Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 59
Vio
Mone trägt ein grün-weißes Poloshirt, ein froschgrünes Basecap und ein freundliches Lächeln auf den Lippen, als ich vor ihr an der Kasse auftauche und zwei Schokoriegel über den Tresen schiebe.
»Guten Abend.«
Einen ganz kurzen Wimpernschlag lang verrutscht ihr Lächeln, als sie mich erkennt und sich kurz umsieht, als erwarte sie eine ganze Parade all ihrer Freunde, aber ich bin alleine.
»Was machst du hier?«
»Schokolade kaufen.«
»Du bist extra nach Ottersfeld gefahren für ungesundes Zeug?« Routiniert greift sie nach den Riegeln und lässt sie unter der Scanner-Pistole durchlaufen.
»Vielleicht wollte ich dir auch einfach nur Gesellschaft leisten.«
Sie zieht zweifelnd eine Augenbraue hoch.
»Okay, okay, vielleicht habe ich ein bisschen Gesellschaft gebraucht.«
»Dann ist ja heute dein Glückstag.« Strahlend sieht sie mich an. »Die sind im Doppelangebot. Das macht 1,30 € für beide.«
»Wow, ich wusste doch, der Trip lohnt sich.«
»Zahlst du mit Karte oder bar?«
»Ha. Ha.« In meinem Geldbeutel suche ich zwischen den vielen Münzen, die ich so gut wie nie ausgebe, nach dem passenden Betrag und reiche ihn ihr. »Habt ihr eine Kaffeekasse?«
»Nee. Aber du darfst mir gerne einen Schokoriegel ausgeben.«
»Für wen sollte der zweite auch sonst sein? Erdnuss oder Crisps?«
»Erdnuss.«
Während wir die Riegel aus der Verpackung befreien, sehe ich mich in dem kleinen Tankstellenshop um. Irgendwie sehen alle Tankstellenshops auf der ganzen Welt ähnlich aus. Es gibt dort Dinge, die man selten braucht, aber, wenn man in einem drin ist, immer kauft.
»Hier arbeitest du also.«
»Ja. Nicht gerade besonders glamourös, ich weiß.«
»Sagst du zu der Person, die an der Theke Bier zapft.«
Hinter der Kasse sieht Mone gar nicht mehr aus wie Mone. Mehr so, als hätte sich jemand ihren Körper geliehen. Auch wenn sie sich wirklich Mühe gibt, es fehlen ihre Leichtigkeit und die Freude, die sie sonst ausstrahlt, ohne etwas dafür tun zu müssen.
»Du denkst, es ist total albern, oder?«
»Was genau?«
»Dass ich hier diesen Job mache und Geld spare für einen Umzug, der nie stattfinden wird.«
»Wer behauptet das denn?«
Statt weiterhin den Blickkontakt mit mir zu halten, sieht sie durch die Scheibe nach draußen zu den Zapfsäulen, wo kein Auto, kein Roller und auch sonst keine Kunden zu sehen sind.
»Ich weiß es ja selber. Wozu der Scheißaufwand?« Schwer atmet sie aus und nimmt die Kappe ab, lässt ihre blonde Mähne frei und ist wieder viel mehr die Mone, die ich kennengelernt habe. »Meine Eltern haben in Mutterstadt einen Betrieb für Gartenmöbelverkauf und -reparatur.« Eine Info, mit der ich nichts anfangen kann, und so spricht sie weiter. »Es steht für alle fest, dass ich den übernehmen werde. Ich mache dort nach dem Abi die Ausbildung und werde dann Klausmann Gartenmöbel – ein Traum für jedermann erfolgreich in die Zukunft führen.«
All das klingt nicht nach ihr, sondern einem Mantra, das sie zu oft gehört und irgendwann übernommen hat. Beim Aufsagen wird ihr sonst so abenteuerlustiger Blick leer und trüb.
»Das hier ist nur Tagträumerei …« Mone deutet auf den Tankstellenshop, der wenig Grund für Tagträume zu bieten scheint, aber wir wissen beide, was sie eigentlich meint.
»Aber wenn du das nicht willst, wieso solltest du es dann tun?«
»Weil ich meine Eltern nicht enttäuschen möchte.«
So leise, wie sie das sagt, muss ich einen Schritt weiter auf den Tresen zumachen, obwohl ich mir sicher bin, sie richtig verstanden zu haben.
»Aber es ist dein Leben.«
»Und es sind ihre Pläne. Du weißt doch, wie das ist. Familienbetrieb, dritte Generation, wer soll das sonst übernehmen? Früher habe ich da doch so gerne im Lager gespielt und kenne mich bestens aus. Am Tag der offenen Tür habe ich geholfen, meinem Vater immer über die Schulter geschaut …«
»Aber jetzt willst du doch was anderes.«
»Und du denkst, das ändert was?«
»Wissen deine Eltern überhaupt von München-Köln-Hamburg?«
Sie antwortet nicht, sieht konzentriert auf die Kasse, obwohl kein Kunde da ist.
