Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 53 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 52

 

Konstantin

 

Robins Zimmer ist leer, sein Bett unberührt. Gestern Nacht habe ich darauf gewartet, dass er heimkommt, aber irgendwann zwischen dem Warten auf Vios Antwort und dem Hoffen, Robin käme mit einem wasserdichten Alibi nach Hause, bin ich dann wohl doch eingeschlafen.

Selbst jetzt, um kurz nach neun Uhr morgens, fehlt von Robin nach wie vor jede Spur.

Im Pyjama und mit piependem Ohr mache ich mich auf den Weg nach unten in die Küche, wo meine Eltern sitzen und sich offenbar über die letzte Nacht unterhalten. Vor der Tür bleibe ich stehen und lausche, so wie früher, wenn sie die Länge unseres Hausarrests miteinander verhandelt haben.

»Ich habe einfach ein ungutes Gefühl. Wie soll man sich nach so was noch sicher fühlen?«

»Sie werden wohl kaum tagsüber einen Anschlag dort verüben.«

Ausgerechnet Mama versucht Papa zu überzeugen, das ist ja mal was Neues.

»Natürlich nicht, aber unser Sohn scheint sich da ja auch nachts rumzutreiben.«

»Er ist eben verliebt.«

Es ist mir peinlich, dass Mama das sagt, auch wenn es der Wahrheit entspricht.

»Das hat uns gerade noch gefehlt.«

»Er ist siebzehn. Hast du geglaubt, er bleibt ewig ein Kind?«

»Was spricht denn gegen Isabell? Die ist doch auch ein nettes Mädchen.«

Mein Nacken spannt sich an.

»Er mag Vio eben mehr.«

Darauf sagt Papa nichts, und ich beschließe, nicht länger von diesem Gespräch ausgeschlossen zu bleiben. Doch gerade als ich die Küche betreten will, öffnet sich die Terrassentür hinter mir und Robin taucht auf. Noch immer trägt er die Klamotten vom Vortag, und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hat er eine ebenso miese Nacht erlebt wie ich.

»Wo warst du?« Sofort mache ich ein paar Schritte auf ihn zu, schleudere ihm die geflüsterte Frage entgegen, aber er winkt nur müde ab, will wortlos die Treppe nach oben nehmen, doch ich stelle mich ihm in den Weg. Diese verdammte Ahnung, wie und wo er seine Nacht verbracht hat, hält mich in einem wütenden Klammergriff.

»Wo ist das Gewehr?«

»Wo soll es schon sein? Da, wo es hingehört.«

Damit will er mich zur Seite schieben, aber ich wehre ihn ab und versuche mich so breit wie möglich vor ihm aufzubauen.

»Warst du das?«

»War ich was?«

Seine Augen sind trüb, irgendwas belastet ihn und mir zieht sich der flaue Magen nur noch weiter zusammen.

»Gestern Nacht wurde auf die Gaststätte beim Unitas geschossen.« Während ich das sage, behalte ich ihn genau im Blick, bereit, jede noch so kleine Reaktion in seinem Gesicht zu bemerken, aber er zuckt nur gelangweilt die Schultern.

»Und?« Er muss meine Enttäuschung über seine Antwort bemerkt haben, steht aber weiter nur unberührt von all dem einfach da.

»Vio und ich waren dort.«

Kurz scannt sein Blick mein Gesicht, dann den Rest von mir.

»Aber euch ist nichts passiert, oder?«

»Nein.«

Er wirkt erleichtert, hält sein Pokerface aber aufrecht.

»Hör zu, ich bin hundemüde und habe keinen Bock auf Anschuldigungen um diese Uhrzeit und vor dem ersten Kaffee.«

»Du warst es also nicht?«

»Vio hat dir ja ganz schön den Kopf verdreht, hm? Beschuldigst schon deinen Bruder. Wer kommt als Nächstes? Deine Freunde, die du ein ganzes Leben lang kennst?«

»Nee. Aber vielleicht deine Freunde.«

»Du hängst doch jetzt so gerne mit denen ab.«

»Neidisch?«

Kurz zuckt er in meine Richtung, und ich erwarte fast, dass er mir eine knallt, aber dann schüttelt er nur mitleidig den Kopf, was fast noch mehr schmerzt.

