Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 47 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 46

 

Konstantin

 

Das Wasser ist kalt, als ich es mir ins Gesicht spritze und erst mal tief durchatme. Seit knapp einer Stunde sitze ich verkrampft auf meinem Stuhl und lausche Unterhaltungen, die mich nicht wirklich interessieren, sondern wie weißes Rauschen an mir vorüberziehen.

Jetzt hier drinnen in der Ruhe der Herrentoilette, die direkt neben der Küche liegt, komme ich zum ersten Mal dazu, einen klaren Gedanken zu fassen.

Vio ignoriert mich weitgehend, Isabell sowieso und Gespräche mit Robin sind gerade auch nicht einfach. Jedes Mal, wenn Jessy an unserem Tisch vorbeigeht, spüre ich, wie sich die Körperhaltung meines Bruders verkrampft. Gegen Ende des Abends ist er so starr, dass man ihn auch gegen eine Marmorstatue austauschen könnte, und niemand würde es merken.

Das Piepen meines Handys unterbricht die Ruhe, und ich fische es aus der Hosentasche, um eine neue WhatsApp-Nachricht zu entdecken. Nur der Name des Absenders überrascht mich.

Wagenfeld! Wo steckst du? Wir gehen grillen und wollen dich abholen. Wo finden wir dich? J.

Das letzte Mal, als ich so einer Einladung gefolgt bin, hatte ich plötzlich ein Gewehr in der Hand, und dieses Mal würde es sicher nicht besser enden.

Bin bei Unitas. Gerne ein anderes Mal.

Das dürfte ihn nerven, aber auf die Schnelle fällt mir nur die Wahrheit als Grund für eine Absage ein. Unitas sagt nicht zwingend, dass ich hier mit Robin und Vio bin, aber er wird es sich denken können.

Verstehe. Hätten dich gerne dabeigehabt … vielleicht danach? Komm vorbei!

Es hätte mich auch überrascht, wenn er aufgegeben hätte. Wenn Jonas was will, holt er es sich, egal was oder wer es ist.

Noch immer läuft kaltes Wasser aus dem Hahn, und ich halte meine Hände erneut unter den Strahl und merke, dass sie zittern. Das tun sie eigentlich schon die ganze Zeit seit gestern Nacht. Passend zu den pochenden Kopfschmerzen, die es sich in meinen Schläfen bequem gemacht haben und nicht den Eindruck erwecken, sie wollten sich demnächst wieder vom Acker machen.

Als die Tür hinter mir aufschwingt, zucke ich erschrocken zusammen und erkenne dann im Spiegel Robin hinter mir.

»Sag mal, wie lange lässt du mich da draußen noch alleine hängen?«

»Sorry. Magenverstimmung.«

Glatt gelogen, ich stehe seit Minuten hier und konzentriere mich ausschließlich auf mein Schädelhämmern.

»Hör mal …«

Bitte nicht noch eine Standpauke wegen irgendwas.

»… sei nicht sauer, ich weiß, wir wollten das hier zusammen feiern, aber da draußen …«

Er meint weder das voll besetzte Restaurant noch meine Kumpels, das muss er mir nicht sagen, das verrät mir sein Gesicht, in dem ich all die Schatten erkenne, die Jessy damals hinterlassen hat.

»Das erinnert mich alles nur daran, wieso ich von hier wegmuss.«

»Nur noch ein Bier? Das schulde ich dir noch.«

»Wenn ich da wieder rausmuss, raste ich komplett aus.« Ob er merkt, dass seine Hände zu Fäusten geballt sind? »Nichts gegen deine Truppe, aber die geht mir total auf den Keks. Und ständig Jessy.«

Das ist es. Nur das.

»Verstehe.«

»Sei nicht sauer, okay? Wir holen das nach.« Er löst eine Faust, nur um mir die Hand schwer auf die Schulter zu legen. Dabei lächelt er bemüht fröhlich, was angesichts der dunklen Schatten unter seinen Augen irgendwie total belämmert aussieht.

»Versprochen.«

»Wo willst du denn jetzt hin?«

»Ich fahr ein bisschen rum. Muss hier einfach raus. Es ist zu eng.«

»Soll ich mit?«

»Nee, nee, lass mal.«

»Verstehe.« Nicht so recht.

»Stell endlich das Wasser ab, das ist Verschwendung.« An der Tür dreht er sich noch mal zu mir, zeigt mit dem ausgestreckten Arm auf mich und grinst. »Klär das mit Vio.«

Was genau ich mit ihr klären soll und wie seine Sympathie ihr gegenüber zu seinen Worten im Wald passt, kann ich nicht mehr fragen, weil er bereits verschwunden ist. Seiner Aufforderung folgend, drehe ich endlich das Wasser ab und starre einen Moment den jungen Mann im Spiegel an, über den ich so gut wie nichts weiß, der mir aber seit siebzehn Jahren erfolgreich vorgaukelt, Konstantin Wagenfeld zu sein.

