Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 4
Konstantin
Hast du mir ’ne Pizza mitgebracht?«
Robin sitzt auf einer unserer Gartenliegen, was ich nur deswegen weiß, weil das Glimmen seiner Zigarette mir seinen genauen Standort verrät. Sonst brennt nur eine riesige Citronella-Kerze in einem Tongefäß, die Mama letzten Sommer zur Mückenabwehr gekauft hat. Keiner von uns bringt es übers Herz, ihr zu sagen, dass der grässliche Gestank zwar die Nachbarn, nicht aber die Mücken fernhält.
»Klar. Es gab aber nur noch eine mit Schinken.«
Mit der Pizzaschachtel im Arm und dem Helm in der Ellenbogenkuhle komme ich auf meinen Bruder zu, dessen Umriss mit jedem Schritt klarer zu erkennen ist.
»Nehm ich.«
»Wo sind Mama und Papa?«
»Bei den Werbers, Spieleabend mit Wine-Tasting.«
Er nimmt mir den Karton ab, und ich lasse mich auf die Liege neben ihn fallen, strecke die Beine von mir und sehe nach oben, wo eine weitere wolkenlose Sommernacht schwüle Hitze bis in die Morgenstunden verspricht.
»Du warst gar nicht beim Tennis heute.«
Robin zuckt lässig die Schultern und angelt sich ein erstes Stück, das lange Käsefäden zum Rest der Pizza bildet, aus der Schachtel.
»Es ist Sommer, wer hat da Bock auf Tennis?«
»Papa.«
Wir lachen beide kurz, weil unser Vater tatsächlich täglich den Schläger schwingt und das seit seiner Jugend. Ich wette, manchmal sieht er sich im Finale von Wimbledon und kommentiert seine Aufschläge und Schmetterbälle für sich im Kopf mit.
»Ich habe am Montag ein Vorstellungsgespräch.«
Das sagt er kauend und mit vollem Mund, als wäre es nur so eine Nebensache, die man zwischen Citronella-Kerze und Pizzastücken erzählen kann. Aber bei Robins Odyssee auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle verdient es eine Schlagzeile auf der Titelseite der Tageszeitung.
»Echt jetzt?«
Er wischt sich mit dem Handrücken über den Mund und grinst fettig.
Robin sieht aus wie eine fertige Version meiner selbst. Seine Haare wissen auch ohne Pflegeprodukte, was sie tun müssen, sein Lächeln hängt nicht schief in den Mundwinkeln und seine Augen sind fest auf die Zukunft gerichtet. Obwohl sie in den letzten Monaten immer dunkler wurden.
»Sie waren von meiner Bewerbung angetan und haben mich zu einem persönlichen Gespräch eingeladen.«
»Das ist saugut!«
»Na ja, mal sehen, wie das dann läuft, aber es ist ein Anfang.«
Die meisten seiner Bewerbungen sind unkommentiert irgendwo im Stellenangebotsnirwana versickert, was bei ihm zu ordentlich Frust und beim Rest der Familie zu Hilflosigkeit geführt hat. Zwei Mal konnte er in einem Betrieb zur Probe arbeiten, bekam dann die Absage per WhatsApp und die Enttäuschung frei Haus direkt zugestellt.
»Hab diesmal echt ein gutes Gefühl. Die klangen am Telefon auch supernett.«
»Welche Stelle ist es?«
Ich habe aufgehört mitzuschreiben, auf was für verschiedene Stellen er sich beworben hat. Eigentlich war so ziemlich alles dabei, was seiner Verzweiflung geschuldet war.
»Sport- und Fitnesskaufmann.«
Niemand ist sportlicher als mein Bruder. Okay, maximal Papa.
»Ist ja wie auf dich zugeschnitten. Das wird was.«
Robin war dabei, als ich mein erstes Ass geschlagen habe. Er hat mir seine Technik verraten und stundenlang mit mir auf dem Tennisplatz geübt. Er war es auch, der mich mit zum Surfklub am Silbersee und mir dann die Angst vor dem Wasser genommen hat. Die erste Zigarette habe ich damals aus seinem Zimmer geklaut und bei meiner ersten Party mit Alkohol hat er ein Auge auf mich gehabt, damit ich keinen Unsinn anstelle. Obwohl es mir vor dem Tag graut, an dem er irgendwo einen Job antritt, weit weg von Walddorf, wünsche ich es ihm doch so sehr. Weil er mit jedem Tag, den er hier feststeckt, frustrierter wird.
»Jetzt guck nicht so. Der Job wäre in Mannheim. Da bist du in anderthalb Stunden mit dem Zug.«
Dafür müsste ich allerdings erst mal mit dem Bus nach Speyer, weil es hier weit und breit keinen Bahnhof gibt. Und alleine die Busfahrt würde vierzig Minuten dauern. Mannheim klingt gerade so weit weg wie Berlin oder New York.
»Du bleibst doch auch nicht ewig hier, Konny.«
Konny. Alle nennen mich noch ab und zu so, dabei mochte ich den Spitznamen nicht mal, als ich klein war.
»Was ist denn an Walddorf so irre schlimm?«
»Hier ist nichts los. Was willst du hier denn mal machen?«
»Hier ist jede Menge los!« Jetzt klinge ich trotzig, als wäre ich wirklich wieder elf und hätte den Name Konny verdient.
»Du wirst hier doch nie ein Mädchen kennenlernen.«
Sofort denke ich an Vio mit den großen Augen, und meine Mundwinkel machen sich selbstständig.
»Sag bloß, ich hab da was verpasst …?«
Große Brüder checken immer alles, weil sie Vorsprung haben und uns unser Leben lang kennen.
»Nee. Eigentlich nicht.«
»Eigentlich ist ein Unsicherheitswort, Bruderherz.« Jetzt stellt er den Pizzakarton auf den Boden zwischen unsere Liegen und lehnt sich zu mir rüber. »Wer ist es? Sag jetzt nicht, Isabell hat dich rumgekriegt! Die baggert schon den ganzen Sommer an dir rum.«
»Nein, nicht Isabell. Du kennst sie nicht.«
»Ich kenn hier jeden.«
Nicht Vio. Und genau genommen kenne ich sie ja auch nicht.
»Ist sie hübsch?«
Wieder muss ich lächeln, einfach so.
»Sehr.« Zumindest habe ich bei meiner Auslieferungstour immer wieder an sie denken müssen. Und unter Umständen habe ich vielleicht auch öfter als nötig mein Handy gecheckt. Nicht, dass ich damit gerechnet hätte, dass sie mir heute Abend noch schreibt.
Oder überhaupt schreibt.
»Sie ist neu hier.«
»Ach.«
»Ja. Na ja. Mal sehen.«
»Wer kommt denn freiwillig nach Walddorf?«
»Nicht alle finden es hier so irre ätzend, Robin.«
»Ich weiß, ich weiß.«
Er hebt sofort entschuldigend die Hände und verpasst mir einen leichten Schlag gegen die Schulter.
»Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Erfolg bei der Neuen. Vielleicht wird dieser Sommer gar nicht so beschissen, wie ich vermutet habe.« Seine Augen leuchten wieder so wie früher, wenn wir zusammen heimlich über den Zaun zum Kieswerk geklettert sind, weil es an dem Baggersee dort den besten Badeplatz überhaupt gibt. Damals, als ich noch nicht zu uncool für ihn war. »Ich finde ’nen Job und du die erste Liebe.«
Das wäre allerdings eine Geschichte nach meinem Geschmack.
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