Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 36
Konstantin
Jonas, das ist jetzt echt kein Spaß mehr! Ruf mich an!« Mein Handy nimmt die geflüsterte Sprachnachricht auf, solange ich den Daumen auf das kleine Mikrofon-Icon gedrückt halte, und wird nach dem Loslassen meine Worte an Jonas schicken. »Ich habe das Gewehr im Wald versteckt. Ruf mich an, damit wir es zurückgeben können.«
Je schneller wir es wieder zurück ins Vereinsheim bringen – bevorzugt, bevor denen morgen auffällt, dass es aus dem Waffenschrank entwendet wurde –, desto besser.
Bock, mein jungfräuliches Führungszeugnis mit dem Diebstahl einer Schusswaffe zu verschönern, habe ich nämlich null. Wenn meine Eltern das rauskriegen, ist die Kacke am Dampfen. Manfred wäre ebenso enttäuscht, mein Trainer im Tennisklub sowieso und an Vio darf ich gar nicht denken.
Tue ich aber. Und zwar die ganze Zeit.
Kopfschüttelnd vertreibe ich die Gedanken, in denen ich bereits mit Handschellen in ein Staatsgefängnis abgeschoben werde. Gedanken, die sicherlich durch meinen Konsum von Crime-Serien auf Netflix befeuert werden, sich aber hartnäckig in meinen Gehirnwindungen festsetzen.
»Melde dich!« Damit löse ich den Daumen vom Mikrofon und sehe dabei zu, wie meine Nachricht gesendet wird. Dann erst steige ich durch das Fenster in mein Zimmer.
»Scheiße, Mann, wo warst du?« Robin sitzt, wie schon letzte Nacht, auf dem Bürostuhl in meinem Zimmer und jagt mir den Schock des Jahrhunderts ein. Schon wieder. Alles könnte ein echt entspanntes Déjà-vu sein, nur ist es das nicht. Die Schmetterlinge im Bauch, die mich gestern noch begleitet haben, sind jetzt einem Termitenschwarm gewichen, der sich durch meine Eingeweide frisst. »Ich war mit Vio unterwegs.« Es ist die Notlüge, hinter der ich die absurde Wahrheit versteckt halte.
»Mit Vio, ja?«
»Mhm. Wir waren auf Mones Party und dann sind wir noch zusammen los.«
»Wohin denn?«
Robin ist eigentlich nicht der Typ, der sich sonst so brennend für den Verlauf meines Abends interessiert.
»Ähm. Rumgelaufen.«
»Das ist ja total romantisch.«
»Schon.«
»Und merkwürdig.«
»Wieso? Hältst du mich nicht für romantisch?«
Er verlässt seinen Platz an meinem Schreibtisch und kommt erst direkt vor mir zum Stehen. Sein T-Shirt riecht nach Zigarettenrauch, sein Atem nach Bier.
»Ich halte dich vor allem für einen beschissenen Lügner.«
Okay. Er weiß, dass ich lüge. Egal, volle Fahrt in den Gegenangriff übergehen.
»Das sagst du nicht, wenn ich für dich lügen muss.«
Das hat gesessen, denn für den Moment ist er still, und ich nutze diese Sekunde, um mich aus der Nähe zu befreien und mein durchgeschwitztes T-Shirt auszuziehen, als wären irgendwelche Spuren darauf zu sehen.
»Wo warst du wirklich?«
»Bist du als Mamas Undercoveragent unterwegs, oder was?«
»Jemand hat den Kleidercontainer angezündet.«
Ich wirbele zu ihm herum und starre ihn einen Moment ungläubig an.
»Was?«
»Also, wo hast du gesteckt und mit wem hast du dich rumgetrieben?«
»Ich?«
»Ja, du.«
Ich war mit deinem Kumpel unterwegs, der schon mal meine Zukunft plant, für die Zeit, wenn du deine Ausbildung anfängst und abhaust.
»Ich musste den Kopf freikriegen.« Und habe rumgeballert.
»Wieso? Ist da drinnen denn so irre viel los?«
Wenn er wüsste, mit was für Gedanken ich mich heute Abend beschäftigt habe, er würde nicht so dämlich fragen.
»Mädchenwirrwarr halt.«
Er macht wieder einen Schritt auf mich zu, ich gehe in Richtung Bett, wo ich auf der Kante Platz nehme und die Schuhe ausziehe.
»Manfred wird bestimmt rumfragen, da macht es sich nicht gut, wenn du kein Alibi hast.« Robin sieht von oben auf mich herab, und ich frag mich, worum es hier eigentlich geht.
»Soll er doch. Ich war es nicht.«
»Und wo warst du dann?«
»Mann, Robin, ich war eben noch unterwegs.«
»Mit wem denn?«
Er weiß es schon längst. Er weiß es, und ich weiß jetzt, dass er es weiß.
»Mit Jonas und Volker.«
Er atmet schwer aus, fährt sich mit beiden Händen über das Gesicht, als müsse er sich davon überzeugen, dass noch alles an der richtigen Stelle sitzt.
»Fuck ey.« Mehr sagt er nicht, tigert nur durch mein Zimmer und muss sich offensichtlich zusammenreißen, um mir keine gepfefferte Standpauke zu halten. »Ich habe doch gesagt, sie sollen dich in Ruhe lassen!«
Ist er sauer, weil er nicht dabei war? Oder ist er sauer, weil sie ausgerechnet mich mitgenommen haben?
