Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 29 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 28

 

Konstantin

 

Doppelte Schraube, schaut genau hin!«

Doch weder Robin noch ich sehen rüber, als Jonas Anlauf nimmt und vermutlich keine doppelte Schraube schafft.

»Lief es echt so mies?«

Robins Miene lässt mich mehr als deutlich wissen, dass meine Frage überflüssig ist.

»Die wollten mir gar keine echte Chance geben. Statt sich mit mir zu unterhalten, sind die auf irgendwelchen Noten rumgeritten und haben das Fehlen meiner außerschulischen Aktivitäten bemängelt. Und die abgebrochenen Praktika fanden sie auch nicht cool.« Jedes Wort presst er mühevoll über die Lippen, versucht die Enttäuschung dahinter in Schach zu halten, und doch kann ich diese Leere in seinen Augen sehen. »Weißt du, es liegt nicht an mir, dass es mit der Ausbildung nicht klappt.«

»Weiß ich doch.«

»Auf die meisten Bewerbungen kommt ja nicht mal eine Antwort, die wenigstens laden mich ein, und wenn ich dort bin, haben die schon keinen Bock mehr auf mich! Wie oft soll ich denn noch zur Probe arbeiten, und dann wird es doch jemand anderer?« Er sieht mich an, aber ich kenne die genaue Antwort nicht. Irgendwann haben wir alle aufgehört zu zählen. »Und ohne Autoführerschein hast du hier im Nirgendwo halt doppelt verkackt.«

Die Info, dass er zwei Mal durch die praktische Prüfung gerauscht ist, vergisst er an dieser Stelle gerne. Es ist ihm peinlich, weil er den Rollerführerschein damals einfach so gepackt hat.

»Was soll ich noch machen, hm?«

»Weitersuchen.«

»Wenn der Sommer rum ist und ich noch immer hier festhocke, drehe ich durch!«

Weil für Robin Walddorf ein zu enges Kellerzimmer ohne Fenster ist, aus dem er endlich ausbrechen will.

Erst als Jonas hinter uns den nächsten pseudo-spektakulären Sprung ins Wasser gewagt hat, räuspere ich mich und rücke etwas näher zu Robin ran.

»Sag mal, gestern Nacht … dieses Geschmiere an der Baustelle …«

»Nerv jetzt nicht rum, Konny. Bitte. Ich habe echt andere Dinge im Kopf.«

»Ich will nur wissen, ob ihr das wart.«

Aber er sieht nicht mal zu mir, hält den Blick fest in die Ferne gerichtet, wo alles seiner Meinung nach besser ist als hier, jetzt, mit uns.

»Was läuft nun eigentlich zwischen dir und Vio?«

»Wechsel nicht das Thema.«

Grinsend dreht er sich zu mir, die Leere aus seinem Blick verschwunden.

»Es ist ehrliches Interesse. Sag schon, so wie ihr euch immer anschaut …«

»Da ist nichts.« Und so, wie sie ihren Abgang vorhin durchgezogen hat, wird wohl auch nie was laufen.

»Dann halte dich mal ran, du bist nämlich nicht der Einzige, der sie gut findet.« Als er meinen Blick bemerkt, lacht er und schüttelt den Kopf. »Nicht ich, du Vogel.«

An mir vorbei deutet er zum anderen Ufer, wo Vio in eine Unterhaltung mit Holger vertieft ist, auch wenn sich aus der Entfernung schwer feststellen lässt, wie intensiv dieses Gespräch ist.

Jonas zieht sich aus dem Wasser, zurück zu uns auf die Insel, und stellt sich breitbeinig direkt vor mir auf.

»Findet ihr, ich sollte einer dieser Kunstspringer werden?«

»Ich glaube nicht, dass Kunstspringer der korrekte Terminus ist.«

Er verpasst mir einen spielerischen Fußtritt gegen die Schulter, der härter als nötig ausfällt.

»Konstantin Wagenfeld, der ewige Klugscheißer.« Er geht so dicht vor mir in die Hocke, dass unsere Nasen sich fast treffen. »Wieso bist du nicht mehr wie dein Bruder?«

»Im Durchschnitt teilen Geschwister ungefähr 50 % ihrer DNA miteinander, einige etwas mehr, andere etwas weniger. Während wir also alle jeweils die Hälfte unserer DNA von jedem unserer Elternteile bekommen, sind die Segmente, die bei Brüdern übereinstimmen, völlig zufällig. Und Robins Kombination und meine unterscheiden sich halt stark.«

»Lernst du so einen Scheiß echt auswendig?«

»Bio-Leistungskurs.«

»Bist halt ein ganz Schlauer. Einen wie dich könnten wir gebrauchen.« Jonas nimmt zwischen Robin und mir Platz, Zufriedenheit im Gesicht, Sonne auf der Haut. Wenn man ihn so betrachtet, könnte man wirklich meinen, die Welt wäre sein alleiniger Spielplatz. »Kommst du heute Abend eigentlich mit?«

Gerade als ich fragen will, wohin, unterbricht Robin uns.

