Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 10
Konstantin
Sie schwimmt schnell, mit ganz klaren Zügen, woran ich erkenne, dass sie es so richtig mit Anleitung gelernt hat. Anders als wir hier, die einfach ins Wasser gesprungen sind und irgendwann halt den Boden unter den Füßen verloren haben – so lernt man das Schwimmen erstaunlich schnell. Natürlich habe ich die Schwimmabzeichen dann alle nachgeholt, aber da konnte ich schon besser schwimmen als die meisten hier.
Kaum an der Insel angekommen, hilft Mone ihr nach oben, und ich bleibe bei den Jungs, die alle in Ufernähe im Wasser treiben, bis Marco neben mir auftaucht.
»Ist ja ’ne ziemlich Süße, deine Neue.«
Ihm hängen die Haare bis über die Augen und er kann mich nur durch diesen Vorhang ansehen. In kleinen Kreisen schwimmt er um mich herum.
»Sie ist nicht meine Neue.«
»Na ja, daran lässt sich arbeiten.«
Um mir sein Gequatsche nicht länger anhören zu müssen, tauche ich unter, lasse alle Geräusche und Stimmen verstummen, sinke noch ein bisschen tiefer, bis dahin, wo das Wasser kühler wird und die Sonne nur noch spärlich durchkommt. Manchmal würde ich gerne länger, als meine Lungen es zulassen, hier unten bleiben. Da oben ist es mir oft zu laut, zu wild und zu chaotisch. Ich bin nicht Robin, der sofort in der ersten Reihe steht, wenn es darum geht, was Aufregendes zu erleben. Mir gefällt es in der zweiten Reihe, wo nicht jeder sofort auf mich aufmerksam wird.
Als ich wieder auftauche – früher, als mir lieb ist –, erwartet mich doch wieder Marco.
»Also, wenn du kein Interesse an ihr hast, dann könnte ich doch mein Glück versuchen, oder?«
Offenbar spricht er noch immer über Vio, die neben Mone am Rand der Insel sitzt und ihre Beine ins Wasser baumeln und sich von den Mädels ausfragen lässt. Marco hat einen gewissen Charme, den kann ich ihm nicht absprechen, außerdem hat er einen eigenen Roller und muss ihn sich nicht vom Bruder leihen. In meinem Magen breitet sich ein merkwürdiges Gefühl aus, wenn ich mir vorstelle, wie er Vio um ein Date bittet.
»Ich weiß nicht, vielleicht hat sie ja einen Freund.«
»Das würde ich schon rauskriegen. Also?«
»Ich weiß nicht so recht.« Er braucht nicht meine, sondern ihre Erlaubnis, und ich hoffe inständig, dass er die nicht bekommen würde.
»Also hast du doch Interesse!« Er schlägt mir auf den Rücken und drückt mich mit Schwung an der Schulter unter Wasser, bevor er zur Insel schwimmt und sich wie in einer Aftershave-Werbung möglichst cool aus dem Wasser zieht. Ich bleibe mit dem Mund und der Nase untergetaucht, beobachte ihn aber genau, wie er sich neben Vio setzt und sich die Haare aus der Stirn streicht. Bevor ich hören kann, was er sie fragt, entscheide ich mich für einen weiteren Tauchgang, diesmal unter der Insel durch bis auf die andere Seite, wo ich wieder an die Oberfläche komme und tief Luft hole.
»Hi, Konny. Dich habe ich gar nicht gesehen.«
Isabell.
»Oh. Hi.«
Sie lächelt strahlend, das kann ich trotz der blendenden Sonne sehen.
»Hab mich schon gefragt, ob du hier irgendwann auftauchst.«
Sie hält mir die Hand entgegen, will mir auf die Insel helfen und ich Trottel nehme sie an, klettere nach oben und sehe Marco und Vio, die gerade über eine von Marcos irre witzigen Bemerkungen lacht.
»O nein. Auch das noch.«
Kurz glaube ich, Isabell kann meine Gedanken lesen, aber sie sieht in eine ganz andere Richtung, nämlich zum Strand, wo eine Gruppe junger Männer gerade aus dem Gebüsch am Waldrand kommt.
Das ist nicht der offizielle Weg zum Strand, aber das scheint diese Truppe wenig zu stören. Sie kommen immer von dort, bleiben an dieser Seeseite mit ihren kleinen Handtüchern und ziehen jetzt unsere Blicke auf sich.
»Die nerven total.«
Diese Meinung teilen hier alle, und schon kurz nachdem sie ihr Strandlager aufgebaut haben, rennen die Typen laut grölend ins Wasser, machen dabei mehr Krach als die Kleinen im Kinderbereich neben dem Kiosk.