»Träum weiter.«

Heftiger als nötig schubst er mich zur Seite, dabei pralle ich gegen die Kommode und greife nach seiner Schulter, will meinen Sturz abfangen und ihn gleichzeitig so nicht davonkommen lassen. Aber Robin ist urplötzlich superwütend, so unglaublich wütend, dass er herumwirbelt und seine Faust mich knapp neben dem rechten Auge trifft.

Blitze und Dunkelheit wechseln sich ab, als ich Halt suchend die komplette Kommode abräume.

Hinter mir wird genau in dem Moment, als ich auf den Boden knalle, die Küchentür aufgerissen und die Gesichter meiner Eltern tauchen über mir auf. Robin, die Hand noch immer zur Faust geballt, steht vor ihnen, komplettiert dieses Bild des absoluten Chaos.

»Was ist denn hier los?«

Das Pochen in meinem Gesicht legt mein Sprachzentrum lahm und so muss Robin eine passende Erklärung abliefern.

»Konny denkt, ich hätte gestern geschossen.«

Tue ich das wirklich? Oder habe ich nur panische Angst davor, es könnte so sein? Wie er das am Flüchtlingsheim ja auch war.

»Ja sag mal, wie kommst du denn auf so einen Mist?«

Keine Ahnung. Vielleicht weil er rassistische Sprüche an Baustellen schmiert, mit Jonas dicke ist oder wegen des kurzen Agro-Moments mit Jessy vor den WCs in der Gaststätte?

So, wie er jetzt vor mir steht, schwer atmend und unglaublich weit weg, weiß ich gar nicht, ob ich meinen Bruder überhaupt noch kenne.

Mir ist etwas schwindelig, als ich aufstehe und mich an der Wand abstütze. Robin aber ist in voller Fahrt und deutet auf mich: »Er glaubt, ich hätte das Gewehr aus dem Schützenverein geklaut!«

Schwachsinn. Ich habe es quasi geklaut und er weiß das. Papa berührt sanft meine Schulter, aber mich durchfährt es wie ein Stromschlag.

»Du kannst doch nicht einfach mit solchen Anschuldigungen um dich werfen, Konny.« Mama stehen Tränen in den Augen, weil sie es hasst, wenn ihre Familienharmonie gestört wird. Früher hat sie beim Mensch ärgere dich nicht absichtlich so gespielt, dass sie niemanden rauskicken musste, und hat uns gewinnen lassen. Alles für den Hausfrieden, aber der wird gerade ordentlich erschüttert. »Lass dir so einen Unsinn doch nicht einreden.«

»Niemand redet mir was ein.« Kurz betaste ich die Stelle an meiner Wange, wo mich Robins Schwinger voll erwischt hat. »Ich kann doch wohl sagen, was ich denke.«

Robin schnaubt verächtlich, und ich verstehe nicht, wieso seine Wut sich plötzlich so sehr gegen mich richtet.

»Bis diese Vio hier eingefallen ist, ist dir ziemlich viel am Arsch vorbeigegangen, und jetzt rennst du durch die Gegend und hast zu allem eine Meinung.«

»Vielleicht denke ich jetzt halt auch mal nach.«

Robin funkelt mich wütend an, bleibt aber, wo er ist.

»Dann denk mal etwas genauer nach. Ich war es nämlich nicht.« Und damit stapft er die Treppe hoch und schleudert die Zimmertür lautstark hinter sich zu. Zurück bleiben Mama, Papa und mein schmerzendes Gesicht.

»Konstantin, uns wäre wohler, wenn du dich erst mal ein bisschen fernhältst.«

»Von was denn?«

Papas Hand landet zwischen meinen Schulterblättern, sanft und bestimmt zugleich.

