Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 24
Konstantin
Auch wenn das meiste der schwarzen Farbe wirklich nur noch blass zu sehen ist, kann man den ehemals hingesprühten Spruch immer noch nur zu genau lesen.
Die Räder haben wir im hohen Gras liegen gelassen, gehen jetzt – in sicherem Abstand – um die verlassene Baustelle, auf der schon seit Wochen nur sporadisch gearbeitet wird.
»Das ist ja eine richtig herzliche Willkommensbotschaft.« Vio, die Hände in die Hüften gestemmt, betrachtet die Worte, und ich schäme mich plötzlich dafür, als hätte ich sie da hingeschmiert.
»Das waren nur irgendwelche Idioten.«
»Ich dachte, die gibt es hier nicht.« Sie tritt einen kleinen Stein so wütend in Richtung Baustelle, dass er heftig von einer der Paletten abprallt und dann wie erschlagen liegen bleibt.
»Solche Typen gibt es doch überall.«
Das zumindest sagt Papa immer beim Abendessen, wenn wir Berichte über Demonstrationen in irgendwelchen Städten in den Nachrichten sehen. Die Tatsache, dass es von Bericht zu Bericht mehr zu werden scheinen, ignorieren wir dabei gekonnt.
»Macht es aber nicht zwingend besser.« Vio ist sauer, das ist nicht zu übersehen, und ich bereue, dass wir hierhergekommen sind.
»Sollen wir weiter?«
Doch sie hört mir schon nicht mehr zu, hat ihr Handy gezückt und macht Fotos von den Graffiti-Resten. Wenn man das so nennen will.
»Beweisaufnahme?«
»So in der Art.« Sie tippt, noch immer ziemlich aufgebracht, etwas in ihr Handy und dreht sich dann triumphierend lächelnd zu mir. »Ich finde, dass muss man publik machen.« Sie hält mir das Display entgegen, lässt mich das Foto in ihrer Instagram-Story sehen. Keine Ahnung, welchen Filter sie benutzt hat, aber nun kann man die Worte Ausländer raus auf der fast fertigen Wand der Baustelle deutlich lesen. Die Mühe von Manfred und den Jungs ist offenbar umsonst gewesen. »Ebenso wie das, was man davon hält.«
Vio hat ihre Story noch mit dem Hashtag #fcknzs versehen, und ich spüre ein unangenehmes Kribbeln auf meiner Haut, das sich langsam einen Weg meine Wirbelsäule entlang nach oben erkämpft.
»Macht es nur nicht ungeschehen.« Mein Kommentar ist nicht das, was sie erwartet hat, und ich suche hektisch nach einer anderen Formulierung.
»Drüber schweigen ist sicher nicht die Alternative. Oder wie stehst du dazu, Konstantin?« Sie deutet auf die Buchstaben, die ein klar fremdenfeindliches Statement bilden, und ich schiebe die Hände in die Hosentaschen. Wie immer, wenn ich nicht weiß, was genau von mir erwartet wird.
»Ich finde es halt scheiße. Also, alles. Den Vandalismus, das Beschmieren, das muss nicht sein.«
»Ganz richtig. Es ist nämlich rassistische Scheiße.«
»Da stimme ich dir zu.«
Aber Vio scheint nicht überzeugt und stapft lieber zurück zu den Fahrrädern, was ich als Aufforderung verstehe, endlich von hier zu verschwinden. Zusammen mit dem blöden Verdacht, dass ich vielleicht nicht nur Robins Alibi für gestern Nacht, sondern auch diesen hirnlosen Mist bin.
»Weißt du, Konstantin, wenn du so lange mit der Frage Wo kommst du wirklich her? gelöchert wirst, bis du es nicht mehr hören kannst, dann nimmst du solche Aktionen irgendwann einfach persönlich.« Sie atmet tief aus, ballt die Fäuste, und ich befürchte schon, sie wird jeden Moment losbrüllen, aber sie tut gar nichts. Steht einfach nur da, zitternd vor Wut oder Enttäuschung, und ich warte, bis diese Emotionswelle vorbei ist und sie wieder zu mir sieht. »Und du hast recht, solche Idioten gibt es überall. Aber eine absurde, romantische Vorstellung hat mir vorgegaukelt, dass so was in eurem kuscheligen Dorf nicht möglich wäre.«
»Ist es ja auch nicht.«
Sie zieht nur eine Augenbraue nach oben und lässt mich damit wissen, dass sie das anders sieht.
