Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 27
Vio
Hey, warte mal!«
Mones Schritte, die mir folgen, klingen wie Applaus, wenn ihre nackten Sohlen auf die Flipflops klatschen. Ich habe mein Zeug gepackt und beschlossen, mich auf meinen Orientierungssinn zu verlassen. Irgendwie finde ich schon nach Hause.
»Habe es eilig.« Mein wütender Gang unterstreicht meine Aussage und spiegelt meine Gefühle perfekt wider.
Mone schiebt sich auf dem Trampelpfad an mir vorbei und versperrt mir den Weg.
»Was ist denn passiert?«
»Ich mag diesen Jonas nicht.«
Sie nickt verständnisvoll, legt ihre Hände auf meine Schultern und sieht mich direkt an.
»Willkommen im Klub. Aber wenn du jetzt die Biege machst, fühlt er sich nur bestätigt.«
»Was?«
»Der provoziert immer. Egal, um was es geht. Er bejubelt den Fußballverein, den alle doof finden, hört die Musik, die uns zu assi ist, und quatscht den lieben langen Tag nur Bullshit.« Mit einem Schulterzucken tut sie das alles ab. »Wenn du jetzt gehst, fühlt er sich wie der König der Welt.«
»Ich kann doch nicht dasitzen und ihn rassistische Scheiße reden lassen.« Bevor sie Luft holen und etwas sagen kann, schüttele ich so sehr den Kopf, dass Wassertropfen aus meinen nassen Haaren wie kleine Geschosse durch die Gegend fliegen. »Ich kann da nicht zuhören, es betrifft ja auch mich.«
Jetzt sagt Mone mal nichts und macht auch keine Anstalten, irgendwas zu erwidern.
»Und übrigens auch dich.«
»Mich?«
»Ja. Er hat ein Problem mit Ausländern.«
»Ich bin in Walddorf geboren, für Jonas bin ich keine Ausländerin.«
»Verstehe.«
»Und du bist maximal Bayerin für ihn. Aber sicher keine Ausländerin. Es sei denn, du möchtest das unbedingt sein.«
»Wie meinst du das?«
»Es ist doch echt scheißegal, wo wir herkommen. Oder die Eltern unserer Eltern. Wir sind jetzt alle hier. Und wenn Jonas das nicht passt, dann sollte er gehen und nicht du.« Sie greift nach dem Rucksack in meiner Hand und nimmt ihn mir ab. »Also komm zurück, Konstantin wäre sonst untröstlich.«
»Hat der überhaupt ’ne Meinung zu irgendwas?«
Sie atmet schwer aus, und ich spüre, wie meine Wut sich inzwischen gegen alles und jeden richtet.
»Konstantin ist eher ein stiller Typ. Er will nicht auffallen und wird sich bestimmt nicht zu großen Reden aufschwingen. Wenn er dir politisch nicht aktiv genug ist oder so was, dann lass es einfach.«
»Was lassen?«
»Mit ihm rumhängen, ihm Hoffnungen machen. Er verknallt sich nicht schnell, eigentlich nie, und hier sitzen eine Menge Mädchen, die ihn toll finden. Aber er hat nur Augen für dich.«
Wieder muss ich an Isabells Vorwürfe denken, wieder kratzen die Erinnerungen an der Hintertür zu meinem Kopf, wieder ignoriere ich sie.
»Vielleicht sollte ich dann wirklich nicht mehr so viel mit ihm rumhängen.«
»Spitze, so hast du ja vielleicht mal Zeit für mich. Ich bräuchte nämlich noch ein paar Tipps, was München angeht.« Mit meinem Rucksack in der Hand macht sie langsam ein paar Schritte rückwärts, weiß, dass sie mich schon überzeugt hat. »Also, kommst du zurück oder lässt du Jonas etwa gewinnen?«
Sie macht das ziemlich geschickt, weckt die kleine Rebellin in mir, die ganz sicher nicht will, dass dieser schmierige Typ sich in seiner Annahme, mich vergraulen zu können, bestätigt fühlt, und so folge ich Mone, die das mit einem zufriedenen Lächeln quittiert.
»Stört es dich wirklich gar nicht?«
»Sein Geschwätz? Ich höre seit Ewigkeiten nicht mehr zu. Er denkt ja auch, die gesamte weibliche Bevölkerung müsste ihm und seinem Charme erliegen.« Eine wegwerfende Handbewegung lässt mich wissen, was sie davon hält. »Ich würde ihm nicht so viel Bedeutung beimessen.«
»Glaubst du, er war das mit den Schmierereien an dem Flüchtlingsheim?«
»Keine Ahnung, es gibt einige, die darauf keinen Bock haben. Immer hörst du irgendwelche Schauergeschichten, wenn es darum geht.« Sie deutet meinen fragenden Blick richtig und klärt mich auf. »In Ottersfeld gingen angeblich die Zahlen für Einbruch und Sachbeschädigung hoch, seitdem es dort ein Heim gibt. Aber komischerweise kennt niemand jemanden, der ausgeraubt wurde. Trotzdem wird es rumerzählt.« Sie deutet auf den Strand, der wieder vor uns auftaucht. »Walddorf ist wie eine Miniversion von Twitter. Alles wird retweeted, ohne die Fakten zu checken.« Dann tippt sie sich an die Stirn. »Also müssen wir den Faktencheck hier drin machen. Und jemand wie Jonas retweeted halt das, was er am Stammtisch seiner Kumpels hört.«
Als wir die anderen wieder erreichen, ist Konstantin noch immer auf der Insel, und ich breite mein Handtuch erneut in Mones Nähe aus.
»Haben wir uns wieder beruhigt?« Holger reicht mir freundlich grinsend eine Dose Cola, die er aus der kleinen tragbaren Kühlbox fischt.
»Haben wir.«
Dankend nehme ich die Dose an und setze mich zu ihnen, grabe meine Zehen in den Sand und versuche, nicht ständig rüber zu Konstantin auf der Insel zu schauen. Er muss doch bemerkt haben, dass ich weggegangen bin. Mone lehnt sich zu mir.
»Heute Abend feiern wir bei mir, kommst du?«
»Mal sehen.«
»Ich deute das als ein Ja, Mone, ich komme total gerne, danke für die Einladung.« Sie stößt mit ihrem Getränk an meine Dose und grinst breit, als ich endlich einsehe, dass ich eventuell überreagiert habe.
»Ja, Mone, ich komme total gerne, vielen Dank für die Einladung.«
»Na geht doch! Und bring Konstantin mit. Also, wenn du willst.«
»Das werde ich wohl müssen, weil ich keine Ahnung habe, wo du wohnst.«
Wieder wandert mein Blick zur Insel, wo Jonas inzwischen immer wieder wagemutige Stuntsprünge ins Wasser absolviert, damit um die Aufmerksamkeit aller buhlt, aber von den meisten tatsächlich ignoriert wird. Mag ja sein, dass er Scheißansichten hat, aber außer mir nimmt die wohl wirklich niemand ernst. Konstantin sitzt inzwischen neben seinem Bruder in der Mitte der Insel und erinnert an einen Fremdkörper inmitten der lauten Jungs, die krakeelend ihre Kunstsprünge absolvieren.
»Tust du mir einen Gefallen?« Mone stellt die Frage, ohne mich anzusehen.
»Hm?«
»Zerbrich dir nicht so sehr den Kopf über das, was andere über dich sagen oder denken, okay?«
»Werde mir Mühe geben.«
Hoffentlich hört sie nicht, wie belegt meine Stimme bei der Antwort klingt.
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