Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 37
Vio
Meine Hoffnung, es wäre früh genug, um nicht erwischt zu werden, löst sich in Luft auf, als ausgerechnet Konstantin aus der Tür tritt, während ich das Rad abstelle. Seine Überraschung, mich hier zu sehen, will ich zur Flucht nutzen, aber bevor ich das Gartentor erreichen kann, ist er mit wenigen Schritten bei mir.
»Hi.«
»Hi. Bye.« Auf ein Gespräch mit ihm bin ich nicht vorbereitet, so ganz ohne Kaffee und Frühstück.
»Warte, warte.«
»Ich habe es eilig.«
»Sehr eilig?«
»Ja.«
»Meine Eltern wollten dich gerade auf einen Kaffee einladen.« Er deutet zurück zu seinem Haus, wo die Tür noch immer offen steht und ich seinen Vater erkenne, der mir freundlich zuwinkt. »Es wäre schrecklich unhöflich, wenn du das ablehnst …« Dabei lächelt er, und ich würde ihm so gerne sagen, dass mir gerade alles zu viel ist. Nachdem ich ihm gestern noch einige WhatsApp-Nachrichten geschickt hatte, auf die er bis jetzt nicht geantwortet hat, schüttele ich den Kopf und schenke ihm ein Lächeln, von dem ich hoffe, er bekommt Frostbeulen an den unangenehmsten Körperstellen.
»Du entschuldigst mich sicher bei deinen Eltern.«
»Wegen gestern …«
»Du bist einfach abgehauen.«
»Und du bist sauer.«
»Du Blitzmerker.«
»Ich kann das alles erklären.«
Ob sein alles sich wirklich mit all meinen offenen Fragen deckt, bezweifele ich, und stemme die Hände in die Hüften, sehe ihm direkt in die müden Augen, die mir verraten, dass er gestern Nacht mindestens so lange wach geblieben ist wie ich.
»Dann schieß mal los.«
Aber da kommt nichts, Konstantin sieht mich nur stumm an, und ich warte, wie lange er wohl braucht, um mir eine als Wahrheit verpackte Lüge aufzutischen.
»Ich wollte nicht …« So fangen Sätze immer an, wenn sich jemand rausreden will. So hat Pascals Satz angefangen, so hat der Satz von jedem angefangen, der das Bild weitergeschickt hat, und es war auch der Ansatz meiner Erklärung, die bis heute allerdings niemand wirklich hören wollte. Konstantin sieht auf seine Füße und ich warte noch immer.
»Kommt ihr jetzt rein? Wir haben frische Brötchen!« Herr Wagenfeld unterbricht seinen Sohn und mich zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, und während das Konstantin sehr recht scheint, zögere ich noch einen Moment, bevor ich nachgebe, weil ich es mir in meinem neuen Heimatort nicht gleich mit jemandem verscherzen will.
»Deine Erklärung würde ich trotzdem gerne noch hören.«
Und schon setze ich mich in Bewegung, mit einem Lächeln auf meinen Lippen, das ehrlicher wird, je näher ich der Haustür und damit Konstantins Familie komme. Sein Vater begrüßt mich mit Handschlag, führt mich durch den Flur in die Küche, wo Frau Wagenfeld bereits Kaffee in die Tassen gießt und mich freundlich anstrahlt.
»Du musst Vio sein. Ich habe schon viel von dir gehört.«
Die Frage ist nur, von wem? Konstantin scheint ja nun nicht gerade das gesprächigste Exemplar seiner Gattung zu sein.
»Glauben Sie bitte nicht alles.«
»Mein Mann schwärmt nur so von den Kochkünsten deines Vaters, wir müssen unbedingt mal zusammen dort essen. Wenn es meinen Söhnen nur nicht so schrecklich peinlich wäre, mit ihren Eltern gesehen zu werden.«
Konstantin räuspert sich irgendwo hinter mir, schleicht vorbei zur Frühstückstheke, die Küche und Esszimmer teilt, und nimmt auf einem der Barhocker dort Platz.
»Und was verschafft uns die Ehre deines Besuchs? Mit Milch und Zucker?«
Ich nicke und sehe dabei zu, wie sie Milch in meine Tasse gibt, bevor sie mir gereicht wird. Konstantin schiebt mir die Zuckerdose rüber, vermeidet dabei aber den Blickkontakt.
»Ich wollte nur das Fahrrad zurückbringen.«
»Welches Fahrrad?«
Frau Wagenfeld sieht irritiert zwischen ihrem Sohn und mir hin und her. Konstantin hat ihre Augen, von seinem Vater das markante Kinn, ebenso die Statur.
»Das von Konstantins Ex-Freundin, denke ich.« Das rutscht mir mehr oder weniger nur so raus, dabei habe ich die halbe Nacht darüber gegrübelt, wieso er es mir nicht einfach erzählt hat. Meine Antwort bringt alle Anwesenden einen Moment aus dem Konzept.