»Bevor sie mit dem Bau dieses Flüchtlingsheims angefangen haben, meine ich, bis dahin war hier alles echt entspannt.«
»Ach so ist das. Aber sobald sie dann in echt in euer beschauliches Dorf kommen sollen, ist es vorbei mit entspannt, und das ist okay?«
»Nein.« Ich weiß nicht genau, wie ich aus der Nummer wieder rauskommen kann, ohne mich dabei um Kopf und Kragen zu reden. »Was ich sagen will, ist Folgendes.« Jetzt nur die richtigen Worte in der korrekten Reihenfolge rauskriegen, Konstantin.
Mein Blick fällt auf den Boden vor meinen Füßen, wo sich deutliche Radspuren in die Erde gedrückt haben. Sie passen nicht so recht zu den anderen hier, die von Autos und Baustellenfahrzeugen stammen, dafür sind sie zu schmal.
»Ich höre.«
Vio sind die Spuren entweder nicht aufgefallen oder ihr fehlt mein Wissen, das gerade ziemlich druckvoll meinen Brustkorb zusammenquetscht: zu schmal für Autoräder, zu dick für Fahrradreifen. – Das sind ganz klar Spuren von Rollern.
»Ähm.« Schnell schlucke ich die Übelkeit runter, bevor mein Frühstück und die Scham einen Weg nach draußen finden. »Die Leute hier sind in Ordnung.«
»Das wiederholst du wie ein Mantra, aber meine Wahrnehmung ist eine andere.« Wieder deutet sie auf den Spruch an der Betonwand, und all meine Argumente prallen hart daran ab, bis ich mich geschlagen geben muss und langsam nicke.
»Sicher, einige hauen hier auch mal einen dummen Spruch raus, aber den meinen sie meistens nicht so.«
»Lass gut sein, Konstantin.« Zu meiner Erleichterung geht sie an mir vorbei zu den Rädern, hebt ihres auf und steigt auf den perfekt eingestellten Sattel. »Können wir bitte weiterfahren?«
Wenn sie wüsste, wie gerne ich ihrer Aufforderung folge.
Den ganzen Weg, während wir zwischen den Feldern hindurchfahren, drehen sich meine Gedanken um diese blöden Reifenspuren, die so perfekt zur Vespa meines Bruders und den Rollern seiner Kumpels passen.
Bin ich Robins Alibi für gestern Nacht? Für diese Aktion?
»Wo wollen wir eigentlich hin?«
Mein Plan, mit ihr zum Altrhein zu fahren, um dort mit der kleinen Fähre auf die andere Seite überzusetzen, werfe ich spontan über den Haufen, weil ich unbedingt mit Robin reden will.
»Ich dachte, wir könnten zum See.«
Die Enttäuschung auf ihrem Gesicht ist nicht zu übersehen, aber ich kann ihr nicht erklären, dass mein Bruder vermutlich einer der Idioten war, die gestern Nacht diesen Scheißspruch da hingesprayt haben. Sie würde ausrasten und mich im hohen Bogen aus ihrer Freundesliste werfen. Und zwar von der im echten Leben, nicht die Online-Version.
»Okay. Klar.«
»Die anderen sind sicher auch dort.«
»Dann können wir die ja vielleicht befragen.«
»Hm?«
Sie fährt direkt neben mir auf dem schmalen Feldweg, unsere Lenker berühren sich fast, und trotzdem kommt sie mir so weit weg vor.
»Na ja, die sind nach der Party doch weitergezogen. Wer weiß, was sie noch so getrieben haben.«
»Du denkst nicht wirklich, dass sie was mit der Aktion auf der Baustelle zu tun haben?!«
»Wieso nicht?«
So abrupt, wie ich abbremse, hinterlasse ich sicher eine tiefe Furche im Weg, und Vio kommt erst einige Meter später zum Stehen, sieht mich überrascht über die Schulter hinweg an.
»Du verdächtigst also einfach mal so meine Freunde?«
»Das habe ich nicht gesagt.«
»Aber gemeint!«
»Nein. Aber vielleicht haben sie ja was Auffälliges bemerkt.«
»Meinst du nicht, dass diese ganze Kiste Sache der Polizei sein sollte?«
Meine Stimme überschlägt sich etwas, und ich habe Mühe, all meine Emotionen im Zaum zu halten.
»Weshalb bist du plötzlich so nervös?«
Weil ich dieses Scheißgefühl nicht loswerde, verdammt!
»Ich bin nicht nervös! Aber du stolperst in mein Leben, stellst alles auf den Kopf und verdächtigst meine engsten Freunde, Rassisten und Idioten zu sein.«
Daraufhin sagt sie nichts, sieht mich nur quälend lange an und wartet – und ich weiß nicht genau, worauf.
