Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 72
Konstantin
Noch immer etwas wackelig und mit einem bitteren Nachgeschmack im Mund, fahre ich durch die leeren Straßen meines Heimatdorfes und werde nervöser, je näher ich meinem Zuhause komme. Schon eine Straße vorher mache ich den Motor des Rollers aus und schiebe ihn den Rest des Weges, bevor ich ihn in unserer Auffahrt neben Papas Auto abstelle. Genau dort, wo Robin auch immer parkt.
Nur in der Küche brennt Licht, und ich weiß, dass es keinen Sinn hat, dem folgenden Gespräch aus dem Weg gehen zu wollen. Ohne Umwege betrete ich die Küche und finde dort Robin am Tisch sitzend, vor sich eine Tasse Tee.
»Hi.«
»Hallo.«
Ich bleibe sicherheitshalber im Türrahmen stehen.
»So früh schon wach?« Obwohl ich sehen kann, dass er nicht seine Schlafklamotten trägt, versuche ich es erst mal mit harmlosem Small Talk.
»Immer noch.« Ein Nicken in Richtung Tür.
»Mama und Papa glauben, du bist mit Vio unterwegs.« Sein Blick findet wieder mich, strafend. »Nachdem du bei Pizza Panda ausgeholfen hast, die dich aber früher haben gehen lassen.«
Robin ist ein Meister darin, unseren Eltern perfekte Alibis für nächtliche Eskapaden aufzutischen. Dabei denkt er sich winzige Details aus, die er auch nach einigen Bieren noch problemlos abspulen kann. Ein Talent, das offenbar antrainiert und keine genetische Veranlagung ist, denn ich kann beim Lügen niemandem in die Augen sehen.
»Oh. Danke.«
Abwartend mustert er mich, bemerkt bestimmt nicht nur, wie durcheinander ich bin, sondern auch alles andere. Angst sieht man einem Menschen immer an, habe ich mal irgendwo gelesen, und wenn das stimmt, dann strahle ich das gerade ab wie ein voll erleuchteter Christbaum.
»Wo ist mein Roller?«
»Den habe ich mir geliehen.«
»Geklaut.« Seine Stimme klingt ruhig, nicht besonders wütend, und ich verlasse meine Position an der Tür, komme langsam auf ihn zu.
»Ja.«
»Und hast du ihn unbeschadet zurückgebracht?«
»Er steht draußen.« Damit lege ich den Schlüssel vor ihm auf den Tisch und ziehe den Stuhl zurück, um ihm gegenüber Platz zu nehmen. Er fragt nicht, wieso ich den Roller genommen habe oder wo ich bis eben war, er sieht mich nur an und wartet ab. Ob er weiß, was heute Nacht alles passiert ist?
»Ich hab Mist gebaut.« Selbst das lässt er unkommentiert, und die Stille der Küche drückt auf meine Ohren, als wenn ich durch einen Tunnel fahren würde. »Richtig Mist gebaut.« In aller Ruhe nimmt er einen Schluck aus der Tasse, ohne dass seine wachen Augen mich loslassen, und ich spüre die Nervosität zurück in meinen Knochen. Robin sitzt mir gegenüber, ruhig und doch aufgebracht. Kurz versuche ich ihn mir auch nächsten Sommer noch in Walddorf vorzustellen, aber jedes Mal löst er sich bei dieser Vorstellung in Luft auf.
»Ich glaube, Volker und Jonas werden mich verpfeifen und …«
Abrupt schiebt er den Stuhl zurück, was mich sofort verstummen lässt, und steht auf.