»Wie bitte?«
»Jessy.«
Konstantins Kopfschütteln ist beeindruckend schnell und heftig.
»Jessy ist nicht meine, sondern Robins Ex.«
»Oh.«
Jetzt bin ich es, die aus dem Konzept gebracht ist. Die Stimmung wirkt nun nicht mehr ganz so gelöst, Herr Wagenfeld nimmt einen Schluck Kaffee, bevor er mich aufklärt.
»Das war eine ziemlich hässliche Trennung. Es gab viel Streit und jede Menge Herzsplitter. Robin ist noch immer nicht so recht darüber hinweg.« Kurz lässt er seinen Blick zur Treppe wandern, irgendwo im Stockwerk über uns wird Robin wohl noch friedlich schlafen.
»Ich wusste gar nicht, dass ihr Rad noch immer bei uns ist.« Frau Wagenfeld lächelt milde, und ich ahne, dass sie die Ex-Freundin ihres ältesten Sohnes sehr mochte.
»Sie wollte es irgendwann abholen, aber dann gab es nur noch mehr Ärger und …« Konstantin zuckt die Schultern, statt den Satz zu beenden und mich aufzuklären. Jetzt ist der falsche Zeitpunkt, um zu fragen, was genau passiert ist, und so löffele ich mir etwas Zucker in den Kaffee und rühre stumm darin herum.
»Hattet ihr denn gestern wenigstens einen schönen Tag?«
Seine Eltern wechseln elegant das Thema und gehen wohl davon aus, dass wir gestern die ganze Zeit zusammen waren. Was wir ja auch waren – fast, bis Konstantin sich still und heimlich von der Party gestohlen hat.
»Ja«, erwidere ich so knapp wie möglich und auch Konstantin nickt nur.
»Habt ihr eigentlich mitgekriegt, dass jemand den Container angezündet hat? Habe ich beim Bäcker erfahren.« Wie zum Beweis deutet Herr Wagenfeld auf die Tüte vor uns, in der noch immer alle Brötchen fürs Frühstück liegen und darauf warten, mit Marmelade, Nutella oder Käseaufschnitt bedeckt zu werden.
»Wir haben es sogar gesehen. Also, Mone und ich.«
Konstantin schaut überrascht zu mir, und ich kann sehen, dass er Fragen hat, sie aber erst mal für sich behält.
»Ist wirklich traurig, was hier gerade so passiert.« Frau Wagenfeld lehnt sich etwas in meine Richtung, legt ihre Hand auf meine, und ich bin von der plötzlichen Vertraulichkeit etwas überrumpelt. »Du sollst ja nicht glauben, dass es immer so in Walddorf zugeht. Offensichtlich langweilen sich manche Jugendliche den Sommer über schrecklich und hecken allerlei Blödsinn aus, statt sich eine vernünftige Beschäftigung zu suchen.« Sie lächelt verschwörerisch, und ich spüre, wie meine Hand unter ihrer anfängt zu schwitzen.
»Na ja, ich bin mir nicht sicher, ob da wirklich nur die Langweile mitspielt.« Konstantins Vater beginnt damit, die Brötchen auszupacken und Teller aus dem Küchenschrank über der Mikrowelle zu holen. Dabei lässt er uns an seiner These über die plötzliche Zunahme des Blödsinns teilhaben. »Sie hätten dieses Flüchtlingsheim gar nicht erst bauen sollen. Dann wäre es hier auch ruhig geblieben.«
Offensichtlich bemerkt er meinen skeptischen Blick und will sich sofort erklären.
»Nicht falsch verstehen, wir haben nichts gegen den Bau an sich. Aber einige sind etwas verschnupft darüber und lassen ihre Wut durch Vandalismus raus. Was ich übrigens sehr verurteile!«
Ich spüre, dass Konstantin neben mir innerlich erleichtert aufatmet, als sein Vater die Hand hebt.
»Aber vielleicht hätten sie den Bau doch woanders planen sollen.«
»Woanders?« Zu meiner Überraschung klingt meine Stimme erstaunlich ruhig, wenn man bedenkt, was in meinem Inneren für ein Sturm aufzieht.
»Ja. Etwas weiter weg vom Dorf.«
»Aber es steht doch schon mitten auf dem Feld.« Zumindest liegt es laut meiner Erinnerung ziemlich weit außerhalb. Noch einige Meter weiter und man hätte es auch direkt neben die Landstraße klatschen können.
»Ich meine ja nur, dass einige sich vielleicht bedroht fühlen.«
»Von einer Baustelle?«
Meine erneute Nachfrage drängt Herrn Wagenfeld in eine Ecke, in der er sich sichtlich unwohl fühlt. Inzwischen hat Frau Wagenfeld meine Hand wieder losgelassen und beobachtet das Unwetter, das gerade in ihrer Küche aufzieht, skeptisch.
