Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 9 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 8

 

 

Konstantin

 

Sie hat sich für Erdbeere, Zitrone und Himmelblau entschieden und scheint mit ihrer Auswahl gänzlich zufrieden. Noch weiß ich nicht, wie ich ihr sagen soll, dass sie sich fast das ganze Kinn mit blauem Eis verschmiert hat, vor allem, weil sie es wirklich tragen kann.

»Okay, du hast nicht gelogen. Es schmeckt hervorragend.«

»Wir haben vielleicht keine schillernd bunten Klubs, aber wir haben das beste Eis.«

»Und das bunteste.«

Sie betrachtet ihre ineinanderschmelzenden Eiskugeln und lächelt verträumt. Nebeneinander, aber so, dass wir uns nicht zufällig berühren können, sitzen wir auf den Stufen des Brunnens nahe der Eisdiele, wo an besonders heißen Tage Kinder gerne eine Abkühlung suchen. Mir ist natürlich bewusst, dass die Möglichkeiten, Vio hier mit unseren Highlights zu beeindrucken, begrenzt sind, aber man kann mir zumindest nicht mangelnden Einsatz vorwerfen.

»Erzähl mir etwas über dich, das mich überrascht, Konstantin.«

Vios Sonnenbrille ist ebenso groß wie ihr normale Brille, sie versteckt fast ihr ganzes Gesicht dahinter, was ich schade finde. Sobald sie den Helm abgenommen hatte, wurden wenigstens ihre Locken aus dem Haargummi befreit, und jetzt sieht sie einfach nach Sommer aus.

»Gute Frage.« Und ich brauche dringend Bedenkzeit, denn beim Durchscrollen meiner Hobbys und besonderen Fähigkeiten springt mir nichts ins Auge, womit ich sie überraschen könnte. Es wird sie kaum interessieren, dass ich mit meiner Rückhand den Ball mit einer Geschwindigkeit von 171 km/h übers Netz zum Gegner dreschen kann, und die Tatsache, dass ich die Netflix-Serie Haus des Geldes auf Spanisch mitsprechen kann, obwohl ich kein Spanisch kann, ist auch nicht gerade eine Fähigkeit für die Supertalent-Bühne. »Ich bin bei der Feuerwehr.«

Zu gerne würde ich ihren Blick sehen, aber den versteckt sie, wie vermutlich auch ihre Gefühle, hinter der Brille, durch die sie mich jetzt mustert.

»Echt jetzt?«

»Ja. Wir haben hier eine freiwillige Feuerwehr.«

Sie lässt das Eis sinken, der Sonnenbrillenblick bleibt unverändert auf mir festgetackert.

»Wie alt bist du?«

»Siebzehn.«

»Und da bist du schon bei der Feuerwehr?«

»Freiwillige Feuerwehr, ja. Ich war auch schon bei der Jugendfeuerwehr.«

»Wow. Ein echter Grisu.« Ihre Stimme verrät mir nicht, ob sie ehrlich begeistert ist oder sich gerade über mich lustig macht. Ihr Lächeln wäre auch ganz ohne Sonnenbrille undurchschaubar. »Du weißt schon, Grisu der Drache, der Feuerwehrmann werden wollte?«

»Es mag dich überraschen, aber ich weiß, wer Grisu ist. Auch wenn es genau genommen nicht meine Zeit war.«

»Meine doch auch nicht. Aber manche Klassiker werden an die folgenden Generationen weitergegeben.«

Darauf fällt mir nichts ein, und ich hoffe, sie sieht mich jetzt nicht an, als wäre ich ein knuffiger kleiner Drache. Gefriendzoned im 70er-Style, das fehlt mir noch.

»Spannendster Einsatz?«

»Katze im Baum.«

Je mehr ich rede, desto bescheuerter komme ich mir vor. Es macht mich nervös, dass sie mich so geschützt ansehen und ich nur hektisch gegen die Sonne blinzeln kann.

»Hast du sie gerettet?«

»Nein, ich habe nur abgesichert. Robin, mein Bruder, hat sie vom Baum geholt.«

»Verstehe.«

»Ich weiß schon, ist alles wenig spannend hier für dich, Walddorf ist nicht gerade der Nabel der Welt, wo ständig irgendwas passiert, aber wir sind eigentlich ganz zufrieden mit der Ruhe und …«

Bevor ich mich weiter um Kopf und Kragen reden kann, legt sie ihre Hand auf meinen Unterarm und bringt mich durch diese Berührung zum Schweigen – und zum Schwitzen.

