Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 54
Konstantin
Volker reicht mir eines dieser blauen Kühlpacks, die ich sonst immer nach einem missglückten Slide beim Tennis auf einen verdrehten Knöchel lege, aber jetzt halte ich es mir vorsichtig an mein Gesicht.
»Du musst deine Deckung oben halten, wenn so ein Schwinger kommt.« Er lehnt lässig am Tresen des Schützenheims, eine Zigarette in der einen, eine Kaffeetasse in der anderen Hand. Irgendwie sieht er damit schrecklich erwachsen aus, obwohl er nur ein Jahr älter als Robin ist. »Wer war das denn?«
Alleine der Gedanke an Robin pumpt Adrenalin in meine Adern, und ich schüttele nur schnell den Kopf, nicht um Volkers Frage zu beantworten, sondern um vor allem die Erinnerung an den miesen Morgen abzuschütteln. Dabei drücke ich das Kühlpack etwas zu fest an meine Wange und beiße mir auf die Lippe.
»Okay, vergiss es, habe nie gefragt.« Stattdessen nimmt Volker einen Zug an seiner Kippe und deutet dann mit dem glimmenden Ende auf mich. »Aber wenn so was noch mal passiert, sag Bescheid.«
»Und dann?«
»Dann knöpfen wir uns den Typen mal vor.«
Ich muss fast lachen, als ich mir die absurde Szene vorstelle. Ich komme zu Volker und verpetze meinen Bruder, als wäre ich fünf.
»Damit komme ich schon klar.« Wie zum Beweis lege ich das Kühlpack auf den Tresen und sehe mich kurz um. Bei Tag sieht die Hütte gar nicht mehr so einschüchternd aus, auch wenn ich noch immer kein Fan der Kadaver an den Wänden und der Waffenschränke bin. Ob Robin das Gewehr inzwischen wieder abgegeben hat?
»Sag mal …« Doch wie soll ich Volker fragen, ohne zuzugeben, dass ich keine Ahnung habe, ob das Gewehr je zurückgebracht wurde, weil ich mich nicht selber drum gekümmert habe. »… habt ihr das gestern mitgekriegt?«
Volker nickt, noch bevor ich mehr ins Detail gehen kann.
»Klar, so was spricht sich rum. Muss übel gewesen sein.«
»Hm.«
Eigentlich will ich nicht zugeben, dass ich live und viel zu nah dran vor Ort war, als das passiert ist.
»Ist dem Italiener nie passiert.« Ein Gedanke, den ja auch mein Vater schon geäußert hat, allerdings klingt er bei Volker irgendwie anders. Endlich drückt er die Kippe im Aschenbecher aus und ich muss nicht mehr dauernd am Rauch vorbeiatmen.
Jonas kommt, zwei volle Gläser Apfelschorle in der Hand, zu uns und stellt eines davon direkt vor mir ab.
»Steht dir, der Look.«
Augenzwinkernd greift er nach Volkers Zigarettenschachtel und ich werfe kurz einen Blick an mir runter. Ein beiges Poloshirt und kurze Jeans, dazu Flipflops Klamotten, die mir Jonas geliehen hat, bevor wir zum Schützenverein los sind. Gerade, als er sich die Kippe anzünden will, schlägt Volker ihm das Feuerzeug aus der Hand.
»Hör auf mit der Scheiße.«
»Was denn?«
»Wie wollt ihr denn die Meisterschaft gewinnen, wenn sich einer von euch die Lunge vollteert?«
Mir wird klar, dass ich wohl der Zweite in diesem Traum von der Meisterschaft bin. Und das, obwohl ich mich noch nicht einmal bereit erklärt habe zu wechseln. Zu meinem Erstaunen lässt Jonas die Kippe wieder zurück in die Schachtel wandern, und Volker, der ein gutes Stück kleiner als Jonas ist, nickt zufrieden.
»Nimm dir mal ein Beispiel an Konstantin.«
»Dem Typen mit dem blauen Auge?« Jonas grinst frech und klopft mir freundschaftlich auf die Schulter, woraufhin ich eine kurze Grimasse schneide, was aber keine so gute Idee ist, wie mich der Schmerz sofort wissen lässt.