»Von den Menschen, die dort wohnen werden, wenn es irgendwann mal fertig gebaut ist.« Wieder drückt seine Miene aus, dass er auf keinen Fall so denkt wie die Leute, über die er spricht. »Man weiß ja nicht, wo sie herkommen, wie verzweifelt sie sind, welcher Kultur sie angehören. Solche Dinge.« Die Pause, die er macht, dröhnt so laut in meinen Ohren, als würde ein Donaudampfer sich mit einem Schiffshorntuten bemerkbar machen, und zwar direkt in meinem Großhirn.
»Das sage nicht ich, das sagen die anderen.«
Um nicht unhöflich zu sein, nehme ich noch einen großen Schluck Kaffee, verbrenne mir dabei ordentlich die Zunge und stelle die Tasse dann so sanft wie möglich wieder ab, bevor ich mich zu Konstantin drehe.
»Vielen Dank für die Fahrradleihgabe.« Dann wende ich mich seinen Eltern zu, hoffe, mein Lächeln wirkt aufrichtig genug, obwohl mein ganzer Magen sich anfühlt wie auf links gestülpt. »Und danke für den Kaffee. Ich muss jetzt nach Hause, meine Eltern brauchen heute meine Hilfe im Restaurant.«
»Natürlich. Schön, dass du da warst.«
Sie lächeln beide, aber die Stimmung ist jetzt eine andere, und ich kenne diese Reaktion nur zu gut. Konstantin neben mir springt förmlich vom Hocker.
»Ich bring dich zur Tür.«
»Nicht nötig, ich finde selber raus.«
Aber Konstantin lässt sich nicht abschütteln und folgt so dicht hinter mir, dass ich die Wärme seines Körpers spüren kann. Entweder das, oder meine Wut strahlt deutlicher nach draußen, als ich mir eingestehen will.
»Es tut mir leid, ich hätte Robin wegen des Rads fragen sollen und dir erklären …«
»Er wusste es nicht?«
»Nein.«
»Verstehe.«
Daher der Blick gestern Nacht.
»Ich wollte dir nur eine Freude machen. Aber dabei stelle ich mich wohl ziemlich dämlich an.« Halbherziges Lächeln steht ihm nicht so gut, aber das weiß er bestimmt schon längst.
»Du willst mir also eine Freude machen, ja?«
»Wahnsinnig gerne.«
Schon wächst sein Lächeln wieder ein bisschen und ich atme tief durch.
»Wenn du mir eine Freude machen willst, dann lass mich nicht auf einer Party einfach so alleine. Damit habe ich …« Finde ja eine gute Formulierung, Vio. »… keine so guten Erfahrungen gemacht.«
»Okay. Für die Zukunft gemerkt.«
Das impliziert eine Zukunft, in der wir weiterhin zusammen auf Partys gehen. Konstantin scheint das fest einzuplanen, und mir gefällt die Vorstellung irgendwie schon auch.
»Du weißt aber, dass du mir jetzt mindestens einen Tanz schuldest.«
»O Vio, das würdest du nicht sagen, wenn du wüsstest, wie unkoordiniert ich tanze.« Jetzt ist sein Lächeln schon wieder viel offener und auch nicht mehr ganz so schief wie eben noch.
»Ist wohl noch so eine Sache, die ich über dich rausfinden muss, Konstantin.«
»Bei der nächsten Gelegenheit.«
»Und verrätst du mir irgendwann, wo du gestern Nacht warst?«
Meine harmlose Frage trifft ihn offenbar mit voller Breitseite, und er kämpft bei dem Versuch, es sich nicht anmerken zu lassen. Doch zum Antworten kommt er nicht mehr, weil hinter uns ein lauter Pfiff zu hören ist, und als wir uns zeitgleich umdrehen, werden wir von Jonas’ schiefem Grinsen empfangen.
»Schau an, wen haben wir denn da?« Er zieht die Sonnenbrille, die seine tiefen Augenringe verdecken soll, so weit runter, dass sein glasiger Blick mich ausgiebig von oben herab mustern kann. »Will da jemand den Integrations-Bambi gewinnen?« Er kommt auf uns zu, schiebt sich zwischen Konstantin und mich und sorgt für den nötigen Abstand, dessen Fehlen mir vorher gar nicht aufgefallen ist.
»Ich störe doch nicht etwa?«
»Nein. Ich wollte sowieso gerade gehen.«
Und das tue ich, ohne mich noch mal umzudrehen und mit schwirrenden Gedanken im Schädel, der sich gerade ziemlich wackelig auf meiner Halswirbelsäule anfühlt.
Wieso habe ich nur gedacht, dass es hier leichter werden könnte?
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