Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 70 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 69

 

 

Vio

 

Ihr verbeultes Fahrrad steht in der Auffahrt vor dem Haus, die Fenster sind erleuchtet, und nach einem kurzen Gespräch mit ihren Eltern bekomme ich das Okay, sie zu sehen, obwohl es so spät ist.

Die Mone, die jetzt auf dem Sofa sitzt, hat nicht besonders viel mit der gemeinsam, die sich heute am See von mir verabschiedet hat. Ihre Haare sind nass, sie hat geduscht und trägt ein weiß-blau gestreiftes Oversize-Shirt, dazu kurze Hosen mit Snoopys drauf. Sie schaut blass aus und ihre Augen sind gerötet. Es bricht mir das Herz, sie so zu sehen, obwohl sie mir ein warmes Lächeln schenkt, als ich das Wohnzimmer betrete.

»Hi.«

»Es tut mir so leid.«

»Ist doch nicht deine Schuld.« Sie klopft auf den Platz neben sich auf der Couch, und ich folge ihrer Einladung, nehme sie in den Arm. Sie riecht nach Kokos und Strand, was so gar nicht zu dieser Nacht passt. »Danke.« Sie flüstert es an mein Ohr.

»Wofür denn?«

»Für den Signalgeber. Und dafür, dass du hier bist.«

Langsam lässt sie mich los, und ich streiche ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, damit ich sie in aller Ruhe betrachten kann. Mone war sofort so nett zu mir, hat mich aufgenommen, als ich schon dachte, dass es Freundschaft für mich gar nicht mehr geben würde, und hat viele Dinge, die mir vor dem Umzug Angst gemacht haben, einfach so wegradiert.

Ein Teil von mir fühlt sich schuldig, obwohl ich rational betrachtet natürlich weiß, dass ich nichts mit all dem zu tun habe. Und trotzdem ist da dieses blöde Gefühl, das einfach nicht weggehen will. Als wäre ich eben doch der Auslöser für all das Chaos.

»Wie geht es dir jetzt?«

»Jetzt gerade? Schwer zu sagen, die Sanitäter haben mir was zur Beruhigung gegeben. Ich fühle mich so entspannt, dass ich dir glatt ein Tattoo stechen könnte.« Wie zum Beweis streckt sie die Hand aus, die nicht mal im Ansatz zittert. »Aber ich glaube nicht, dass es mir wirklich gut geht.«

Was die Tränen, die sich in ihren Augen sammeln, beweisen.

»Ich hatte wirklich Angst, Vio. Sie waren zu dritt und ich …« Sie bricht ab, spielt nervös mit dem Bund ihres Schlafshirts und ich fühle mich so hilflos. »Sie hätten mich fast gehabt. Einer von ihnen …«

Kurz schüttelt sie den Kopf und ich lege meine Hand auf ihre.

»Du musst mir das nicht erzählen, wenn du nicht willst.«

Sie nickt, fast etwas erleichtert, und lehnt den Kopf gegen das Sofakissen.

»Noch nie hatte ich so große Angst.«

»Das glaube ich.«

Zu präsent sind bei mir die Erinnerung an die Nacht im Restaurant. Noch immer fahre ich bei lauten Geräuschen zusammen und das wird wohl auch eine Weile so bleiben. Wie muss es da Mone gehen, nach so einer Flucht durch das Feld und den Wald.

»Mama sagt, ich soll mit einem Psychologen reden. Du weißt schon, um das zu verarbeiten.«

»Klingt gut.«

»Ich weiß nicht.«

»Wenn du willst, komme ich mit.«

»Würdest du?«

»Klar. Vielleicht sollte ich mich da auch mal vorstellen.«

Sie lacht leise, und es freut mich, dass ich sie für einen kurzen Moment ablenken konnte. Aber Mones Augen verraten mir nicht nur, dass sie irgendein Beruhigungsmittel bekommen hat, sondern auch, wie müde sie ist.

»Du solltest versuchen, etwas zu schlafen. Wir können morgen quatschen.«

Sie greift nach meiner Hand, bevor ich aufstehen kann.

»Vio, warte …«

»Ja?«

Wie ein Fisch öffnet sie immer wieder den Mund, bleibt dabei aber stumm, sieht mich an, ihre Augen füllen sich mit Tränen.

»Ich bin einfach nur froh, dass du da bist.«

Jetzt bin ich es, die mit den Tränen kämpft.

»Als du plötzlich nicht mehr am Telefon warst, Mone, da ging das Kopfkino los. Was, wenn sie dich erwischt haben? Was, wenn sie dich einfach über den Haufen gefahren haben? Und ich sitze daheim und bin so weit weg …«

»Du warst doch die ganze Zeit dabei. Und ohne deinen Signalgeber …« Sie schließt schnell die Augen, will vermutlich so die frischen Erinnerungen aufhalten. »Ich habe so gehofft, dass die Polizei diese Raketen sieht. Oder sonst jemand.« Sie lacht kurz leise. »Fast habe ich gehofft, du könntest es sehen. Aber es ist zum Glück alles gut gegangen.«

Langsam nicke ich und sehe noch mal zu ihr, als müsste ich erneut sichergehen, dass es ihr wirklich gut geht.

»Und Mama sagt, dank dir ist die Feuerwehr sofort zur Baustelle und konnte Schlimmeres verhindern.«

Der Versuch, mich zur Heldin dieser Nacht zu machen, passt nicht so recht und ich schüttele den Kopf.

»Du hast das alles beobachtet, ich habe nur wiederholt, was du gesagt hast.«

»Hauptsache, das Feuer konnte gelöscht werden, bevor wirklich irgendwas passiert ist.«

Dabei wissen wir beide, dass auch ohne das Feuer genug passiert ist.

»Also, sehen wir uns morgen?«

»Klar. Ich werde aber wohl erst mal nicht so viel unternehmen.«

»Kein Problem.«

Gerade als ich aufstehen will, hält sie mich erneut zurück.

»Falls ich nicht schlafen kann, darf ich dich dann anrufen?« Ihr Lächeln ist etwas verloren und doch hoffnungsvoll.

»Jederzeit.«

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