»Du wolltest nicht auf mich hören, weil du gedacht hast, ich will dich nicht dabeihaben oder gönne dir irgendwelchen Spaß nicht. Dabei wollte ich immer nur auf dich aufpassen, du Vollidiot.« Mit der Tasse in der Hand geht er zum Geschirrspüler und ich drehe mich auf meinem Stuhl mit. »Was denkst du wohl, warum ich hier rauswill, hm?« Mit dem Rücken zu mir räumt er die Tasse ein und stützt sich dann auf die Arbeitsplatte. »Weil es hier nichts anderes gibt als Typen wie Jonas und Volker, die keinen Millimeter über den Tellerrand schauen.«
»Du hast den Container angezündet.«
»Hab ich. Weil ich blöd war. Und sauer und …« Ohne den Satz zu beenden, wendet er sich zu mir. »Wenn du bestimmte Parolen oft genug hörst, besonders von Leuten, denen du vertraust, glaubst du irgendwann, dass sie wahr sein könnten. Du hinterfragst sie gar nicht mehr groß, weil es sonst ja auch keiner tut. Und dann ist da auch noch diese Wut.«
»Auf wen denn?«
»Auf die Welt. Weil du das Gefühl hast, alle kommen weiter als du, und das so viel schneller, während du Stück für Stück alles verlierst, was dich irgendwie klar hat denken lassen.«
Er muss ihren Namen nicht sagen, ich weiß auch so, über wen er spricht.
»Und weil du keine echten Gegner hast, nimmt du irgendwen, der dir gerade gelegen kommt. Malek nimmt mir Jessy weg, ein Mitbewerber mit Migrationshintergrund den Job, Papa findet den Bau des Heims doch nicht mehr so gut, und die Jungs schimpfen auch nur noch darüber …«
Das klingt so simpel, als wäre es ganz einfach, darauf reinzufallen, und ich will widersprechen, dabei habe ich doch selber gerade den gleichen Fehler gemacht.
»Dann bist du nicht mehr alleine, hast ’ne Clique und denkst gar nicht mehr für dich selbst, sondern überlässt das den anderen. An den richtigen Stellen nicken, die Wut zulassen … aber das muss ich dir wohl nicht sagen.«
Müde schüttele ich den Kopf.
»Dir sollte das nicht auch passieren. Weißt du, ich habe mich geirrt. Man kann nicht beides sein. Man muss sich entscheiden, auf welcher Seite man stehen will.«
»Das habe ich inzwischen gecheckt.«
»Und du hast keinen Grund, wütend zu sein.«
»Habe ich nicht?« Überrascht über das plötzliche Volumen meiner Stimme, zieht Robin eine Augenbraue hoch, was ich als Aufforderung verstehe. »Du hast ja keine Ahnung, wie wütend ich manchmal bin.«
»Auf wen denn?« Er stellt mir die gleiche Frage im Gegenzug, und endlich kann ich mal all die Gedanken raushauen, die ich sonst nur auf dem nächtlichen See zulassen.
»Auf dieses Dorf, auf meine Freunde, auf dich … auf mich!«
Robin sagt nichts, verschränkt nur die Arme vor der Brust.
»Alle sehen in mir eine billige Kopie von dir. Du bist der echte Wagenfeld, ich die ewige Nummer zwei. Beim Tennis bin ich nicht so gut wie du, bei meinen Freunden nicht so beliebt, wie du es bei deinen bist, und es ist so anstrengend, dir nachzueifern.«
»Dann lass es. Ich wollte dir weder im Weg rumstehen noch ein mieses Vorbild sein, Konny. Du solltest nur nicht mit den Jungs rumhängen.«
»Und was ist mit dir?«
»Ich bin bald weg. Dann war es das. Aber du willst ja unbedingt hierbleiben. Und wenn ich weg bin, wer passt dann auf dich auf?« Damit stößt er sich von der Arbeitsfläche ab und kommt auf mich zu.
»Du musst irgendwann anfangen, selber zu denken.«
»Das tue ich doch!«
»Und was willst du?«
Ich will Vio nicht verlieren, ich will Robin nicht verlieren, und enttäuschen will ich meine Freunde auch nicht, und ganz sicher will ich nicht zu Volker und Co. gehören.
»Ich will es wieder hinbiegen.«
Obwohl meine Beine noch etwas wackelig sind, stehe ich auf und sehe meinen Bruder an.
»Würdest du mich wo hinfahren?«
Robin zögert einen kurzen Moment, atmet dann tief ein und greift nach dem Rollerschlüssel, der zwischen uns auf dem Tisch liegt.
»Wo soll’s denn hingehen?«
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