Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 64 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 63

 

Vio

 

Vielleicht war er auf Drogen?« Mone, die heute wieder an der Tanke arbeiten muss, hat auf dem Weg nach Ottersfeld einen kleinen Umweg in Kauf genommen und sitzt jetzt neben mir am See. Allerdings haben wir uns diesmal für das andere Ufer entschieden, weit weg von den anderen Badegästen und dem feinen Sandstrand.

»Vielleicht. Du kennst ihn schließlich besser als ich.«

»Schon. Aber Konstantin ist nicht gerade das, was ich einen mitteilungsbedürftigen Typen nennen würde, wie dir bestimmt schon aufgefallen sein dürfte.«

»Nein, Reden zählt sicher nicht zu seinen Hobbys.«

Wir schauen zur schwimmenden Insel, von der aus ein paar Tage zuvor die Welt noch gar nicht so düster ausgesehen hat.

»Glaubst du wirklich, dass Robin auf das Restaurant geschossen hat?« Ein Gedanke, der mir nicht mehr aus dem Kopf gehen will.

»Immerhin hängt er doch mit Jonas ab.«

Robin wirkt immer so nett und freundlich, so gar nicht wie Jonas, der mir vom ersten Treffen an eine Gänsehaut beschert hat. So wie jetzt, wenn ich nur an ihn denke.

»Wieso schließen wir Jonas als Täter eigentlich aus?«

»Weil es die offensichtliche Lösung wäre und uns die ganzen True-Crime-Podcasts lehren, dass es nie die offensichtliche Lösung ist?«, mutmaßt Mone.

»Wir sind echt eine Fehlbesetzung als Sherlock und Watson.«

»Und um auf deine Frage zu antworten, ich weiß nicht, ob es Robin war. Aber so chaotisch, wie gerade alles bei ihm abläuft, würde es mich nicht wundern. Und Jessys Auftauchen hat ihn sicherlich zusätzlich aus der Bahn geworfen.«

»Und Jessy arbeitet bei uns …«

»Was sagt denn die Polizei?«, erkundigt Mone sich.

»Ach die. Wir sollen uns keine Sorgen machen, blabla, und ab und an fährt mal ein Polizeiauto vorbei und schaut nach dem Rechten. Viel Hoffnung darauf, den Täter zu finden, machen sie uns aber nicht.«

»Na super.«

Mone wirft einen Blick auf ihre Uhr, und ich weiß, dass sie sich schon viel zu lange meine wirren Gedanken anhören muss.

»Tut mir echt leid, aber ich sollte langsam los …«

»Kein Problem. Will ja nicht, dass du wegen mir noch Ärger kriegst.«

Sie verdreht gespielt die Augen.

»Du meinst, ich könnte meinen Traumjob verlieren, weil ich lieber mit dir hier sitze? Das wäre allerdings eine große Tragödie.« Sie lacht leise, aber wir wissen beide, wie wichtig ihr dieser Job ist. Wenn auch nur als leise Hoffnung auf ein anderes Irgendwann.

»Der Umzug will finanziert werden.«

Mone nickt, das Kinn auf dem Knie abgestützt, den Blick in Richtung See gerichtet.

»Ja. Der Umzug.«

»Bist du geistig schon beim Einrichten?« Damit verpasse ich ihr einen spielerischen Schubs gegen die Schulter, und Mone lächelt auch sofort wieder, wenn auch nicht ganz so fröhlich, wie ich es von ihr gewohnt bin.

»Wäre schön.«

»Bitte noch nicht für immer vom großen Traum verabschieden.«

Wieder nickt sie, das Lächeln will wachsen, aber es erreicht ihre Augen einfach nicht.

»Niemals nicht.« Sie schließt bei der Vorstellung einen Moment die Augen, hält die Nase in die leichte Sommerbrise, und ich wette, sie stellt sich ihre kleine Traumwohnung vor. Sieht uns beide darin werkeln und überall Farbe verteilen, nur nicht auf der Wand.