»Lass gut sein. Der hat sicher schon was vor.«

»Kann er nicht mehr alleine antworten?«

»Lass ihn. Er hat ein Date.«

»Ich habe kein Date.«

»Doch klar, deine Süße wird sicher den Abend mit dir verbringen wollen.« Robin liefert mir die perfekte Vorlage für eine Ausrede, die nur leider nicht der Wahrheit entspricht, und ich zucke betont gleichgültig die Schultern.

»Ich kann ja nachkommen.«

»Nee, kannst du nicht. Weil ich den Roller nehme. Ende.«

Robin spielt sich gerne als großer Bruder auf, trifft solche Entscheidungen, bevor ich überhaupt die Chance habe, ernsthaft darüber nachzudenken. Das hat mich früher nie gestört, aber inzwischen nervt es mich schwer. Vielleicht wüsste ich, wohin ich gehöre oder hinwill, wenn er aufhören würde, solche Entscheidungen für mich zu fällen.

»Kann doch mit dem Rad kommen.«

»Ich habe Nein gesagt.«

Sein Blick ist ernst, und ich checke, dass jetzt nicht der beste Zeitpunkt ist, mit ihm zu diskutieren. Er hat das entschieden, ob mir das nun passt oder nicht. Jonas verkneift sich ein Lachen und so rutscht ihm ein gehässiges Gekichere raus.

»O Mann, du hast Hausarrest, Konny.« Er streckt sich auf der Insel aus und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. »Aber irgendwann bist du dabei, da kann auch dein Bruder keinen Einspruch mehr einlegen. Keine Sorge.«

Wo ich dabei sein soll, kann ich mir entfernt ausmalen und nehme mir vor, Robin in der nächsten ruhigen Minute noch mal auf die Baustellen-Schmiererei anzusprechen. Aber so, wie er im Moment drauf ist, kann ich das gerade eindeutig knicken.

Gelächter auf der anderen Seite des Sees weckt unsere Aufmerksamkeit, und ich bemerke die Rumänen, die immer um diese Uhrzeit hier auftauchen. Jonas verdreht die Augen und hat nur ein verächtliches Schnauben für sie übrig.

»Die schon wieder.«

Kurz schaue ich zu meinen Kumpels am Ufer, entdecke, dass Holger noch immer mit Vio spricht, und spüre dieses Kribbeln auf der Haut, sehe helle tanzende Punkte dicht an dicht vor meinen Augen und hole Luft, höre die Worte in meinem Kopf, bevor ich sie ausspreche: »Die sind ganz in Ordnung.«

Sowohl Robin als auch Jonas sehen mich so überrascht an, als seien sie schockiert, dass ich überhaupt sprechen kann.

»Die Polen?«

»Rumänen.«

»Ach, was du Schlauberger nicht alles weißt.«

Ich nicke stur.

»Sind wohl Saisonarbeiter.«

»Schau, wegen solcher Typen kriegt dein feiner Bruder keinen Job.«

»Was?«

»Die nehmen unseren Leuten den Job weg. Und wenn es dann heißt, ab zurück nach Hause, bleiben die hier und machen sich breit.«

»Quatsch, die kühlen sich hier nur nach der Arbeit ab.«

»Und verdrecken unseren See.«

»Blödsinn.«

»Bist jetzt ganz dicke mit den Rumänen, hm? Einmal bei denen gegessen und schon bist du hin und weg, ja?« Jonas nickt an mir vorbei zum Ufer, und ich weiß genau, wohin, sage aber nichts, behalte lieber Robin im Blick, der sein Pokerface aufsetzt und mich an seinem Innenleben nicht mehr teilhaben lässt.

»Du weißt ja, was man sagt, Konny. Wer sich zu den Hunden legt, muss sich nicht wundern, wenn er mit Flöhen aufwacht.« Dabei klopft Jonas mir ganz gönnerhaft auf die Schulter und steht auf.

»Doppelte Schraube mit anschließendem Köpper.« Er nimmt Anlauf und vollführt dann einen Sprung, der weder an eine, geschweige denn zwei Schrauben erinnert und auch nicht mit einem Köpper, sondern einem lauten Bauchklatscher endet.

Robin steht ebenfalls auf, nutzt die Sekunden, die Jonas noch unter Wasser ist, und sieht zu mir: »Halte dich von denen einfach ein bisschen fern.«

Damit ich auch ja verstehe, wen er mit denen meint, deutet er auf die Jungs im Wasser.

»Wieso denn das?«

»Damit du nicht in irgendwas reingezogen wirst.«

Und dann springt er mit einer 1-a-Körperhaltung ins Wasser und legt den Köpper hin, an dem Jonas eben gescheitert ist. Doch ich habe nicht vor, ihnen jetzt schon zu folgen, bleibe auf der Insel zurück und sehe dabei zu, wie ihre Haarschöpfe kleiner werden, bis ich endlich alleine bin.

Wann genau wurde das alles eigentlich so irre kompliziert?

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