Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 75
Vio
2 Wochen später
Glaubst du, es wird jemals fertig?« Wir radeln nebeneinander die Landstraße entlang und Mone lässt ihren Blick über das inzwischen komplett kahle Maisfeld bis zur Baustelle wandern. Es war ihr Wunsch, dass wir zusammen diese Route für unseren Ausflug wählen. Immerhin werden wir hier bald täglich in Richtung Schule vorbeiradeln müssen und sie will sich die Angst vor dem Ort vorher abtrainieren.
»Keine Ahnung. Sieht aber so aus, als würden sie bald die Arbeit wieder aufnehmen.«
Sie wird langsamer, bleibt aber nicht stehen, und ich bremse so dicht neben ihr, dass unsere Lenker sich fast berühren.
»Alles gut?«
»Tagsüber ist es echt kein Problem. Da sieht es so anders aus, wie etwas, das ich zu gut kenne, als dass es mir Angst machen könnte.«
Allerdings hat sie deswegen den Job an der Tanke aufgegeben, weil sie im Dunkeln die Strecke nicht mehr fahren kann. Das kann ich verstehen und finde es trotzdem schade. Dieser Job war irgendwie immer noch die Nabelschnur zu ihrem großen Traum. Damit hat sich das mit München-Köln-Hamburg wohl erledigt. Zumindest spricht sie nicht mehr darüber, und ich lasse momentan sie die Themen für unsere Gespräche bestimmen.
Jetzt tritt Mone wieder in die Pedale und ich hefte mich an ihre Fersen beziehungsweise ihr Hinterrad. Auf der nächsten Etappe gibt sie Vollgas, und ich habe Mühe mitzuhalten, bis sie die Füße von den Pedalen nimmt und die Beine von sich grätscht.
»Nächste Woche ist mein erster Termin bei Dr. Stuber. Gesprächstherapie.« Sie verzieht kurz das Gesicht, und ich rolle neben sie, sehe auf die leere Straße vor uns.
»Ich weiß, steht im Kalender.«
»Hab ziemlich Schiss.«
»Wieso?«
»Will nicht als Freak abgestempelt werden.«
»Keine Sorge, Mone, den Stempel haben wir auch so schon. Freaks United.« Dank der niedrigen Geschwindigkeit kann ich ihr die Hand zum Highfive hinhalten und sie schlägt ein.
»Und was ist mit dir und … du weißt schon.«
Konstantin, noch so ein Thema.
Den Namen haben wir erst mal aus unseren Gesprächen verbannt, und manchmal würde ich gerne ohne diesen fiesen Mix aus Wut und Enttäuschung an ihn denken, aber noch gelingt es mir nicht.
»Er schreibt ab und an.«
Aber das hat sich Mone sicher schon gedacht.
»Und antwortest du?«
»Manchmal.«
Stur sehe ich auf den Asphalt vor unseren Rädern und halte den Lenker viel zu fest umklammert. Mone kommt auf meine linke Seite und ich kann ihren Blick spüren.
»Er hat sich bei mir entschuldigt. Hunderttausendmal.«
»Gut für ihn.«
Bei mir könnte man locker noch ein paar Nullen an seine Entschuldigungsversuche dranhängen. Jedes Mal, wenn wir uns zufällig am Tennisklub oder am See über den Weg laufen, wiederholt er seine Entschuldigung und ich nicke jedes Mal nur.
»Er meint es ernst.«
Inzwischen weiß jeder, was in der Nacht passiert ist. Konstantin und Robin haben sich der Polizei gestellt und alles erzählt. Nächsten Monat müssen sie sich vor Gericht verantworten. So wie auch Jonas, der zusätzlich wegen der Schüsse auf unser Restaurant angeklagt ist, weil man das Gewehr und die passende Munition bei ihm zu Hause gefunden hat. Irgendwann ist er eingeknickt und hat die Wahrheit erzählt, wie er diesem Volker imponieren wollte. Als er Konstantin und mich an dem Abend im Restaurant gesehen hat, wollte er uns nur einen Schrecken einjagen. Dass ihm das gelungen ist und ich noch immer nachts aus dem Schlaf hochfahre, wenn sich der Albtraum zu real anfühlt, das weiß er nicht. Volker wird wohl nicht nach Jugendstrafrecht verurteilt, weil er schon älter ist und eben mehr als nur eine Tat begangen hat.