»Könntest du mir einen Gefallen tun, Konstantin?«

»Hm?«

»Pack mich bitte nicht in irgendeine Schublade und glaub zu wissen, was ich denke, okay?« Sie verpackt ihre Worte mit einem Lächeln und ich nicke stumm. »Ich bin jetzt hier, egal ob und wie sehr ich München vermisse. Also mache ich das Beste aus der ganzen Situation.« Sie hebt das Eis ein bisschen höher. »Und gerade könnte es echt viel schlimmer sein.«

»Ja?«

»Schon. Ich meine, nicht nur, dass du der schnellste, unfallfreie Lieferpanda bist, du rettest auch noch Katzen aus Bäumen und spendierst mir Eis.«

»Ich habe nur abgesichert.«

»Konstantin, du bist vielleicht der netteste Kerl, den ich seit Monaten getroffen habe. Das ist zur Abwechslung wirklich toll. Red das bitte nicht kaputt, okay?«

»Okay.« Ich lade meinen gelben Plastiklöffel mit einer weiteren Portion Stracciatella-Eis voll und schiebe ihn mir in den Mund, spüre aber ihren Blick noch immer auf mir ruhen.

»Ich habe heute übrigens Mone kennengelernt.«

Es ist keine Frage, nur eine Information, die sie mit mir teilt, und ich verschlucke mich, huste um mein Leben, und Vio klopft mir auf den Rücken, kräftiger als nötig, und ich erhole mich mit hochrotem Kopf von meinem kurz angetäuschten Erstickungstod.

»Ach …« Wie immer, wenn man gerade heftig gehustet hat, klingt die Stimme danach etwas schriller als sonst.

»Sie meinte, du hättest ihr schon von mir erzählt.«

Schnell räuspere ich mich.

»Ich kenne Mone schon ewig, ich habe eine Pizza bei ihr ausgeliefert und wir haben uns unterhalten.« Mone ist von Natur aus neugierig, es gibt kaum etwas, was man länger als dreißig Sekunden vor ihr verbergen kann. Sie weiß sofort, wer was mit wem auf welcher Party hatte, weil sie es den Personen ansieht und sie besser kombinieren kann als Sherlock Holmes zu seinen besten Zeiten. Mich hat sie nur angesehen und schon habe ich ihr – natürlich völlig cool – von der Neuen erzählt.

»Ich habe sie im Supermarkt getroffen.«

»Mone ist echt in Ordnung.«

»Sie hat mich für heute an den See eingeladen.«

Natürlich hat sie das, weil Mone einfach so ist und niemanden am Rand stehen lassen will.

»Würdest du mich hinfahren?«

»Jetzt?«

»Klar.«

Isabell wird sicher auch am See sein, um die Uhrzeit sind alle dort.

»Oder ist das ein Problem?«

Der Himmel ist so wolkenlos blau wie Vios Eis, die Temperaturen liegen um die dreißig Grad und in den Straßen ist abseits der Eisdiele nichts los. Entweder sind die Leute in ihren Gärten oder eben am See.

Nur Papa ist bestimmt auf dem Tenniscourt.

»Nein, kein Problem. Stand sowieso auf der Liste der Sehenswürdigkeiten.«

Isabell.

Zwar ist zwischen Isabell und mir nicht wirklich was passiert, aber bei dem Abschlussfest nach der Schule gab es ziemlich viel Weißweinschorle und irgendwann haben wir uns geküsst.

Sie war betrunken, ich wollte nicht unhöflich sein, und seitdem meldet sie sich ab und an, fragt, ob wir was zusammen unternehmen. Wenn ich da jetzt mit Vio auftauche, wird sie bestimmt Fragen stellen. Fragen, die ich schon längst hätte beantworten sollen.

Vio steht bereits neben mir, das Eis aufgegessen, den Helm unterm Arm, den Blick auf mich gerichtet, wie ich da noch immer auf der Stufe sitze, während das schmelzende Eis langsam an meinem Handgelenk entlangläuft. Sie schiebt sich die Sonnenbrille in die Haare.

»Oder ist es dir peinlich, wenn du bei deinen Freunden mit dem Großstadtmädchen aufschlägst?«

Ich stehe auf und sehe ihr endlich zum ersten Mal heute in die Augen, die übrigens wunderschön sind. Jetzt nur nicht sagen, was mir wirklich durch den Kopf geht.

»Kommt darauf an.«

»Ach. Worauf denn?«

Ich reiche ihr eine der Servietten, die wir zum Eis bekommen haben und die ich in weiser Voraussicht aufgehoben habe.

»Ob du mit oder ohne blaue Eisreste im Gesicht gehen willst.«

»Das trägt man in der Großstadt so.« Sie zwinkert mir frech zu, nimmt die Serviette an, entfernt die Eisspuren vom Kinn und lächelt dann souverän. »Aber danke für den Hinweis.«

Sie nickt Richtung Vespa, die wir in der Nähe des Zebrastreifens abgestellt haben, aber ich berühre kurz ihren Arm, woraufhin sie stehen bleibt.

»Du bist mir übrigens nicht peinlich. Ganz im Gegenteil.«

Das rutscht mir einfach so raus, dabei wollte ich es nur denken. Jetzt ist es zu spät, die Worte sind draußen und nicht mehr zurückzunehmen. Vio nickt kurz, aber ich kann sehen, dass ihre Augen lächeln.

Plötzlich werde ich das Gefühl nicht los, dass Vio hier einiges durcheinanderwirbeln wird.

In meinem Herzen hat sie damit schon mal angefangen.

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