Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 35
Vio
Zwischen den anderen Bewohnern in ihren Bademänteln und Pyjamas fallen wir tatsächlich ein bisschen auf, trotzdem stehen wir alle gemeinsam hinter dem schnell ausgerollten Absperrband und sehen der Feuerwehr dabei zu, wie sie einen Kleidercontainer löscht, aus dem inzwischen nur noch dunkler Rauch und mieser Gestank kommen.
»Das Flammeninferno haben wir wohl knapp verpasst.«
Mone klingt enttäuscht, sie hat sich wohl mehr vom Einsatz der Dorffeuerwehr erhofft. Ich hingegen scanne die Gesichter der Leute, die mit uns die Szene begaffen. Auf der anderen Seite fällt mir der Mann von heute Morgen auf, der Typ, der Konstantin angesprochen hat. Falls er mich in der Zuschauergruppe wahrnimmt, scheint er mich nicht zu erkennen.
»Wer zündet bitte einen Klamottencontainer an?«
Mones Frage beschäftigt auch mich, aber für eine Antwort kenne ich die Lage in Walddorf zu wenig.
»Keine Ahnung.«
»Wir haben noch vor einigen Wochen eine große Sammelaktion gestartet und jetzt das.« Sie schüttelt den Kopf. »Ich habe mein altes Lieblingsshirt gespendet.«
»Davon ist wohl nicht mehr so viel übrig.«
»Wohl kaum.«
Auf der anderen Seite des Sperrbandes kommt jetzt auch noch die Polizei dazu und Mone zupft leicht an meinem Ärmel.
»Wir sollten verschwinden.«
»Wieso? Wir haben doch nichts gemacht.«
»Nee, aber wir senken den Altersdurchschnitt um 70 %. Rate, wen sie bestimmt als Erstes befragen.«
Sie schiebt ihr Rad aus der vordersten Reihe, von wo aus wir einen sehr guten Blick hatten, weiter in Richtung meines Zuhauses, und ich sehe mich ein letztes Mal um, bevor ich ihr folge und gegen einen jungen Mann pralle.
»Sorry.«
»Alles gut, nichts passiert.«
Es ist Robin, den ich sofort erkenne.
»Oh, hi.«
»Hi.« Er schaut an mir vorbei zum Tatort und mustert dann die Gruppe der Zuschauer. »Hast du Konstantin gesehen?«
Seine Frage erinnert mich daran, dass der vorhin einfach verschwunden ist.
»Nein. Er war eine Weile bei Mone, aber dann war er irgendwann weg.« Abgehauen.
»Weißt du, ob er alleine unterwegs war?«
Da ich ihn schon recht früh aus den Augen verloren habe, kann ich auch diese Frage nur mit einem Achselzucken beantworten.
»Ich erreiche ihn nicht und langsam fange ich an, mir Sorgen zu machen.« Robin wirft noch mal einen Blick auf sein Handy, aber selbst aus meiner Perspektive kann ich sehen, dass er nicht den erhoffen Anruf oder eine WhatsApp-Nachricht bekommen hat. »Um die Uhrzeit schleicht er meistens schon daheim rum.«
»Vielleicht ist er ja schon längst dort.«
»Nee, da komme ich gerade her.« Robin kratzt sich am Hinterkopf und sein besorgter Blick fällt auf mein Fahrrad. Sein Gesichtsausdruck verändert sich, was nicht mal die Dunkelheit vertuschen kann. »Ach, schau an. Du hast jetzt das Rad?«
»Konstantin hat es mir geliehen. Ich wollte es gleich morgen früh zurückbringen.«
Robin winkt ab, aber ich werde das Gefühl nicht los, es ist ihm nicht besonders recht, dass ich es spazieren fahre.
»Kannst es behalten. Jessy will es sicher nicht zurückhaben.« Ein gequältes Grinsen folgt, dann berührt er mich kurz an der Schulter und geht einfach weiter, ohne mich über die Person namens Jessy aufzuklären.