Bei Robin könnte es eng werden, ihm halten sie zugute, dass er sich freiwillig wegen der Spray-Aktion und dem Containerbrand gestellt hat.
Wenn Konstantin Glück hat, kommt er mit Sozialstunden und der Enttäuschung seiner Eltern davon. Alleine bei dem Gedanken an all das verwandelt sich mein Magen in einen Teigklumpen, der mir zäh und massig im Bauch liegt.
In Filmen und Büchern lernen wir, dass es eindeutige Bösewichte auf der einen und schillernde Helden auf der anderen Seite gibt. Nur ist diese Vorstellung ungefähr so weit weg von der Realität wie Walddorf von Tokio. Die Grenzen verschwimmen, Leute wechseln die Seiten und tun die dümmsten Dinge aus den falschen Gründen. Einige wechseln sogar wieder zurück.
Es fällt mir schwer, Konstantin irgendwo klar einzuordnen oder zu vergessen, was er getan hat. Ein bisschen ist er noch immer der Junge, der mir seinen liebsten Platz gezeigt hat, und gleichzeitig muss ich nur Mone ansehen und weiß wieder, was er getan hat.
Wir erreichen die Tankstelle in Ottersfeld und stellen die Räder neben den Kompressor, mit dem man Reifen aufpumpen kann.
»Brauchst du was aus dem Shop?«
»Man braucht nie was aus dem Tankstellenshop.«
Mone, die bereits ihren Geldbeutel zückt, sieht mich herausfordernd an.
»Nicht mal Schokoriegel?«
»Schokoriegel sind eine Ausnahme.«
Sie schiebt grinsend die Tür auf, und die elektronische Klingel ertönt, lässt den Mitarbeiter hinter der Theke wissen, dass wir seinen langweiligen Alltag für den Moment unterbrechen – und dann bleibe ich wie angewurzelt stehen.
In einem grün-weißen Poloshirt und der farblich passenden Kappe steht uns Konstantin an der Kasse gegenüber.
»Hi.«
Mone ist ebenso überrascht, wie ich es bin, und sagt nur mechanisch: »Hallo.« Ohne Umschweife wählt Mone dann die Riegel, einmal Erdnuss, einmal Crisps, und legt sie vor Konstantin auf den Tresen. »Was machst du denn hier?«
»Ich habe bei Pizza Panda aufgehört. Robin musste den Roller abgeben, und mit dem Rad ausfahren ist blöd.« Er will die Riegel scannen, aber nichts passiert, auch als er es einige Male wiederholt.
Mone nimmt sie ihm aus der Hand und sagt: »Du musst sie so halten, der Scanner spinnt manchmal.«
»Danke für den Tipp.«
»Profi halt. Habe den Job ja schon fast ein ganzes Jahr gemacht.« Das sagt sie mit einer ordentlichen Portion Stolz, aber dann ist da auch diese Traurigkeit, als sie mir den Riegel reicht. »Ist jetzt auch egal.«
Konstantin legt das Geld in die Kasse und sieht dann wieder zu uns.
»Nein, es ist überhaupt nicht egal. Schließlich hast du das ja gemacht, um für deinen Traum zu sparen.«
»Was?«
»Du sparst doch für München, oder?«
München-Köln-Hamburg.
»Ja.« Weil sie sich noch immer nicht davon verabschiedet hat, weil es noch immer ein Traum ist, der sie lächeln lässt.
