Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 39
Vio
Wow, das nenne ich mal ’ne Zornesfalte.« Mone, mit zwei Kaffeebechern in der Hand, lehnt am Zaun zum Tennisklub, reißt mich aus meinen Gedanken, und ich berühre vorsichtig meine Stirn. Tatsächlich erinnert das, was ich unter meinen Fingerspitzen spüre, ein bisschen an die San-Andreas-Verwerfung.
»Wer hat dir denn den Morgen verhagelt?« Sie reicht mir einen der Bambusbecher.
»Die Wagenfelds.« Obwohl das genau genommen gar nicht stimmt. Es war Jonas’ Auftauchen, das als Topping nicht nur den ersten Kaffee des Tages ruiniert, sondern auch meine Laune torpediert hat. Trotzdem oder gerade deswegen nehme ich den Becher, den Mone mir reicht, und schenke ihr im Austausch ein dankbares Lächeln. »Aber du vertreibst die trüben Gedanken. Danke dafür.«
Mone macht einen kleinen Knicks.
»Gerüchte besagen, man kenne mich auch unter dem Codenamen Gute-Laune-Mone.«
Sie wartet ab, ob ich von mir aus erzähle, was passiert ist, aber ich bleibe stumm, nippe vorsichtig am Kaffee und stelle fest, dass er mit Haselnusssirup verfeinert wurde. Meinen fragenden Blick pariert Mone mit einem wissenden Nicken.
»Wer dein Instagram-Profil checkt, der lernt einiges über dich und deine Kaffeevorlieben.«
Mir fallen sofort die Posts ein, in denen ich von meiner Lieblingsergänzung im Kaffee schwärme, und muss schmunzeln.
»Stalkst du mich etwa?«
»Alles Recherche.«
Sie nickt in Richtung Vereinsheim und wir setzen uns beide wieder in Bewegung. Mit jedem Schritt lasse ich Jonas – damit allerdings auch Konstantin – weiter hinter mir.
»Und wenn wir schon bei Nachforschungen sind … Holger und die anderen waren gestern noch zusammen beim Döner-Laden und sind dann irgendwann alle nach Hause. Habe die Uhrzeiten ihrer Instagram Stories verglichen. Die waren das gestern Nacht also garantiert nicht.«
»Hast du etwa deine Freunde verdächtigt?«
»Nö. Aber sicher ist sicher.«
Wir erreichen die Gaststätte, und ich schiebe die Tür auf, obwohl sie noch gar nicht geöffnet hat. Da ich meine Eltern aber kenne, weiß ich genau, dass zumindest einer von beiden hier ist. Und tatsächlich steht Mama hinter der Theke und räumt Gläser ein.
»Hi, mein Schatz.«
»Hi, Mama.«
Ihr Blick wandert von mir zu meiner Begleitung, und ich will sie gerade bekannt machen, als Mone an mir vorbei direkt auf meine Mutter zugeht.
»Ich habe mich noch gar nicht richtig vorgestellt. Ich bin Mone.« Sie reicht Mama die Hand, und ich weiß ganz genau, was meiner Mutter jetzt durch den Kopf geht. Das triumphierende Lächeln, als sie Mones Hand annimmt, ist Beweis genug. Sie hat mir immer prophezeit, dass ich in Walddorf schnell Anschluss finden würde. Und jetzt muss ich ihr wohl recht geben.
»Schön, dich kennenzulernen, Mone.«
»Gleichfalls. Ich war bei der Eröffnung leider nicht da, habe aber schon viel Gutes über Ihre Speisen gehört.«
Mone schafft es binnen zwanzig Sekunden, das Herz meiner Mutter für sich zu gewinnen, und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.
»Mama, wir machen den Biergarten fertig, okay?«
»Danke. Papa ist noch einkaufen, wird aber bald zurück sein.«
Gerade, als wir nach draußen gehen wollen, hält Mama uns auf.
»Ach, und noch was. Du hast ab jetzt frei.«
»Bis heute Abend?«
»Nein. Ganz frei. Wir haben eine Kellnerin für den Sommer gefunden.«
Zwar wusste ich, dass sie Stellenanzeigen aufgegeben hatten und auch welche auf der Facebookseite des Restaurants gepostet, aber ich wusste nicht, dass es bereits Bewerber gab.
