gemacht hat …

Bevor die Erinnerungen zurückkommen können, lehne ich mich zurück auf die Ellbogen und schaue über den See in Richtung Wald. Irgendwo dahinter liegt der andere See mit dem Surfklub und schönen Erinnerungen.

»Denkst du schon wieder an Konstantin?«

»Nein.« Irgendwie doch. Weil ich selbst dann, wenn ich nicht an ihn denke, irgendwie an ihn denke. Weil ich ihn, obwohl er sich so idiotisch verhalten hat, noch immer mag und so blöd bin, selbst jetzt noch auf ein klärendes Gespräch mit ihm zu hoffen. Ohne Jonas, ohne die ganzen anderen, einfach nur reden. Dann muss er mir in die Augen schauen und mir sagen, was in seinem Kopf wirklich vorgeht. Denn so recht kriege ich die Bilder von dem Konstantin auf dem See und dem an Jonas’ Seite nicht zusammen.

»Eigentlich hängt er sonst nicht mit Jonas und dessen Jungs rum. Die sind eher die Freunde von Robin.«

»Na, jetzt sind sie wohl seine Freunde.«

»Das passt aber nicht so richtig. Passt ja schon bei Robin nicht wirklich.«

»Kennst du die Wagenfelds eigentlich gut?«

Mone nickt, ohne zu zögern, sagt dann aber: »Einigermaßen, jedenfalls schon lange. Wieso?«

»Ich frage mich nur, ob …« Aber aussprechen will ich es dann doch nicht. Das kann einfach nicht sein, auch wenn mir manche der Sprüche heute Morgen nicht gefallen haben. Mones bohrender Blick zwingt mich schließlich aber doch, mit der Sprache rauszurücken. »… ob die was mit dem Brand zu tun haben?«

»Konny und Robin?« Sie muss sich ein Lachen fast verkneifen und schüttelt energisch den Kopf. »Das würden sie nie machen. Die sind bei der Feuerwehr, das ist gegen deren Ehrenkodex oder so.«

»War auch nur so ein Gedanke.«

»Außerdem, wieso sollten sie?«

»Weil sie beide mit Jonas rumhängen. Und dem traue ich so was absolut zu.«

»Ich auch. Er würde sogar damit garantiert durchkommen und es schön auf jemand anderen abwälzen. So ist der Typ einfach.«

»Den behalte ich auf jeden Fall im Auge.«

Aber nicht jetzt. Jetzt will ich weder an ihn noch an Konstantin denken. Und auch an sonst niemanden. Einfach nur ein bisschen dösen und die Ruhe am See genießen. Mone scheint auch keinen Drang mehr zum Reden zu verspüren. Schon bald wird meine Atmung tiefer und ruhiger, und ich schlafe ein, traumlos und schwer, bis jemand sanft meine Schulter berührt.

Ich habe keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen ist. Isabell steht, beladen mit allerlei Strandzeug, direkt vor mir, Holger und der Rest sind auch dabei.

»Ihr habt uns schon einen Platz freigehalten, wie nett von euch.« Isabell wiederzusehen rüttelt die Erinnerung an gestern wach, an mein Geständnis und unser Gespräch. Ihre Augen versteckt sie hinter einer Sonnenbrille, ich kann also nicht sagen, inwieweit ihr Kater auch ihr Gedächtnis lahmgelegt hat. Holger schiebt sich an ihr vorbei zu mir, breitet sein Handtuch etwas zu nah an meinem aus und lässt sich mit einem Ächzen drauffallen.

»Was ’ne Nacht, oder?«

Ohne genau zu wissen, auf welches Kapitel davon er genau anspielt, nicke ich und versuche mich wieder auf Isabell zu konzentrieren. Ich habe ihr zwar nur angedeutet, was passiert ist, aber ich will nicht, dass auch nur ansatzweise irgendwelche Gerüchte aufkommen. Nicht auch noch hier.

»Haben wir was verpasst?« Sie breitet ihr Handtuch an Mones Seite aus, und bisher habe ich keinen Unterschied in ihrem Verhalten mir gegenüber wahrgenommen.

»Nicht, dass ich wüsste.«

Holger sieht mich lächelnd an.

»Es ist schon merkwürdig, dass es zu immer mehr Chaos kommt, seitdem du da bist, oder?«

»Wie bitte?«

»Keine Ahnung. Ist vielleicht so ein Großstadtding.«

»Kannst du das genauer erläutern?«

»Na ja, Walddorf war eher ein verschlafenes Nest, und kaum bist du da …« Er zuckt umständlich die Schultern, sein Lächeln bleibt aber unverändert ehrlich.

»… gibt es Ärger.« Isabell beendet den Satz für ihn und bekommt dafür meine Aufmerksamkeit.

»Wo gibt es denn Ärger?«

»Gestern hat es eine Brandstiftung gegeben.«

»Und?«

»Ist bisher halt noch nie passiert.«

Mone reicht es, sie setzt sich ruckartig auf und funkelt Isabell genervt an.

»Ja, und? Das ist ja wohl kaum Vios Schuld!«

»Hab ich doch gar nicht gesagt, aber es fällt einem halt auf.«

Okay, der kurze vertraute Moment zwischen Isabell und mir gestern direkt vor ihrer Kotzattacke hat keine Spuren von Sympathie bei ihr hinterlassen. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass ich ihr die Haare aus dem Gesicht gehalten habe, während sie ihren Cocktail auf meine Schuhe entleert hat.

»Das ist Bullshit, Isa. Und das weißt du auch.«

»Das sagst du doch nur, weil sie aus München kommt.«

Egal, wie sie es drehen und wenden, ich bin immer die Fremde. Schon jemand aus München reicht offensichtlich, um ihr kleines Universum hier durcheinanderzubringen.

»Und weil du auf sie stehst.« Holgers Beitrag zur Unterhaltung ist meiner Meinung nach wenig qualifiziert und trotzdem irritiert er mich einen Moment. Sofort hebt er die Hände, als er Mones Blick bemerkt. »Hey, ich kann es dir nicht verübeln. Finde sie ja auch cute.«

Kurz winke ich direkt vor seinem Gesicht, erinnere ihn daran, dass ich direkt neben ihm sitze und er nicht in der dritten Person von mir sprechen muss.

»Ich kann euch übrigens auch hören.«

»Sieh es als Kompliment.«

Isabell schnaubt verächtlich, und mir wird das alles jetzt schon zu viel, kurz sehe ich zu Mone, aber die schüttelt nur den Kopf, sagt sonst aber nichts zu der Sache. Dafür hat Isabell offensichtlich noch einiges beizutragen.

»Es ist schon komisch, wie du dir hier alles unter den Nagel reißt.«

»Wie bitte?«

»Zuerst krallen sich deine Eltern die Gaststätte, dann du dir Konstantin, jetzt noch Mone, und Holger wäre sicher auch nicht abgeneigt.«

Der streitet den Vorwurf nicht ab, ich hingegen lasse das so nicht auf mir sitzen.

»Wir reißen uns rein gar nichts und niemanden unter den Nagel, okay?«

Aber Isabell ist nicht überzeugt, ganz im Gegenteil, sie starrt mich stur an, holt dann zum Gegenbeweis aus.

»Und wie war das denn dann mit dem vergebenen Typen, den du dir geschnappt hast?«

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