Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 22
Konstantin
Bist ziemlich spät dran.«
Gerade, als ich mich durch das offene Fenster in mein dunkles Zimmer schiebe, knipst Robin die Tischleuchte an und klaut mir durch seinen überraschenden Bond-Bösewicht-Auftritt bestimmt fünf Jahre meines Lebens.
»Scheiße, hast du mich erschreckt!« Ich lehne mich gegen die Wand, atme tief durch und gebe meinen Augen die Chance, sich wieder an die Helligkeit zu gewöhnen. Robin sitzt auf meinem Bürostuhl, trägt bereits seine Schlafklamotten und mustert mich von oben bis unten.
»Du tropfst.«
»Ich weiß.«
Er nickt nur, sieht mir dabei zu, wie ich T-Shirt und Jeansshorts ausziehe und über die Heizung lege.
»Die ist aus.« Er scheint es sich zum Ziel gemacht zu haben, all meine Bewegungen zu kommentieren.
»Was du nicht sagst.«
»Ich hab dich auf Holgers Party nicht gefunden.«
»Mhm.«
»Bist du sauer?«
»Nee.« Erschöpft vom Abend, lasse ich mich auf mein Bett fallen und strecke mich breit aus.
»Jonas wollte mit dir quatschen.« Das hatte ich befürchtet.
»Er hat ja meine Nummer.« Um mich weder der Helligkeit im Zimmer noch Robins Fragen weiter auszusetzen, lege ich den Arm über die Augen, flüchte mich zurück in die Dunkelheit.
»Was ist denn dein Problem mit ihm?«
»Jonas ist ein Idiot.«
»Jonas ist mein Kumpel. Seit ’ner Ewigkeit.«
»Macht ihn nicht weniger idiotisch.«
Ich kann hören, wie Robin auf dem Bürostuhl durch mein Zimmer rollt und näher kommt. Seine Stimme ist viel klarer, als er weiterspricht.
»Jonas ist ab und an vielleicht drüber, aber er ist echt okay.« Da ich seine Meinung nicht teile, bleibe ich stumm und warte, ob er den Wink mit dem Zaunpfahl versteht und mich in Ruhe lässt, doch er fährt fort: »Falls Mama und Papa fragen, ich war heute mit dir unterwegs, okay?«
Sofort nehme ich den Arm weg, blinzele ins Licht und sehe Robin irritiert an, aber der grinst nur.
»Stress nicht rum. Tu mir einfach den Gefallen, okay?«
»Und wo warst du wirklich?«
»Na, bei dir.« Er nickt zu meinen nassen Klamotten, die noch immer sinnloserweise auf der Heizung liegen. »Wir waren schwimmen. Oder?«
Nein. Nein. Nein. Ich will die Erinnerung an den Ausflug mit Vio behalten, nicht mit einer Lüge für meinen Bruder verfälschen und morgen am Frühstückstisch diese Version wiedergeben müssen. Robin klopft kurz aufs Bett neben mich und steht dann auf.
»Danke, Bruderherz.«
»Warte!« Schnell setze ich mich auf, spüre ein unangenehmes Pochen in der Schläfe.
»Hm?«
»Sag schon, wo warst du wirklich?«
Robin kratzt sich nachdenklich am Hinterkopf, bevor er einen Blick zur Tür wirft, als müsse er erst sichergehen, dass sie geschlossen ist.
»Du behältst das für dich, klar?«
Ich nicke, obwohl mir die Lust auf seine Geschichte gerade vergeht.
»Die Jungs haben wieder eine schräge Aktion gestartet und ich war dabei.«
»Was für ’ne schräge Aktion denn?«
»Spielt doch keine Rolle. Ist nichts Schlimmes. Versprochen.«
»War die Polizei wegen euch unterwegs?«
Robins Augen verengen sich, und er muss gar nicht mehr antworten, ich weiß es sowieso schon.
»Haben sie dich etwa bei irgendwas erwischt?«
»Nee. Wir haben sie nur gehört.«
»Wir?«
»Vio und ich.«
Sofort lockert sich sein angespannter Gesichtsausdruck und er stützt die Hände in die Hüften.
»Du und Vio. Ihr verbringt viel Zeit zusammen.«
»Na ja.«
»Gebt ein hübsches Paar ab.«
»Wir sind kein Paar.«
Wieder nickt er zu meinen Klamotten hin.
»Seid ihr als Freunde nachts einfach ’ne Runde im See schwimmen gewesen?«
»Genau.«
»Klar. Nun, ich hab sie kurz kennengelernt und muss sagen, sie macht echt ’nen netten Eindruck.«
Darauf erwidere ich gar nichts, sehe ihn nur an und kann dieses blöde Gefühl einfach nicht loswerden.
»Du baust keine Scheiße, oder? Mit Jonas und den Jungs, meine ich?«
»Nee. Alles cool. Du kennst mich, ich passe schon auf.« Damit macht Robin sich auf zur Tür, wo er noch mal kurz stehen bleibt. »Drückst du mir die Daumen? Fürs Vorstellungsgespräch morgen?«
»Sicher. Du packst das.«
Diesmal habe ich einfach ein gutes Gefühl in Bezug auf seinen Termin. Und so sehr ich meinen Bruder auch vermissen würde, wenn er eine Ausbildung irgendwo anders anfängt, wäre er zumindest weiter weg von Jonas – und die Vorstellung gefällt mir.
Kaum hat Robin die Tür hinter sich zugezogen, greife ich nach meinem Handy und werfe einen Blick darauf, nur um zu checken, ob sie das Foto gesehen hat. Zwei kleine blaue Häkchen liefern mir die Gewissheit, auf die ich gehofft habe, verbunden aber mit der Enttäuschung, dass Vio nicht geantwortet hat. Bestimmt ist sie schon im Bett, schläft und antwortet vielleicht morgen. Während ich die Tischlampe ausschalte, werfe ich trotzdem noch einen Blick auf das Display und ertappe meinen Puls bei einem kurzen Sprint, als unter ihrem Namen das Wörtchen online erscheint, sich dann zu schreibt verändert und schließlich alles wieder verschwindet.
Manchmal beneide ich meine Eltern, die in einer Zeit pre WhatsApp, Instagram, Twitter und all den anderen sozialen Medien aufgewachsen sind. Papa hat Mama beim Volleyballtraining kennengelernt und direkt nach einem Date gefragt. Ich wette, das analoge Warten ist angenehmer als das digitale.
Müde krieche ich ins Bett, sehe auf die Uhr und stelle fest, dass Ted Mosby aus How I Met Your Mother tatsächlich recht hat: Nach 2 Uhr passiert nichts Gutes.
Gerade, als ich das Handy auf das Nachtkästchen legen will, vibriert es in meiner Hand, und ich weiß, dass sie geantwortet hat.
Danke für das Abenteuer, Grisu. Ich freu mich schon auf morgen, bin gespannt, wobei uns die Polizei dann fast erwischt. Schlaf gut. XOXO Vio Mr Mosby, Sie haben sich geirrt, nach 2 Uhr nachts passieren sogar noch ganz wunderbare Dinge.
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