Durchatmen, lächeln und zurück an den Tisch, wo ich vielleicht zumindest die Chance bekomme, noch mal mit Vio zu reden und irgendwas zu klären.

Entschlossen trete ich aus der Herrentoilette und stolpere fast gegen Jessy, die mich aus großen Augen ansieht. Neben ihr steht Robin, seine Hand hält ihren Oberarm fest, lässt ihn erst los, als er mich bemerkt.

»Was ist denn hier los?«

Doch statt einer Antwort schüttelt Jessy nur den Kopf, obwohl ihre Tränen verraten, dass ich wohl gerade eine unschöne Aktion verpasst habe. Robin weicht mir aus und schnauft genervt.

»Nur weil dieser Typ dir schöne Augen gemacht hat, hast du uns nie die zweite Chance gegeben, die wir verdient hätten. Und das weißt du auch.« Seine Worte richten sich offensichtlich an Jessy, dann hebt er die Arme, als würde er sich endgültig seinem Schicksal ergeben. »Ich bin hier raus.«

Und das setzt er ziemlich eindrucksvoll um, wirft dabei – hoffentlich aus Versehen – den kleinen Tisch mit den Speisekarten, Bierdeckeln und Servietten um und stürmt aus dem Lokal. Eine unendliche Sekunde lang passiert nichts, alle Geräusche und Gespräche verstummen, dann geht Jessy neben mir in die Hocke und beginnt damit, die Servietten wieder einzusammeln. Ich kauere mich neben sie und helfe ihr.

»Tut mir leid, er ist einfach noch …«

»Noch was, Konstantin?« Ihr wütender Blick, garniert mit Tränen, trifft mich anstelle meines Bruder und ich muss schlucken.

»Er hängt halt noch an dir.«

»Das ist über ein Jahr her. Ich habe ihm alles immer und immer wieder erklärt. Glaubst du, mir ist das leichtgefallen?«

Vermutlich sollte ich irgendwas Schlaues sagen, aber ich sammele nur wortlos Speisekarten ein.

»Glaubst du, ich wollte mich in Malik verlieben? Glaubst du, ich hätte nicht versucht, es mir auszureden? Gefühle kann man sich nur selten aussuchen!«

Und wie auf ein Stichwort des allwissenden Regisseurs in meinem Leben taucht ausgerechnet jetzt Vio auf und sondiert die Lage.

»Was ist denn hier passiert?«

Ich zögere keine Sekunde und setze das schrägste Lächeln auf, das ich im Repertoire habe.

»Mein Zweitname ist nicht umsonst Tollpatsch. Ich habe den Tisch einmal komplett abgeräumt.«

Jessys Blick spüre ich natürlich, verlasse mich aber darauf, dass sie meine Notlüge bestätigen wird, was sie stumm nickend auch tut.

»Hinterlässt du echt überall, wo du auftauchst, so ein Chaos?« Vio geht ebenfalls in die Hocke und macht sich daran, die Bierdeckel aufzusammeln, die verteilt wie Spielkarten nach einem missglückten Kartentrick auf dem Boden liegen.

»Es war nur ein kleines Missgeschick.«

Aber das interessiert Vio nicht wirklich, denn sie dreht sich zu Jessy.

»Wir übernehmen hier, es ist eine neue Gruppe Gäste angekommen, du wirst draußen gebraucht.«

»Sicher?«

Ich nicke, obwohl mich niemand gefragt hat, und Jessy schaltet wieder in den Kellnerinnen-Modus, strafft die Schultern und lässt die hässliche Begegnung mit Robin hier bei uns zurück, als sie mit sicherem Schritt in den Gastraum geht. Erst jetzt rutsche ich wieder in Vios Fokus.

»Dein Bruder hatte es ja irre eilig wegzukommen.«

»Er hat noch einen Termin.«

»Scheint ja groß in Mode zu sein bei euch, oder?« Ihre Stimme verrät, dass sie in Angriffslaune ist, und mich überfällt plötzlich eine so große Müdigkeit, dass ich froh bin, nicht stehen zu müssen.

»Termine?«

»Das Schnell-Abhauen.«

Autsch.

»Das heute früh mit Jonas tut mir echt leid, Vio.«

»Wechselst du wirklich den Verein?«

»Ich habe mich noch nicht entschieden.«

Genau deswegen warten Duschgel, Shampoo und ein Handtuch auch noch immer im Spind der Umkleide keine zwanzig Meter von hier entfernt.

Vio nickt, legt den Stapel Bierdeckel zurück auf den Tisch und steht dann auf. Ich reiche ihr die Speisekarten und unsere Finger berühren sich zufällig und viel zu kurz.

»Ich würde dich hier nämlich vermissen.«

Sie sagt es so leise, dass ich mich mit einem Blick vergewissern muss, ob ich mich auch nicht verhört habe.

»Wirklich?«

»Was soll ich denn ohne meinen Fremdenführer machen?«

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