Konstantins scherzhafte Bemerkung, es wäre das Rad seiner Ex-Freundin, kommt mir wieder in den Sinn, und plötzlich bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es wirklich nur ein Witz war. Schnell ziehe ich mein Handy aus der Tasche und tippe eine weitere Nachricht an Konstantin.
Hey, Grisu, wo steckst du? Gerade könnten wir dich gebrauchen! Melde dich! X. Vio
Wenn er nicht auf Robins Kontaktversuche reagiert, dann vielleicht auf meinen.
»Kommst du?« Mone, die einige Meter weiter zum Stehen gekommen ist, sieht mich auffordernd an und ich schiebe Jessys Rad in ihre Richtung. »Was wollte Robin denn?«
»Der sucht Konstantin, weil er noch nicht daheim aufgetaucht ist.«
»Irgendwie sieht ihm das nicht ähnlich.« Sie bemerkt meinen fragenden Blick, bringt aber erst Abstand zwischen uns und den verkohlten Container, bevor sie weiterspricht: »Konstantin verschwindet nicht wortlos von Partys.«
»Vielleicht musste er nur mal ein bisschen den Kopf freikriegen.«
»Und wo soll er sein?«
Mitten im See auf einem Surfbrett, weil es tagsüber zu laut für seine Gedanken ist.
Doch statt das zu sagen und damit verraten zu müssen, wo wir gestern Nacht waren, zucke ich nur die Schultern und steige auf Jessys Rad, dessen Sattel sich plötzlich merkwürdig unter meinem Hintern anfühlt.
»Das war mal eine absolut hirnlose Aktion. So was kotzt mich echt an.« An der Art und Weise, wie Mone in die Pedale tritt, kann ich sehen, dass sie sauer ist, und schließe schnell zu ihr auf. »Wieso macht man so was? Das werde ich nie checken. Da waren echt gute Klamotten drin.«
Sie spricht sicher nicht nur über ihre Kleiderspenden, und ich bleibe stumm, lass sie ihre Wut ausspucken.
»Die Jungs haben sogar Nike-Schuhe gespendet!«
»Eure Jungs?«
»Klar. Das war eine Aktion fürs Flüchtlingsheim. Man hat doch immer Klamotten, die man nicht mehr trägt, obwohl sie noch voll okay sind, und die meisten schmeißen die dann irgendwann weg. Und bei Schuhen ist es nicht anders, die sortiert man später aus!«
»Das war also ein Container fürs Flüchtlingsheim?«
Sie sieht zu mir, findet meinen Blick auch in der Dunkelheit. Der Geruch von verbranntem Polyester, der in der Luft hängt, legt sich wie ein fieser Verdacht um meine Gedanken. Kopfschüttelnd vertreibe ich den Geruch, aber nicht das Gefühl.
»Ich weiß schon, was du jetzt denkst, Vio. Und ja, ich denke auch, dass es kein Zufall war.«
»Wäre zumindest ein sehr komischer Zufall.«
Wir biegen in unsere Straße ein, und Mone wird wieder langsamer, bis wir schließlich vor meiner Auffahrt zum Stehen kommen. Mones Stimme klingt leise, fast verschwörerisch, als sie weiterspricht.
»Wenn du willst, helfe ich dir dabei, rauszukriegen, was der Scheiß soll. Und wer dahintersteckt. Ich kenne hier jeden.«
Dabei war ich mir bis eben nicht mal sicher, ob ich wirklich wissen will, wer dahintersteckt. Von Konstantin fehlt jede Spur, Jonas und seine Jungs haben sich die Poleposition auf meiner Verdächtigenliste erkämpft und dabei will ich mich in Walddorf einfach nur wohl fühlen.
»Das ist vielleicht keine so gute Idee. Sollten wir das nicht der Polizei überlassen?«
»Die hat ja bisher auch voll den Durchblick.« Noch immer zögere ich, aber Mone hat die Entscheidung schon längst für uns beide getroffen. Sie beugt sich über ihren Lenker zu mir rüber, sieht mir direkt in die Augen. »Bringen wir mal ein bisschen frischen Wind in die Sache.«
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