»Okay. Du kennst sie schließlich länger, wenn du also sagst, dass sie es nicht waren, glaube ich dir.«
»Walddorf ist nicht der einzige Ort auf der Welt, wo die Leute nicht begeistert davon sind, dass Fremde in ein solches Heim ziehen sollen.«
»Natürlich nicht.« Ihre Stimme klingt kühl und deutlich besonnener als meine. »Aber erklär mir mal, wieso du nicht begeistert davon bist, dass Fremde hier in ein solches Heim ziehen.«
Mir fallen die Dinge ein, die am Stammtisch beim Surfklub gesagt werden, die Seitenhiebe von Jonas oder Robin und manchmal auch die Sätze meines Vaters, wenn wir beim Abendessen kurz dieses Thema anschneiden. Aber nichts davon will ich jetzt wiederholen, stattdessen durchforste ich mein eigenes Gehirn nach einer Erklärung, wieso es mich stören könnte, und bemerke an der Dauer der Zeit, die ich dafür brauche, dass mir kein triftiger Grund einfällt. Und so sage ich das, was jeder sagt: »Wegen der Jobs. Es gibt hier nicht gerade die breiteste Auswahl.«
»Du meinst also, ein syrischer Flüchtling könnte dir deinen Ausbildungsplatz wegnehmen?«
»Wäre doch denkbar.«
»Dann spricht das für ihn und gegen dich, meinst du nicht?«
»Da hast du vermutlich recht.«
»In der vierten Klasse hat meine Lehrerin mir gesagt, dass sie mich nicht aufs Gymnasium schicken kann, weil ich dann einem Muttersprachler den Platz wegnehmen würde.« Die Erinnerung daran sorgt bei Vio für feuchte Augen, was sie sich aber nicht anmerken lassen will. »Ich bin Muttersprachlerin, aber das hat sie nicht interessiert, weil mein Name was anderes vermuten lässt.«
Meine Kehle ist so trocken wie die Felder um uns rum.
»Nehme ich dir also vielleicht auch den Ausbildungsplatz weg?«
»Nein. Natürlich nicht.«
»Wenn du ein Problem damit hast, dass Ausländer in die Nähe eures feinen Ortes kommen, dann sollten wir uns vielleicht nicht mehr so oft sehen.« Sie steigt vom Rad, stellt es ab und geht einfach los. In die falsche Richtung, aber das weiß sie nicht.
»Vio!«
»Ist schon okay, es ist nicht das erste Mal, dass mir so was passiert, Konstantin. Ich bin es gewohnt.«
Die Bitterkeit in ihrer Stimme trifft mich härter, als ein Magenschwinger es tun könnte, und ich radele ihr schnell hinterher, aber sie denkt nicht mal daran, stehen zu bleiben.
»Es tut mir leid. Ehrlich gesagt habe ich mir nie wirklich Gedanken darüber gemacht. Es ist mir eigentlich total egal.«
»Aber?«
»Die anderen …« Dabei weiß ich selber nicht mal genau, wen ich mit die anderen so genau meine. Es ist ja nicht so, als ob meine Freunde differenzierte Meinungen zu dem Thema hätten. »Ich habe mich irgendwie von der Stimmung anstecken lassen.«
»Wie schade.«
»Hör zu, es tut mir leid.« Ich berühre sanft ihre Schulter und sie bleibt endlich stehen. »Ich mag dich, Vio. Ich mochte dich vom ersten Moment an, dabei weiß ich eigentlich nur über dich, dass du Angst hast, die Schule abzufackeln oder hier verloren zu gehen.«
Ein kurzes Lächeln, Ansporn genug, um weiterzureden.
»Ich würde dich gerne besser kennenlernen, mit dir Zeit verbringen, dir zeigen, dass es hier zwischen den Idioten auch Nicht-Idioten gibt.« Schnell ziehe ich den Rucksack von meinen Schultern und öffne den Reißverschluss. »Und falls du tatsächlich Bedenken haben solltest, ob ich okay bin oder nicht …« Zwischen meinen Badeshorts, der Sonnenmilch und der Wasserflasche finde ich den gefalteten Zettel, den ich heute Morgen in Papas Büro kopiert habe, und reiche ihn Vio. »… dann kann dich das hier vielleicht überzeugen.«
»Was ist das?« Sie nimmt das Papier an und faltet es auseinander.
»Mein polizeiliches Führungszeugnis.«
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