»Wehe, du kommst wegen mir zu spät zu Arbeit.«

»Jaja, danke für die Ermahnung, Mom.« Sie atmet noch mal schwer aus, öffnet die Augen und steht dann abrupt auf. Lächelnd klopft sie sich den Sand von den Shorts und richtet das Polohemd mit dem Logo der Tankstelle. »Wie sehe ich aus?«

»Wie die Mitarbeiterin des Monats bei der Tankstelle Ihres Vertrauens.«

»Okay. Damit kann ich arbeiten.« Sie nickt in Richtung Gebüsch, wo unsere Räder stehen, doch ich schüttele nur den Kopf.

»Ich bleibe noch ein bisschen.«

»Gut. Wenn was sein sollte, ruf mich an.«

»Dito.«

Sie salutiert und hebt ihr Rad auf, bevor sie noch mal zu mir sieht.

»Nur für den Fall, dass ich es wirklich nicht bis nach München-Köln-Hamburg schaffe … besuchst du mich dann trotzdem? Also hier?«

»Wer sagt denn, dass ich nicht auch hierbleibe?«

»Ernsthaft?«

»Wieso nicht? Walddorf braucht ein bisschen frischen Wind.« Und ich Ruhe.

»Hauptsache, du verschwindest nicht, bevor ich dich nach Feierabend anrufe!«

Komisch, ich bin gefühlt gerade erst hier angekommen und schon dreht sich so viel um Abschiede, Umzüge und die Frage, wo wir in ein paar Jahren sein werden. Dabei habe ich noch nicht mal alle Kartons ausgepackt.

»Ich ruf dich an, wenn ich auf dem Heimweg bin.«

Und dann radelt sie davon, während ich hier sitze und nicht so recht weiß, wohin. Mit mir, mit den Gedanken und allem anderen.

Auf der gegenüberliegenden Seeseite erkenne ich die bunten Schirme der Badegäste, die schon ewig hier wohnen, und irgendwo dort liegen sicher auch Holger und Isabell, aber mir ist nicht nach ihrer Gesellschaft, in der ich mir gerade etwas komisch vorkäme.

Kurz sehe ich auf mein Handy, aber Konstantin scheint aufgegeben zu haben. Das gibt mir die Chance, meine Gefühle zu sortieren, bevor ich auf eine seiner Nachrichten antworte. Natürlich war er betrunken, und vielleicht hat er das alles tatsächlich gar nicht so gemeint.

Und was, wenn doch …?

Ein Rascheln im Gebüsch neben mir sorgt sofort wieder für einen erhöhten Puls. Ich will schon zur Flucht ansetzen, als ich die beiden jungen Männer erkenne, die mir im Vorbeigehen freundlich zunicken und dann ihr Strandlager etwas weiter links aufbauen. Es sind die Saisonarbeiter, die sich einmal mehr über ihren Alltag unterhalten und nicht ahnen, dass ausgerechnet hier jemand sitzt, der sie versteht.

Außer mit meinen Eltern spreche ich kein Rumänisch. Und selbst mit ihnen nur zu Hause, selten im Restaurant, und nie beim Einkaufen oder so. Papa meint, das wäre schrecklich unhöflich, weil sich die anderen dann ausgeschlossen vorkämen. Sie könnten ja denken, wir würden über sie sprechen oder lästern. Deswegen muss ich mir in unseren Urlauben in Rumänien immer wieder meinen deutschen Akzent unter die Nase reiben lassen. Wie soll ich den auch ablegen, wenn ich die Sprache immer seltener spreche?

Kurz entschlossen stehe ich auf und gehe zu den beiden Männern, die es sich gerade auf ihren Strandtüchern bequem gemacht haben.

»Bună ziua, nu vreau să vă deranjez …«

Ihre Augen werden größer, ebenso ihr Lächeln, als sie die Überraschung über meine Frage, ob ich störe, verdaut haben. Dann fragen sie sofort, wieso ich ihre Sprache spreche und ob ich mich zu ihnen setzen mag.

Komisch, ich habe mich nie besonders rumänisch gefühlt, aber gerade ist es sehr befreiend, sich auf dieser Seite des Sees mal nicht wie eine Fremde vorzukommen.

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