Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 14
Konstantin
Es war wirklich absolut lecker.« Als wäre die leer gefutterte Probierplatte nicht Beweis genug, gebe ich meinen Kommentar ab, als Vio unseren Tisch abräumt.
»Ich glaube, ihr werdet meinen Sohn jetzt öfter hier sehen.« Papa zwinkert ihr zu, und einen Moment lang würde ich gerne im Erdboden versinken, aber stattdessen beobachte ich Vio, wie sie lächelt und fragt, ob wir noch etwas trinken wollen. Papa schüttelt den Kopf und erhebt sich. »Konstantin bleibt sicher noch etwas, ich gehe mal drinnen bezahlen.«
Und damit lässt er uns alleine, nicht ohne mir hinter ihrem Rücken noch einen Daumen nach oben zu schicken, von dem ich hoffe, dass ihn außer mir niemand gesehen hat. Eltern mögen es ja gut meinen, aber sie blamieren uns regelmäßig, bevorzugt in der Öffentlichkeit. Deswegen warte ich jetzt sicherheitshalber, bis er im Inneren verschwunden ist.
»Es war wirklich saugut.«
»Ich werde das Kompliment an die Küche weitergeben.«
»Wann hast du eigentlich Feierabend?«
Sie wirft einen Blick in den Biergarten, der noch immer gut gefüllt ist.
»Also vor zehn komme ich hier sicher nicht raus. Wir haben drinnen noch einen Tisch für fünf Personen reserviert.«
Es ist erst kurz nach sieben, und ich hatte eigentlich nicht geplant, den ganzen Abend am Tennisklub rumzuhängen. Im Sommer ist immer irgendwo eine Party, entweder in einem elterlichen Garten oder Keller.
»Ich warte, wenn das okay ist.«
Einen kurzen Augenblick lang ist sie sprachlos, was mich unheimlich freut, denn irgendwie hat Vio sonst immer eine Antwort auf Lager.
»Du kannst aber nicht den Tisch blockieren, wenn du nichts bestellst.«
»Dann warte ich an der Bar und schaue dir zu, wie du das perfekte Weißbier zapfst.«
»Das müsste erst mal jemand bestellen.«
Ich rücke den Stuhl zurück und stehe auf, schiebe die Hände in die Hosentaschen und grinse.
»Nichts leichter als das.«
Ich folge ihr, vorbei an den Tischen und den Blicken, nach drinnen, wo mein Vater gerade unsere Rechnung bezahlt und sich händeschüttelnd bei Vios Mutter verabschiedet.
»Sag mal, die Jungs, die vorhin an eurem Tisch saßen. Also, vor euch. Kennst du die?« Vio stellt die Frage, während sie frisches Besteck für neue Gäste aus einer Schublade neben der Bar klaubt.
»Meinst du Jonas und seine Kumpels?«
»Keine Ahnung, ich bin ja die Neue. Schon vergessen?«
»Ja, das war Jonas.«
»Und ist er ein Freund von dir?«
»Nee, nicht wirklich. Wieso?«
»Ach, komischer Typ. Wollte unbedingt ’ne Pizza.« Sie verdreht die Augen und setzt ihr professionelles Kellnerinnen-Lächeln wieder auf. »Nicht mein liebster Gast heute.«
»Das will ich schwer hoffen. Auf den Posten möchte ich mich nämlich noch bewerben.« Sie zieht amüsiert eine Augenbraue in die Höhe, und ich deute auf die unbesetzten Barhocker, die vor dem Tresen mit den Zapfhähnen stehen, bevor sie etwas erwidern kann. »Ich warte dann mal.«
»Viel Spaß.«
»Den werde ich haben.«
Vio schaltet wieder in ihren Arbeitsmodus, und ich sehe ihr nach, wie sie freundlich und zuvorkommend am Tisch neben dem Eingang die neuen Gäste begrüßt, sie mit Speisekarten und den nötigen Infos versorgt. Ich wette, sie bemerkt meinen Blick, während ich dümmlich grinsend auf dem Barhocker meinen Platz für den Rest des Abends einnehme.
»Ich vermute, ich muss dich nicht mit nach Hause nehmen?« Papa legt einen Geldschein neben mich auf den Tresen und schiebt ihn zu mir rüber.
»Nee, ich bleibe noch ein bisschen.«
»Gib nicht alles auf einmal aus, ja?«
»Danke.«
Er will gehen, überlegt es sich dann doch noch mal anders und dreht sich zu mir, versperrt mir die Sicht auf Vio.
»Nicht, dass du das Training wegen ihr vernachlässigst.«
»Quatsch.«
Als Papa gegangen ist, kommt Vio um die Theke und macht sich daran, die Getränkebestellungen zu erledigen. Ich stütze die Ellenbogen auf den Tresen und lege mein Kinn in die Hände.
»Willst du mich jetzt den ganzen Abend beobachten?«
»Ich wollte eigentlich nur ein Weißbier bei Ihnen bestellen.«
»Bist du denn schon sechzehn?«
Sie unterbricht ihre Arbeit nicht einen Moment, wirkt routiniert und souverän, hat alles im Griff, und ich kann mir vorstellen, wie oft sie genau so ihre Abende verbracht hat. Während meine Freunde und ich auf der anderen Seite irgendeines Tresens saßen.
»Ich bin sogar schon siebzehn.«
Alle Gläser werden auf ein rundes Tablett geladen, das Vio dann mit Leichtigkeit auf ihrer Hand balanciert und endlich meinen Blick auffängt.
»Einmal Weißbier, kommt sofort.«
Allerdings muss ich mich erst mal gedulden, weil Vio von Tisch zu Tisch saust, Bestellungen von ihrer Mutter in die Hand gedrückt bekommt und vollbeladene Teller aus der Küche trägt, wann immer das laute PLING! einer Hotelglocke ertönt. Erst als sie etwas gehetzt an die Theke zurückkommt, fällt ihr wieder ein, dass ich warte.
»Fuck. Dein Weißbier.«
»Alles gut, ich habe es nicht eilig.«
»Wir haben echt nicht gedacht, dass wirklich so viele Leute kommen.«
»Die Leute hier lassen sich tatsächlich selten gutes Essen entgehen.«
»Das afrikanische Restaurant auf der Hauptstraße hat nach einem Jahr wieder dichtgemacht. Sagt dein Vater.«
»Stimmt. Und der Sushi-Laden auch. Aber am Tennisklub ist immer viel los, das wird ein Selbstläufer.«
Vio scheint nicht wirklich überzeugt von meiner optimistischen Zukunftsprognose.
»Es würde bestimmt helfen, wenn wir Pizza im Angebot hätten.«
»Mir hat dieser Auberginenaufstrich ja ziemlich gut geschmeckt.«
»Salată de vinete.«
»Genau der.«
Lächelnd zapft sie ein Weißbier mit der perfekten Schaumkrone und stellt das Glas direkt vor mir ab.
»Bitte schön.«
»Wow.«
»Ich weiß.«
Sie lächelt triumphierend, während ich das Glas drehe und zugeben muss, dass es sich um das wohl ästhetischste Bier in der Geschichte der Biere handelt.
»Hast du sonst noch irgendwelche Superkräfte, von denen ich wissen sollte?«
Doch meine Frage geht leider irgendwo zwischen dem nächsten PLING! und der Ankunft der Gesellschaft mit der Tischreservierung unter. Zumindest denke ich das, bis Vio ihre Hand im Vorbeigehen auf meine Schulter legt und ich meinen Kopf in ihre Richtung drehe, wo ich von ihrem Lächeln empfangen werde.
»Habe ich. Musst aber selber rausfinden, welche.«
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