»Finde es auf jeden Fall prima, dass du wieder hergekommen bist.«
»Echt jetzt?« Wieso erwarte ich gleich schallendes Gelächter, weil ich ihnen auf den Leim gegangen bin?
»Robin hat dich immer eher als …« Volker sucht eine schöne Umschreibung, will sich wohl nicht der Worte meines Bruders über mich bedienen, aber Jonas hat damit weniger Probleme.
»Als Lappen beschrieben.«
Dafür kassiert er von Volker einen kurzen Blick wie eine Ohrfeige und verstummt sofort.
»Schon okay. Robin wollte nicht ständig seinen kleinen Bruder dabeihaben.« Damit gebe ich mich cool, erwachsen und so gar nicht wie ein Lappen, obwohl Robins Worte über mich mehr schmerzen als das blöde Veilchen.
»Vielleicht hatte er auch nur Schiss, dass du dich als der coolere Typ entpuppst.«
Dabei ist Robin so ziemlich der coolste Typ überhaupt. Zumindest fand ich das bis heute Morgen. Oder gestern Nacht?
»Wisst ihr eigentlich, wer auf die Vereinsgaststätte geschossen hat?« Die Frage brennt mir schon die ganze Zeit auf der Zunge, und wenn ich nicht Verbrennungen dritten Grades riskieren will, muss das jetzt raus.
Volker schüttelt den Kopf.
»Nee. Wieder irgendwelche Einzelaktionen.«
»Einzelaktionen?«
Volker wartet darauf, dass mir selber die Erleuchtung kommt, was er damit meint, aber gerade herrscht tiefe Finsternis in meinem Hirn.
»Na von einem Einzeltäter halt. Die Polizei war natürlich wegen der Waffen hier, haben direkt mal alles gecheckt, und jetzt wissen sie auch, dass ein einzelnes Gewehr entwendet wurde. Dass da irgendwer allein sein Ding gedreht hat.« Volker sieht mir die ganze Zeit in die Augen, während er das sagt, will mich so vermutlich wissen lassen, dass ich ab jetzt besser die Klappe halten sollte. Ich nicke minimal, muss erst mal meine rasenden Gedanken sortieren.
Robin hat es also doch nicht zurückgebracht.
Diese Erkenntnis sorgt für eine bleierne Schwere in meinem Brustkorb. Er hat mich angelogen. Kein Wunder, dass er so sauer geworden ist. Wie in Trance berühre ich vorsichtig die Schramme in meinem Gesicht und lasse den Schmerz zu, hoffe, er lenkt von dem in meiner Herzregion ab.
»Aber das taucht sicher bald wieder auf.«
Natürlich. Für die Jungs sieht es aus, als hätte ich es noch nicht zurückgebracht. Schnell nicke ich und nehme endlich einen Schluck Apfelschorle, wobei mir das beschlagene Glas fast aus meinen zittrigen Fingern rutscht.
»Hast du heute schon was vor?« Jonas’ Stimme klingt so wie immer. Ich versuche trotzdem rauszuhören, ob sie alle sauer auf mich sind, weil das Gewehr noch immer in meinem Besitz ist, oder ob sie denken, sie hätten mich in der Hand. Haben sie ja auch irgendwie. Denn dass Robin es hat, darf niemand erfahren. Robin.
»Nö.«
»Willst du mit raus zum Angeln?«
Will ich das? Oder will ich nach Hause, wo ich Papa erklären muss, dass ich jetzt vermutlich für den TC Tersus spielen muss, und Robin mit dem nächsten rechten Haken auf mich wartet.
»Gern.«
Volker klopft mir auf die Schulter.
»Spitze. Ich sag ja, Robin hat wohl falschgelegen, als er dich als Lappen beschrieben hat.«
»Scheint so.« Robin liegt mit so einigem falsch in seinem Leben. Und ich habe keine Ahnung, ob ich meinen Bruder überhaupt noch kenne.
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