»Nein.«
»Vielleicht solltest du ihnen mal davon erzählen.«
»Das wollte ich schon hundertmal machen, aber mir gehen immer die Worte aus.« Ob ihr bewusst ist, wie traurig sie dabei klingt?
»Dann versuch es, bis du die richtigen findest.«
»Ist schon gut, Vio. Wirklich. Sei einfach froh, dass deine Eltern nicht erwarten, dass du ihr Restaurant übernimmst und für immer hierbleibst.«
Hinter uns kündigt die kleine elektronische Klingel einen Kunden an, und ich gehe automatisch einige Schritte zur Seite, schlendere durch den schmalen Gang mit der Chipsauswahl und behalte Mone genau im Auge.
Zwar lächelt sie wieder, erledigt ihre Arbeit souverän und lässig, aber in jeder Bewegung ist ein bisschen weniger von Mone zu erkennen.
Erst, als der Mann wieder an seinem Wagen und eingestiegen ist, gehe ich zurück zu ihr.
»Und wieso dann das hier …?«
»Hm?« Sich dumm zu stellen, das steht ihr nicht, und ich hoffe, sie weiß es.
»Wieso arbeitest du dann? Wenn du sowieso hierbleibst.«
Vielleicht gefällt ihr die Frage nicht, vielleicht will sie gar nicht darüber nachdenken, aber vielleicht muss sie das. Sie greift nach der Kappe, bändigt ihre Haare damit und sieht mit einem Lächeln und Tränen in den Augen wieder zu mir.
»Weil ich noch nicht bereit bin, mich zu verabschieden.« Und damit wird das Gesprächsthema – für den Moment – zurück in die Schublade des Schweigens gesteckt. Dafür wird ein anderes gezückt. »Hast du was von Konstantin gehört?«
Ihre Frage trifft ins Schwarze und ich schüttele den Kopf.
»Nein. Du?«
»Nichts, aber das ist auch nichts Besonderes.«
»Niemand hat was gehört. Nur gesehen.«
»Gesehen?«
»Ihn, mit Veilchen und Pyjamahose auf der Flucht.«
»O Mann …«
»Das klingt alles so schräg.«
»Er wird sich bestimmt melden. Mach dir keinen Kopf, in Walddorf ist noch nie jemand verlorengegangen.« Damit sorgt sie bei mir automatisch für Kopfkino der gruseligen Art.
»Wie lange musst du arbeiten?«
»Bis halb zwölf.«
Eigentlich hatte ich vor, auf sie zu warten, aber mir wird mulmig zumute, wenn ich daran denke, in der Dunkelheit über die Felder radeln zu müssen.
»Du kannst ruhig schon fahren. Ich gehe schon nicht verloren.«
»Das will ich auch schwer hoffen. Aber nur, um sicherzugehen …« Ohne groß darüber nachzudenken, lasse ich den Rucksack von meiner Schulter rutschen und öffne den Reißverschluss. »Ich habe da was für dich.«
»Oh, Geschenke?«
»Nur eine Leihgabe.« Ganz unten, versteckt zwischen meinem anderen Kram, erwische ich es und ziehe es heraus. »Ta-dah.« Zu genau erinnere ich mich daran, mit welchen Worten Konstantin mir den Signalgeber überreicht hat und wie süß ich seine Geste fand. »Für den Fall, dass du verloren gehst. Und dann finde ich dich.«
Etwas unsicher nimmt Mone den Signalgeber an und dreht ihn in ihrer Hand.
»Woher hast du denn so was?«
»Konstantin.«
»Natürlich, von wem auch sonst.« Lächelnd legt sie das Teil neben die Kasse und zwinkert mir zu. »Falls ich verloren gehe, feuer ich einfach ein paar Raketen für dich in den Himmel.«
»Prost Neujahr.«
»Danke.«
»Und falls du Begleitung für die Heimfahrt brauchst …«
Kurz tippe ich mir auf die Gesäßtasche, wo mein Handy steckt, und Mone nickt.
»Werde ich anrufen.«
Wir verabschieden uns mit dem Tresen zwischen uns, und ich bin fast schon an der Tür, als sie noch was loswerden will: »Würdest du mir einen Gefallen tun, Vio?«
»Hm?«
»Können wir weiterhin so tun, als würdest du mich irgendwann in München-Köln-Hamburg besuchen kommen?«
»Natürlich. Und wenn es okay ist, glaube ich einfach ein bisschen für dich an die Wohnung mit Balkon.«
Und dann ist da endlich ein echtes Mone-Lächeln, als sie nickt, und ich werde das Gefühl nicht los, dass auch sie noch ein bisschen daran glaubt.
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