Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 50
Konstantin
Blaulicht, Absperrband, Polizisten, Eltern, und irgendwo dazwischen sitzen Vio und ich.
»Habt ihr was gehört?«
»Habt ihr jemanden gesehen?«
»Wann ist es passiert?«
»Wie ist es passiert?«
»Was macht ihr eigentlich hier?«
Obwohl alle sagen, es wäre vorbei und ich könne mich beruhigen, höre ich noch immer ein unangenehmes Piepen, das nicht von der Schießerei herrühren kann, aber dennoch nicht verschwinden will. Mein Magen fühlt sich flau an, mein ganzer Körper kribbelt, und ich muss mich anstrengen, den Polizisten zuzuhören, weil meine Gedanken alle zeitgleich in meinem Kopf brüllen.
Vio sieht so blass aus, wie ich mich fühle, ihre Mutter hält sanft ihre Hand, der Vater ist mit den Polizisten im Restaurant, betrachtet die Schäden, und ich sitze wie ein Statist daneben.
Mama ist daheimgeblieben, Papa steht neben mir, als Art seelische Unterstützung. Immer wieder schüttelt er den Kopf, egal wie oft ich ihm erzähle, was passiert ist, er fragt immer wieder nach, erhofft sich neue Details, aber ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung, was da eben passiert ist.
»Aber dir geht es gut, ja?« Die Besorgnis in Papas Stimme berührt mich kaum, weil sich gerade alles überschlägt. Meine Gedanken, mein Leben, mein Herz.
»Denke schon.«
»Die Aktion galt sicher nicht dir, Konstantin.« Er fährt sich über das Gesicht, sieht irgendwie alt und grau aus.
»Das ist mir auch klar.« Alle sehen zu mir, weil ich wohl lauter geworden bin als gedacht. Das Piepen in meinem Ohr hindert mich daran, das vernünftig einschätzen zu können, und so spreche ich genauso laut weiter. »Jemand muss doch was gesehen haben. Seit wann marschieren Leute mit einem Gewehr einfach so durch den Ort?«
Ein Polizist, der in etwa die Größe und Statur meines Vaters, wenn auch ein weicheres Gesicht hat, dreht sich zu mir.
»Wer sagt denn, dass es ein Gewehr war?« Zwischen seinen Fingern hat er eine Art Kugel und hält sie mir entgegen. »Diabolo-Geschosse, die zu einem Luftgewehr gehören.«
»Hornet-Diabolos?«
»Du kennst dich aus?«
Kein Stück. Alles, was ich weiß, ist, dass im Schützenverein ein Gewehr mit genau dieser Munition fehlt und es sich aktuell in Robins Besitz befindet.
»Nö.« Für mehr reicht es nicht, weil meine Kehle gerade austrocknet, meine Lungen den Geist aufgeben wollen und mir schlecht wird. So schlecht wie schon lange nicht mehr.
»Weißt du irgendwas darüber?«
»Nein.« Vielleicht antworte ich zu schnell, denn kaum habe ich das gesagt, zieht der Polizist die Augenbrauen nach oben und kommt weiter auf mich zu.
»Ihr Jungs stellt doch gern allerlei Unsinn an.«
Wen genau er mit ihr Jungs meint, weiß ich nicht, deswegen zucke ich nur die Schultern.
»Ich weiß nichts.«
»Wieso wart ihr denn um die Uhrzeit alleine in einer geschlossenen Gaststätte?«
»Weil ich ihr einen Tanz schuldete.«
Irritation auf allen Gesichtern, nur Vio weiß, was ich meine, und das reicht mir auch.
»Also seid ihr eingebrochen?«
»Vio hat doch den Schlüssel.«
Der Polizist nickt wenig überzeugt und dreht mir den Rücken zu, um seine Befragung bei Vio weiterzuführen.
Doch in meinem Kopf hämmert nur noch eine Frage: Wo zum Teufel steckt Robin?
Papa zieht sich einen der Stühle zur Seite und nimmt so Platz, dass mein Blickkontakt mit Vio unterbrochen wird.
»Sollen wir heim?«
»Ich will noch kurz mit Vio sprechen.«
Er nickt verständnisvoll.
»Weißt du, vielleicht wäre es besser, wenn du dir eine Pause gönnst.«
»Eine Pause?«
Er nickt.
»Bleib ein bisschen daheim, ruh dich aus, erhol dich. Tennis ist nicht so wichtig.«
Das aus dem Mund meines Vaters zu hören, klingt so merkwürdig, dass es mich nicht weiter überraschen würde, als nächstes Farbfotos vom Yeti zu finden oder eine DNA-Probe des Monsters von Loch Ness.