»Gut. Ich sammle hier nämlich weiter dafür.«
»Ich versteh nicht.«
»Da du ja nach dem …« Er weiß nicht, wie er das formulieren soll und setzt neu an: »Also, weil du wegen uns den Job nicht mehr machen kannst, tue ich das jetzt und steuere was zum Umzug bei.«
»Wie bitte?«
»Na, damit du nicht darauf verzichten musst.«
»Aber ich ziehe doch sowieso nicht weg.«
Konstantin zuckt die Schultern, glaubt ebenso wenig an die Dauerhaftigkeit dieser Entscheidung, wie ich es tue.
»Dann für den Fall, dass du es doch irgendwann tust.«
»Du machst das hier für meinen potenziellen Umzug?«
»Eine Entschuldigung allein reicht nicht, also wollte ich irgendwas machen.« Er sieht so hilflos aus, wie er da hinter der Kasse steht, als würde er weit weg vom Ufer mit dem Surfbrett auf dem See treiben. So ganz ohne Signalgeber.
»Danke. Das …« Mone sieht zu mir, aber ich bin ebenso sprachlos wie sie, und genau diesen Umstand nutzt sie nun aus, nimmt mir die Entscheidung ab und sagt: »Ich warte dann mal draußen.«
»Was? Wieso? Wir sind hier doch fertig.«
Aber sie schüttelt entschlossen den Kopf.
»Nein, Vio. Ich bin hier fertig. Du hast noch einiges zu klären.« Ein Nicken in Richtung Konstantin und dann lässt sie mich an der Kasse des Tankstellenshops stehen, die Klingel ertönt und die Tür fällt wieder ins Schloss.
Im Hintergrund läuft ein Radio und spielt einen uralten Sommerhit, der jedes Jahr wieder aus der Schublade gezogen wird und die komplett falsche musikalische Untermalung für dieses Gespräch ist.
Hey, Macarena …
»Ich bin ziemlich sauer.« Es ist das Erste, was mir einfällt.
»Hab ich gemerkt.«
»Und ich verstehe es nicht.«
»Okay.«
»Es wäre so viel leichter, wenn ich dich nicht mehr mögen würde, Konstantin.«
Darauf sagt er nichts, sieht mich einfach nur an.
»In einer Woche fängt die Schule an und wir werden uns da ständig über den Weg laufen und vermutlich haben wir auch noch gemeinsame Kurse und …« All das spielt sich seit zwei Wochen in Dauerschleife in meinem Kopf ab, und ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll. Mit Vorfreude? Angst? Panik? Herzklopfen? Konstantins Blick ist da nicht gerade hilfreich. »… und ich weiß immer noch nicht, wo die verdammten Feuerlöscher in der Schule stehen.«
Es ist das Absurdeste, was ich sagen oder denken kann, aber es kommt mir als Erstes in den Sinn. Zu genau erinnere ich mich noch an unser Gespräch auf dem See und hoffe, Konstantin irgendwann wieder ansehen zu können und einfach nur den Jungen zu erkennen, der auf einem Surfbrett mein Herz berührt hat.
»Die Feuerlöscher kann ich dir gerne zeigen, wenn du willst.«
»Okay.«
Das ist ein Anfang, wackelig und seltsam, aber es ist ein Anfang.
Kurz sehe ich zu Mone, die draußen am Rad lehnt und in die Ferne blickt.
»Dann sehen wir uns in der Schule?«
»Ja.«
»Okay. Bis dann.«
Der Shop ist zu eng geworden und die Luft wird knapp, also eile ich zur Tür, ehe der Schokoriegel in meiner Hand schmilzt. Doch bevor ich nach draußen flüchten kann, drehe ich mich noch mal zu ihm um und sage: »Die anderen kommen morgen Abend zum Essen ins Restaurant.«
Konstantin. Unfertig und verloren, so wie wir alle manchmal. Auf der Suche nach dem Platz, an den er nicht nur hingehört, sondern auch er selbst sein kann, ist er oft falsch abgebogen, aber vielleicht braucht er ja einen Signalgeber, ein Zeichen, um wieder in die Spur zu finden.
»Willst du auch kommen?«
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