»Echt jetzt?«
»Ja. Sie hat bereits Erfahrung und ist froh, die Semesterferien über hier zu jobben.« Mama ist sichtlich zufrieden damit, dass ihr Plan so aufgegangen ist.
»Okay, aber den Biergarten mache ich noch fertig.« Und damit winke ich Mone nach draußen, wo wir ungestört weitersprechen können. Sie nimmt auf einem der grünen Klappstühle Platz, während ich mich daranmache, die übrigen Stühle und Tische von den Sicherheitsketten zu befreien und in die richtige Position für den Mittagsansturm zu bringen.
»Kennst du eigentlich Jessy? Robins Ex?«
Meine Frage verwirrt sie einen Moment, weil sie nicht zu unserem vorherigen Thema passt, aber sie nickt vage.
»Ein bisschen. Sie ist schon älter. War auf dem anderen Gymnasium und hat ihr Abi bereits vor einem Jahr gemacht. Wieso fragst du?«
»Nur so.«
»Vio Lupascu, dein nur so klingt ungefähr so überzeugend wie meine Liebeserklärung an meinen ersten Freund, als ich dachte, ich muss es wie alle machen.«
»Du hattest einen Freund?« Ich will gar nicht so überrascht klingen, aber es rutscht mir einfach raus, als ich den letzten Tisch befreie.
»Hatte ich. Aber du lenkst vom Thema ab. Wieso interessierst du dich für Jessy?«
»Tue ich gar nicht. Ich hatte nur ihr Fahrrad und Robin fand das nicht so cool.«
»Die hat ihm damals richtig das Herz gebrochen.«
»Ja, das habe ich inzwischen mitgekriegt.«
»Robin hat sich schon vor dem Altar mit ihr gesehen. Ich wette, für sie wäre er sogar in Walddorf geblieben. Und dann ist sie einfach weg, raus aus der Einöde, und hat ihn zurückgelassen.«
»Wo wohnt sie denn jetzt?«
»Bei Frankfurt. Mit ihrem neuen Freund. Den hat sie nämlich mitgenommen.«
»Oh.«
Sie nickt, und kurz hängen wir unseren Gedanken nach, bis Mone tief Luft holt und mich wieder ansieht. Etwas in ihrem Gesichtsausdruck hat sich verändert, lässt sie ernster und erwachsener wirken. »Und klar hatte ich einen Freund. Ich dachte, irgendwann würde ich schon checken, dass ich eigentlich auf Typen stehe. Oder zumindest auch.« Sie zuckt die Schultern. »Immerhin ist das doch normal, oder?«
»Keine Ahnung.«
»Wenn du in einem Kaff aufwächst, in dem sich niemand je geoutet hat, existiert Homosexualität für einen quasi nicht. Das ist wie so ein Mythos. Wie Einhörner oder der Yeti. Ich kannte das nur aus Serien, Filmen und von den Celebs, die offen damit umgehen. Aber hier? Da gibt es das höchstens hinter verschlossenen Türen, als ewiges Geheimnis.« Sie breitet die Arme aus, und ihre Geste umschließt dabei weit mehr als nur unseren kleinen Biergarten.
»Also dachte ich, okay, probierst du es halt, spielst mit und bist für die anderen normal.« Sie schüttelt den Kopf, als könne sie es rückblickend selber gar nicht recht glauben. »Lief nicht so gut. Und als ich dann irgendwann den Mut hatte, habe ich es einer Freundin erzählt. Und die hat es natürlich allen anderen erzählt. Im Vertrauen, versteht sich.«
»Autsch.«
»Kann man wohl sagen.« Mones sonst so selbstsicheres Lächeln wackelt ein bisschen bei der Erinnerung, und ich verstehe endgültig, dass sie hinter ihrer guten Laune weit mehr versteckt. »Und einige der Jungs fühlten sich dann dazu berufen, mich zu bekehren. Als wäre ich eine Scheißherausforderung. Als ginge es darum, mich nur davon überzeugen zu müssen, dass ich lediglich an einer kleinen Geschmacksverirrung leide.«
»Was für Idioten.«
Etwas hinter mir lenkt ihre Aufmerksamkeit von mir ab.