»Wenn das wirklich ein Anschlag auf die Gaststätte war, wäre mir wohler, dich nicht hier zu wissen.«
»Aber das hier ist unser Tennisklub.«
»Nein. Mit dem hat das nichts zu tun.« Er deutet mit dem Zeigefinger auf die offene Tür neben uns. »Es geht um die Gaststätte. Als es eine Pizzeria war, hat niemand darauf geschossen.«
Dieser Satz ist das Erste, was das Piepen in meinem Ohr in den Hintergrund drängt, und ich spüre Saharahitze, die zu meiner staubtrockenen Kehle passt, meine Luftröhre hochkriechen.
»Das ist doch Quatsch.« Ob ihn die Worte so flammend treffen, wie sie sich in meinem Mund anfühlen?
»Wie du meinst. Schlafen wir erst mal eine Nacht drüber. Komm.« Er greift nach meinem Arm und will mich auf die Füße ziehen, aber ich schüttele ihn ab und stehe eigenständig auf. Statt ihm zum Auto zu folgen, schiebe ich mich an allen vorbei und gehe vor Vio in die Hocke. Ihr Blick ist merkwürdig leer.
»Ich ruf dich morgen an, okay?«
»Klar.« Die geröteten Augen, das schmale Lächeln, all das erinnert nicht mal mehr im Ansatz an ihr freches Gesicht vorhin auf dem See oder beim Tanz. Ich lege die Arme um sie, und Vio flüchtet sich in meine Umarmung, die von allen Umstehenden beobachtet wird.
»Alles wird gut.« Eine geflüsterte Lüge, die Trost spenden soll und an die ich dennoch irgendwie glauben will.
»Hoffentlich.«
Mein Vater räuspert sich und ich lasse Vio nur sehr widerwillig los.
»Ich melde mich. Versprochen.«
Doch kaum haben wir den Biergarten verlassen, hören wir Schritte hinter uns.
»Herr Wagenfeld?«
Papa und ich bleiben gleichzeitig stehen, drehen uns synchron um und antworten beide mit einem fragenden: »Ja?«
Der Polizist lächelt unschuldig.
»Herr Wagenfeld junior.«
»Der Zweite.« Es rutscht mir nur so raus, weil Jonas mich so genannt hat.
»Es wäre nett, wenn wir morgen noch mal in Ruhe mit Ihnen reden könnten.«
Nett für wen? So wie er es sagt, ist es weder vage Einladung noch loser Vorschlag, sondern die Ankündigung eines Hausbesuches.
»Sicher.«
Vielleicht ist es nicht mal Absicht, aber er wirft kurz den Hornet-Diabolo in die Luft, nur um ihn wieder aufzufangen und mich mit der Überlegung, ob das wohl der korrekte Umgang mit potenziellen Beweismitteln ist, nach Hause zu schicken.
Papa sagt nichts, bis ich mich im Auto angeschnallt habe, dann erst dreht er den Zündschlüssel und wendet sich zu mir.
»Bist du okay?«
»Nein.« Gerade hat jemand, vielleicht mein Bruder, sein Sohn, auf die Gaststätte meiner Freundin – wenn Vio denn meine Freundin ist – geschossen. Hier in Walddorf, wo so was noch nie vorgekommen ist. Hier wurde vorher auch noch nie etwas in Brand gesteckt. Und sicher hat mein Bruder letzten Sommer auch noch nicht so einen verdammten Mist gebaut.
»Mama sollten wir eine entschärfte Version der Geschichte erzählen, die schläft sonst nie wieder.«
»Und wie soll die lauten?«
Er zuckt die Schultern und lenkt das Auto vorsichtig die Straße entlang durch mein verschlafenes Heimatdorf, das ich bisher wohl wirklich durch die rosarote Brille betrachtet habe.
»Sag mal, wie sind denn die Trainingsplätze beim TC Tersus?«
»Was?« Das ist ein Themenwechsel wie von Kuchenbacken zu Arschbacken. Aber Papa sieht dabei so angelegentlich konzentriert auf die leere Straße vor uns, als wären wir auf der A8 zur Rushhour.
»Na ja, vielleicht sollten wir uns ja wirklich mal nach einem neuen sportlichen Zuhause umsehen.«
»Du spielst für Unitas, seitdem du einen Schläger halten kannst.«
Niemand bei uns in der Familie ist besonders religiös, aber wenn Papa etwas heilig war, dann sein geliebter Tennisklub.
Bis jetzt.
»Mag sein, aber man kann ja nicht immer auf der Stelle treten, oder?«
»Papa …«
»Denk einfach darüber nach, ist natürlich deine Entscheidung.« An der nächsten Kreuzung klopft er mir kurz auf den Oberschenkel. »Hauptsache, dir ist nichts passiert.«
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