Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 2 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 1

 

Vio

 

3.331 Einwohner.

Und ab heute sind es drei mehr.

»Du wirst dich hier sicher schnell einleben.«

Vermutlich werde ich in der ersten Woche direkt alle Einwohner Walddorfs persönlich kennenlernen, was bei dieser überschaubaren Menge kein Problem sein dürfte.

»Ist ja auch nur für ein Jahr.«

Mama sieht immer ein bisschen traurig aus, wenn ich das sage, aber die Vorstellung, zu lange in der Enge dieses Dorfs leben zu müssen, schnürt mir die Luft zum Atmen ab. Papa drückt mir einen der leichteren Umzugskartons in die Hand und lächelt mich verschwörerisch an.

»Gute Luft, viel Grün, jede Menge Platz und ein riesiges Zimmer nur für dich allein.«

Sie sprechen immer von viel Platz, nie von Enge, sehen diesen Umzug als Chance, als Neuanfang und nicht als Endstation Dorf.

Eine Eisdiele, die wie alle Eisdielen dieser Welt Eiscafé Venezia heißt, ein Döner-Laden, drei Kneipen, ein Tennisklub und zwei Italiener, wobei nur einer von denen liefert.

Das ist alles.

Mehr gibt es hier nicht.

»Ich lasse mich überraschen.«

Sie haben versucht, den Umzug und das alles in die Zeit nach meinem Schulabschluss zu legen, weil sie mich nicht aus dem letzten Jahr rausreißen wollten. Aber wie so oft kommt im Leben alles anders, als man es plant, nicht wahr? Und jetzt stehe ich mit einem Umzugskarton – vollgestopft mit Dingen aus meinem alten Leben in München – mitten in Walddorf mit seinen 3.331 Einwohnern und frage mich, wie ich das schaffen soll. Mit fast achtzehn in der Schule noch mal von vorne anfangen. Freunde finden, einen Platz in bereits bestehenden Gruppen, in einer Schulklasse, mit der ich im Idealfall nächstes Jahr mein Abi feiere, in der mich dann aber trotzdem niemand länger als ein Schuljahr kennt. Und doch verbirgt sich zwischen all diesen Zweifeln eine Spur von Hoffnung. Wie heißt es doch so schön in dem Gedicht von Hermann Hesse?

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

»Wir zahlen für das ganze Haus mit Garten weniger Miete als für die Wohnung in München.«

Das ist eine Tatsache, die Papa immer wieder ganz begeistert wiederholt und ich nur mit Kopfschütteln kommentieren kann. Hier ist einiges günstiger, schon klar, aber hier ist eben auch weniger los.

Mein Zimmer, ganz oben im Haus, ist eigentlich eine eigene Wohnung, wenn man so will. Ich habe das Dachgeschoss für mich alleine, ein eigenes Badezimmer, sogar eine Kochnische und viel Platz für mich und meine Gedanken. Besonderes Plus ist der Balkon, auf dem ich mir meinen kleinen Outdoor-Bereich schaffen kann. All das soll ablenken. Von München, dem Vermissen, den Narben und der Tatsache, dass es sich wie eine Flucht anfühlt.

»Gar nicht so übel, hm?«

Papa bemerkt mein Lächeln, als ich den Blick vom Balkon über die Nachbarschaft wandern lasse. An unseren Garten grenzt ein Waldstück, dahinter irgendwo liegt der Badesee, an dem sich jetzt im Sommer gewiss alle Leute aus der Gegend treffen. Die sich alle schon ewig kennen und ihr ganzes Leben hier verbracht haben. Eine eingeschworene Clique, in der ich jetzt aus dem Stand meinen Platz finden soll. Vielleicht ist es gar nicht so blöd, dass jetzt Ferien sind und ich die Chance habe, zumindest ein paar Namen und Gesichter schon mal kennenzulernen, bevor es dann in mein letztes Schuljahr geht.

»Gefällt es dir?«

Gute Frage. Noch hat es was von einem Urlaubsort. Auf dem Weg in unser neues Zuhause sind wir an einem voll besetzten Biergarten vorbeigekommen, Menschen auf Fahrrädern, Kindern, die barfuß in der Hofeinfahrt gespielt haben, Kreidemalereien auf dem Gehweg, Fahrrädern, die unabgeschlossen einfach vor der Tür stehen.

»Es ist sehr ruhig.«

Der Lärm der Reichenbachbrücke, den ich durch mein Zimmerfenster in München zu jeder Tages- und Nachtzeit gehört habe, ist so weit weg, dass ich mich frage, ob es überhaupt noch Autos gibt oder hier alle schon klimafreundlich aufs Fahrrad umgestiegen sind.

Papa legt seine Hand sanft auf meine Schulter und reißt mich aus meinen Gedanken.

»Vio, der Abstand wird dir sicher auch guttun, meinst du nicht?«

Ein sensibles Thema, über das wir nicht sprechen und wenn, dann nur mit Samthandschuhen an der Oberfläche abtasten. Alleine bei dem Gedanken daran spüre ich die Gänsehaut auf meinen Armen.

»Doch. Klar.«

»Wir wissen, dass es viel verlangt ist, mein Schatz. So ein großer Umbruch.«

Das schlechte Gewissen meiner Eltern wiegt mehr als all die Umzugskartons zusammen und ich werfe ihm ein versöhnliches Lächeln zu.

»Ich krieg das schon hin, Papa.«

Ist ja nur für ein Jahr. Dann gehe ich weg, studiere oder mache eine Ausbildung, vielleicht sogar wieder in München, wenn Gras über die Sache gewachsen ist oder neue Dramen die Runde machen. Noch fühlt sich alles so an, als würde ich gerade ein Auslandsjahr irgendwo absolvieren. Nur eben nicht in Frankreich, England oder den USA.

Sondern in Walddorf.

Vielleicht nicht unbedingt der Arsch der Welt, aber ich wette, wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, kann ich ihn von hier aus sehen.

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