»Stichwort Idioten.«
Ich drehe mich um, erkenne Konstantin und Jonas. Eine Kombination, die bei mir sofort wieder für Magengrummeln sorgt. Automatisch verschränke ich die Arme vor der Brust. Konstantins Schritte werden etwas langsamer, als er uns entdeckt, aber Jonas lässt sich von unserer Anwesenheit nicht im Geringsten aus dem Tritt bringen. Im Gegenteil, er geht direkt in den Angriffsmodus über.
»Sieh an. Treffen der nicht ganz so anonymen Freaks?«
Mone schüttelt nur gelangweilt den Kopf und ich starre ihn so wütend wie möglich nieder, hoffe, dass er merkt, wie unerwünscht er hier ist.
»Verzieh dich einfach, Jonas.«
»Stören wir etwa euer Date?« Dabei grinst er anzüglich und lehnt sich gegen den Torbogen, der den Eingang zum Biergarten flankiert.
»Kannst du nicht einfach mal die Klappe halten? Niemand interessiert sich für dein hirnloses Gequatsche.«
»Keine Sorge, sind gleich wieder weg, wir legen hier nur einen kurzen Zwischenstopp ein. Wagenfeld holt sein Zeug. Er zieht heute nämlich um.«
»Wohin?« Kurz glaube ich, meine Stimme verrät ein bisschen zu viel über meine Gefühle, aber Jonas bemerkt es nicht, beantwortet nur meine Frage.
»Nach Ottersfeld. Zu den Gewinnern vom TC Tersus.«
Und weil ich das nicht glauben kann, sehe ich zu Konstantin, der etwas abseits steht und sich das Muster des Kopfsteinpflasterwegs Stein für Stein einzuprägen scheint.
»Ernsthaft jetzt?« Nur ein ganz knappes Nicken, das man aus der Ferne auch für ein Kopfschütteln halten könnte.
»Hier müffelt es ihm zu sehr.«
»Und kann ich das auch von ihm hören, oder bist du jetzt sein Bullshit-Dolmetscher?«
»Du bist witzig, Zigeunermädchen.«
»Und du ein rassistisches Arschloch.«
Aber das beeindruckt ihn nicht im Geringsten.
»Nur weil man eine andere Meinung hat, ist man noch lange kein Arschloch.« Jonas kontert meine Aussage so lässig und so perfide, freie Meinungsäußerung als Freibrief für menschenverachtende Diskriminierung vereinnahmend, dass mir die Luft wegbleibt. »Ihr entschuldigt uns, wir müssen weiter, bevor wir uns hier noch was einfangen.«
»Warte!« Ich schiebe mich ihnen in den Weg und fixiere Konstantin dabei so hartnäckig, dass dieser gar nicht anders kann, als mich anzusehen. »Du wechselst wirklich ernsthaft den Verein?«
Endlich sieht er mich an, wenn auch nur kurz.
»Ist nur ein Probetraining. Keine Sorge.«
Er versucht sich an einem Lächeln, eines, das alles abschwächen soll, aber damit prallt er diesmal an mir ab.
In Jonas’ Anwesenheit kommt er mir fremd vor, keine Ahnung, welcher Cyborg da vor mir steht, aber es handelt sich eindeutig nicht um denselben Konstantin, den ich bei unserem nächtlichen Surfausflug kennengelernt habe.
»Will nur mal die Plätze checken. Entschieden habe ich mich noch nicht.«
»Aber wir arbeiten daran.« Damit legt Jonas stolz den Arm um Konstantin und führt ihn in Richtung Umkleidekabinen davon. So viel also zu einem gemeinsamen Tanz auf der nächsten Party. Tränen schießen mir in die Augen, aber ich blinzele sie wütend weg, werde mir sicher nicht weiter wehtun lassen. Nicht von Jonas.
»Was für ein absoluter Vollidiot.«
Und obwohl ich weiß, dass Mone recht hat, frage ich mich gerade, ob Konstantin nicht der größere Idiot ist.
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