Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 29
Vio
Wir radeln stumm nebeneinander her.
In einer Gruppe von sechs Leuten.
Wir brauchen die gesamte Fahrbahn, was niemanden stört, weil uns kein Auto entgegenkommt und wir nur mal einen Traktor überholen müssen.
Kaum waren Jonas und seine Kumpels verschwunden, stieg auch die Laune am See wieder. Wir haben Frisbee gespielt, und die Jungs wollten uns mit ihren Kunstwürfen beeindrucken, weshalb jetzt Holgers Knie aufgeschrammt ist. Beim Versuch, einen absurd flachen Wurf von Konstantin aufzufangen, ist er stattdessen über den kiesigen Teil des Strandes geschlittert. Nicht, dass ihn das stört, er trägt die Verletzung mit Stolz und hat unsere Aufmerksamkeit vorhin deutlich genossen.
»Sorry, wegen Jonas.« Konstantin lenkt seinen Drahtesel wieder sehr dicht an meinen, ich weiche ihm ein bisschen aus, ohne das Rudel der Räder zu verlassen.
»Bist du jetzt sein Bote?«
»Nein.«
»Dann warte ich darauf, bis er sich persönlich bei mir entschuldigt, wenn du nichts dagegen hast.« Was er nicht tun wird, das ist uns beiden klar.
»Bist du irgendwie sauer auf mich?«
Schon am See habe ich es vermieden, mich mit Konstantin auf ein Gespräch einzulassen, erst mal musste ich ein bisschen sortieren, wieso ich so sauer bin.
»Weil du wieder nur die Klappe gehalten hast? Nö. Inzwischen habe ich begriffen, dass das eben deine Art ist. Du bist der ohne Meinung, das ist total in Ordnung.«
Das möchte Konstantin dann aber doch nicht auf sich sitzen lassen und verteidigt sich: »Ich habe schon eine Meinung. Ich halte nur nichts davon, sie jedem aufdrücken zu wollen.«
»Also behältst du sie für dich, weil sie ein Geheimnis bleiben soll?«
»Nee.«
»Ich finde Jonas’ Meinung beschissen, aber wenigstens hat er eine.« Kurz trete ich etwas fester in die Pedale, pralle dank dieser Aktion aber fast in Mones Hinterrad, die direkt vor mir radelt.
»Ich wusste einfach nicht, dass es so wahnsinnig wichtig ist, eine ausgefeilte politische Meinung zu allem zu haben, wenn man neue Freundschaften schließen will.«
Das klingt nur halb ironisch und halb so, als würde sich Konstantin eventuell tatsächlich den Kopf zerbrechen.
»Nur, weil wir die Generation Greta sind, müssen wir doch auch nicht wegen allem, was da draußen schiefläuft, auf die Straße gehen.«
Jetzt ist er es, der fast gegen Mones Rad prallt, weil diese vor ihm in die Bremsen steigt.
»Ist das dein Ernst, Konstantin?« Sie wirft ihm über die Schulter einen reichlich irritierten Blick zu.
»Na ja, ich meine, ich finde es scheiße, dass der Amazonas brennt oder Menschen verhungern. Und ja, ich finde es auch scheiße, dass so was an Mauern geschmiert wird. Aber muss man sich denn immer lautstark dazu äußern? Nervt das nicht irgendwann?«
»Ich nerve lieber, indem ich laut bin, als dass ich still zusehe, wie andere lauthals eine Scheiß-Message rumgrölen!«
»Aber hier ist es doch gar nicht so schlimm.«
»Hier?«
»Bei uns. In Walddorf. Hier ist es einfach ruhig und alle kommen gut miteinander klar.«
»Mann, ey, Konny, du lebst echt in deiner eigenen kleinen Welt, oder? Hier ist nicht alles eitel Sonnenschein, sobald man selbst ein bisschen aus dem Raster fällt! Dann kann es richtig beschissen werden!« Mone funkelt ihn verletzt an, bevor sie wieder in die Pedale tritt, uns abhängt und zu Holger und den anderen aufschließt.
»Was ist denn nur an einer kleinen Welt so verkehrt? Ich check es einfach nicht!«
»Nichts, Konstantin. Gar nichts. Sie bleibt nur nicht so heil, wie du sie dir wünschst, wenn die anderen immer lauter werden und wir weiter leise bleiben.«
Das gibt ihm zu denken, er sagt nichts mehr, sieht konzentriert auf den Asphalt vor seinem Vorderrad, wo die Zukunft sich abspielt.
»Unterm Strich musst du dich einfach fragen, ob du es okay findest, was die anderen machen. Wenn du damit leben kannst …« Ich zucke die Schultern und warte, ob er nachfragt oder antwortet, aber Konstantin sieht noch immer stur auf den Boden. »… dann weiß ich ja Bescheid.«
»Ich finde nur, dass man sich auch nicht überall einmischen muss. Das ist alles.«
»Na, das ist zumindest mal ’ne Meinung.«
»Also ich bin ein Idiot, weil ich nicht jeden Freitag mit Plakaten auf die Straße gehe?«
»Nee. Du musst selber wissen, wo bei dir die Grenze überschritten wird.«
»Wann wird sie denn bei dir überschritten?« Er sieht zu mir, sein Blick ehrlich interessiert und dabei doch so unendlich weit weg.
»Wenn mich jemand Zigeunerin nennt, wenn jemand Witze über meine Familie, ihre Herkunft oder die nicht perfekte Aussprache meines Vaters macht. Wenn ausländerfeindliche Scheiße irgendwo hingesprüht wird, wo ich Zuhause sein will. Wenn Freunde zusehen, wie andere sich über mich lustig machen, weil ich für sie nicht hierhergehöre. Wenn ich Angst kriege, weil hinter mir Leute aus der S-Bahn steigen, die sich vorher ausländerfeindlich geäußert haben …« Mir fallen noch andere Beispiele ein, aber ich behalte sie für mich, weil Konstantin sie nicht verstehen würde. Nicht, ohne dass ich ihn über die Hintergründe aufkläre, und das möchte ich nicht. »Wenn ich nicht dazugehöre, weil mein Nachname fremd klingt.«
»Der klingt nicht fremd.«
Ich lache, weil er nett sein will, aber ich erinnere mich zu genau an die Gesichter der anderen, als ich ihnen meinen Nachnamen zum ersten Mal genannt habe.
»Wie dem auch sei, das sind meine Grenzen. Und deine?«
Konstantin denkt nicht mal darüber nach, sieht mir direkt in die Augen, ernst und klar.
»Wenn dir jemand wehtun oder Angst machen würde.«
Das erwischt mich kurz eiskalt, und ich will ihm sagen, dass Jonas das bereits getan hat. Jonas und auch meine alte Clique aus München. Aber ich kriege es nicht über die Lippen, weil es sich irgendwo in meinem Rachen verheddert, so wie immer.
Mone ist es schließlich, die den Moment unterbricht, als sie sich wieder zu uns zurückfallen lässt.
»Leute, egal, wie wir morgen die Welt verändern wollen, heute Abend wird der Partykeller meiner Eltern erst mal auf links gedreht.« Sie zwinkert uns grinsend zu. »Ganz unpolitisch, versteht sich natürlich.«
OceanofPDF.com