»Wann ist die Saison endlich vorbei?« Isabell verdreht die Augen, und ich kann aus dem Augenwinkel sehen, dass auch Marco und Vio ihr Gespräch unterbrochen haben und ihre Aufmerksamkeit den Männern schenken.
»Kennt die eigentlich jemand? Also, schon mal im Dorf gesehen?«
»Nee, bleiben wohl eher für sich.«
»Besser so. Irgendwie unangenehme Typen.«
»Wer sind die denn?« Vio, die ihren ersten Seetag hat, kann nicht wissen, dass diese Truppe jeden Tag um diese Uhrzeit hier aufschlägt und immer so laut ist.
»Keine Ahnung, irgendwelche Polen oder so. Saisonarbeiter, von den Feldern.«
»Die gönnen sich wohl ’ne Abkühlung. Bei über dreißig Grad draußen arbeiten schlaucht bestimmt.«
Vios Kommentar sorgt für überraschte Blicke und zaghaftes Kopfschütteln.
»Ja, aber die sind echt jeden Tag hier.«
»Und? Ist doch ein öffentlicher Strand.«
Isabell bemerkt Vio wohl erst jetzt so richtig, nimmt die Neue etwas genauer unter die Lupe, dreht sich dafür sogar ganz in ihre Richtung.
»Ja, aber sie stören.«
Wie zum Beweis lachen die Männer laut und rufen sich in einer fremden Sprache, die ich nicht zuordnen kann, etwas über das Wasser zu.
»Mich stören sie nicht.«
Vio hat ihre nassen Haare nach hinten gekämmt, aber die Locken haben einen anderen Plan und rahmen ihr Gesicht wild ein. Jetzt, ganz ohne Brille und mit diesem ernsten Blick, sieht sie so erwachsen aus. Wasserperlen benetzen ihre Lippen und lenken meine Gedanken kurz vom eigentlichen Gesprächsthema ab. Allerdings nur so lange, bis Isabell mich daran erinnert.
»Dann leg dich doch zu denen rüber, wenn du sie ach-so-sympathisch findest.«
Mone wirft mir einen Blick zu, und ich weiß nicht, was sie von mir erwartet, also zucke ich nur kurz die Schultern, will mich nicht einmischen.
»Isabell, Vio ist neu hier.«
»Ja, das merkt man.« Der giftige Unterton ist nicht zu überhören und trotzdem reicht Vio Isabell die Hand, die diese auch annimmt, wenn auch etwas zögernd.
»Hi, Isabell.«
»Hi.«
»Und das sind keine Polen.«
»Ach nein?«
»Nein. Das sind Rumänen.«
»Toll. Noch schlimmer.«
Vios Mine verändert sich nur minimal, und ich weiß nicht, ob es den anderen überhaupt auffällt, aber ich bemerke es. Ihre Augen wirken dunkler, ihre Mundwinkel strenger.
»Ist auch total egal, was sie sind, können die sich nicht benehmen?«
Inzwischen beobachtet unsere komplette Gruppe die Männer, die sich einen kleinen Handball im Wasser hin und her zuwerfen, sich dabei unterhalten und immer wieder lachen. Vio verschränkt die Arme.
»Ich finde, sie benehmen sich eigentlich ganz ordentlich.«
»Die machen sich doch hundert Pro über uns lustig. Und zwar so, dass wir es nicht verstehen.«
Ich bin mir nicht mal so sicher, ob sie uns überhaupt wahrnehmen. Ich sehe sie immer nur dann auf der Insel, wenn niemand sonst sie belagert, sie bleiben für sich, belästigen niemanden. Eigentlich stören sie nicht, auch wenn es mich irritiert, dass ich nicht mitbekomme, was sie sagen.
»Tun sie nicht.«
»Und woher willst du das so genau wissen?«
»Weil ich Rumänisch spreche.«
Alle Augenpaare richten sich synchron auf Vio, die starr an uns allen vorbei zu der Männergruppe blickt.
»Lernt man das in München?« Mones Versuch, die Stimmung zu retten, scheitert, als Vio ernst den Kopf schüttelt.
»Lernt man, wenn man Rumänin ist.«
»Du bist Rumänin?« Ihr Blick streift mich, weil ich die Frage, die mir durch den Kopf schießt, laut ausspreche.
»Ja. Darf ich mich noch mal vorstellen? Vio, Kurzform für Viorica. Nachname Lupascu, schön, euch kennenzulernen.« Sie lächelt. »Ist das ein Problem?«
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