»Von Menschen, die dir nicht guttun.«

Klasse. Wie dämliche Glückskekse hauen sie alle ihre unverbindlichen Weisheiten raus, damit ihnen hinterher keiner vorwerfen kann, sie hätten mir die Entscheidung abgenommen. Woher soll ich denn noch wissen, wer mir guttut und wer nicht, wenn sich mein ödes Leben von jetzt auf nachher in einen beschissenen Actionstreifen verwandelt?

»Ich muss an die frische Luft.« Vergessen die Tatsache, dass ich noch immer meine Schlafklamotten trage und barfuß unterwegs bin. Raus, einfach raus. Da Robin dankenswerterweise die Terrassentür offen gelassen hat, nehme ich den Weg, auf dem er eben reingekommen ist.

Es ist schon viel zu warm, wenn man bedenkt, wie früh es ist. Der Asphalt brennt unter meinen nackten Füßen, und ich kann mir vorstellen, wie sich alle wild das Maul darüber zerreißen werden, dass ich so durchs Dorf geschlendert bin. Konstantin Wagenfeld, Mr Tadellos, der so langweilig und nichtssagend ist, dass es keine besseren Stories über ihn gibt.

»Wow, schicker Look, Konny!« Marco und Holger radeln an mir vorbei, werden langsamer, halten aber nicht an. »Bist du nicht zu alt für Pyjamapartys?«

»Sehr witzig.« Bevor ich fragen kann, ob ich kurz ihr Handy benutzen darf, radeln sie weiter, lassen mich einfach so zurück, und ich warte, bis sie weit genug weg sind, bevor ich ihnen den ausgestreckten Mittelfinger zeige.

»Kollege, alles klar bei dir?« Jonas’ Stimme erreicht mich von der anderen Straßenseite, als ich bereits fast am einzigen Kreisverkehr der ganzen Gegend angekommen bin. Er hat eine Bäckertüte in der einen und einen Kaffeebecher in der anderen Hand. Auf noch jemanden, der sich über mich lustig macht, habe ich gerade wenig Bock.

»Scheißtag.«

»Was haben sie denn mit dir gemacht?« Ohne die Straße zu checken, kommt er einfach zu mir rüber, und mir fällt ein, dass ich zu meinem sonderbaren Outfit ja auch noch das Veilchen spazieren trage. Knapp vor mir bleibt er stehen und drückt mir wortlos den Becher in die Hand.

»Wow. War das deine kleine Ausländerfreundin?«

»Ach, halt die Klappe.« Gerade bin ich so sauer, dass es mir vollkommen egal ist, an wem ich diese Wut auslassen kann. Jonas kommt mir gerade recht, aber der hebt nur sofort abwehrend die Hände und macht einen kleinen Schritt zurück.

»Chill mal. Wenn du Dampf ablassen willst, bin ich die falsche Zielscheibe.«

Da bin ich mir gar nicht so sicher und atme zum ersten Mal, seitdem ich von zu Hause verschwunden bin, tief durch. Und dann gleich noch mal, weil es guttut.

»Kannst den Kaffee haben. Siehst so aus, als bräuchtest du ihn dringender als ich.«

Nicht, dass meine Herzrate nicht auch ganz ohne eine Extrazufuhr von Koffein schon am Anschlag wäre. Trotzdem gönne ich mir einen vorsichtigen Schluck und lasse den leicht bitteren Geschmack auf meiner Zunge die anderen Empfindungen übertrumpfen.

»Besser?«

»Bisschen.«

»Und wo willst du hin?« Er deutet auf meine nackten Füße und die gestreifte Pyjamahose.

»Keine Ahnung.« Wir müssen ein Bild für die Götter abgeben.

»Komm schon, frühstücken wir erst mal.« Ohne auf eine Antwort zu warten, marschiert er los und erwartet, dass ich ihm folge. Dabei war Jonas nicht der Mensch, den ich als Ziel im Kopf hatte, als ich geflüchtet bin. »Na komm schon. Ich leih dir auch was aus meinem Kleiderschrank.«

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