»Wieso eigentlich? Gestern war es dir noch so wichtig zu betonen, dass er voll okay ist.«
»Ist er auch. Aber eben nicht für dich.«
»Das checke ich nicht.«
Erschöpft nimmt er auf dem Bürostuhl Platz und sieht mich aus müden Augen an, die mich erahnen lassen, dass sein Abend wohl auch nicht so gelaufen ist, wie er es sich vorgestellt hat.
»Pass auf. Ich kenne die Jungs und deren Macken, du nicht. Und ich will nicht, dass sie dir irgendwelchen Mist in die Birne packen.«
»Haben sie nicht.« Er hat mir nur ein dämliches Luftgewehr in die Hand gedrückt. »Wir hatten nur ein bisschen Spaß.« Und jede Menge Panik – so viel Adrenalin habe ich schon lange nicht mehr gespürt. Wobei, gestern mit Vio …
»Ich muss mir also keine Sorgen machen?«
Darauf antworte ich nicht sofort, weil ich an mein lächerlich offensichtliches Versteck für das Gewehr denken muss, in dem ich es provisorisch untergebracht habe. Dort, wo wir früher Robins Biervorrat für nächtliche Partys – die ohne das Wissen unserer Eltern stattfanden – versteckt haben.
»Konstantin?«
»Wir waren im Schützenverein. Und am Ende habe ich ein Gewehr im Wald versteckt.«
Jetzt ist er es, der nichts sagt, sondern nur die Augen schließt. Robin sitzt einfach da, wie beim Yoga, die Atmung tief und ruhig, sein Gesicht total entspannt, aber ich weiß, dass der Schein trügt. Als er mich schließlich wieder ansieht, erinnert er mich sehr an meinen Vater, wenn er richtig sauer auf uns ist.
»Ich will nicht, dass du mit denen irgendwelche schrägen Aktionen abziehst.«
Und just in dem Moment öffnet unser Vater die Zimmertür und sieht uns aus verschlafenen Augen an.
»Jungs, habt ihr mal auf die Uhr geschaut?«
Schon seit Stunden nicht mehr. Keine Ahnung, wie spät oder früh es ist, ich weiß nur, dass ich in dieser Nacht um gut ein Jahr gealtert bin.
»Sorry, Papa, wir waren noch unterwegs.« Robin lächelt ihn entschuldigend an, und ich muss gar nichts sagen, weil er es schon tut und mir ein Alibi für die Nacht bastelt.
»Wird auch immer später bei euch.«
»Wir haben nur gequatscht, kein Ding.«
Papa vertraut uns, weil Robin zwar ab und an Mist baut, aber nie die Sorte, bei der Eltern sich ernsthaft Sorgen machen müssen. Und ich? Was sollte ich schon großartig anstellen?
»Na gut. Aber jetzt ab ins Bett.«
Er zwinkert uns verschwörerisch zu, und wir warten, bis er die Tür wieder hinter sich zugezogen hat und wir hören, wie sich seine Schritte entfernen.
»Wo im Wald?« Robin setzt nahtlos an meine Beichte an, als wäre Papa nie da gewesen.
»Da, wo du früher alles versteckt hast.«
Präziser muss ich gar nicht werden, Robin weiß auch so, welche Stelle ich meine. Nur mir hat er damals davon erzählt und jetzt habe ich sein Versteck für meinen Mist missbraucht. Ruhig und wütend zugleich nickt er.
»Das mit dem Schützenverein behältst du für dich, und sollte Jonas dich auflaufen lassen, lügst du. Sagst, wir waren zusammen unterwegs, klar?«
Eine komische Freundschaft haben die beiden da, wenn mein Bruder so heftig auf meinen Ausflug mit Jonas reagiert. Trotzdem nicke ich.
»Wieso sollte er mich auflaufen lassen?«
Meine Frage beantwortet Robin mit einem traurigen Lächeln.
»Weil das deren Stil ist. Die würden sogar lügen, um dich reinzureißen.«
»Wir hatten nur ein bisschen Spaß.«
»Gewöhn dich nicht an die Sorte Spaß.«
»Wieso eigentlich nicht?«
Robin atmet genervt aus und steht auf.
»Weil ich es dir sage.«
»Ja, aber du bist nicht mein Vormund.«
»Was das angeht, schon.«
Klar, einmal großer Bruder, immer kleiner Bruder. Früher hieß es immer, ich soll auf Robin hören. Wann hört dieser Mist endlich auf?
»Du kannst mir gar nichts vorschreiben.«
»Ich diskutiere darüber nicht mit dir.«
Damit steht er auf, geht zur Tür und bleibt erst dort wieder stehen.
»Du hättest übrigens fragen können.«
»Hm?«
Er sieht statt zu mir direkt auf die Tür vor seiner Nase, die Klinke bereits in der Hand, die Knöchel treten weiß hervor.
»Vio hat Jessys Rad.«
O Mann, heute ist wirklich Tag der Katastrophen, das habe ich ja richtig genial hingekriegt. Der Plan war, dass ich das Rad möglichst unauffällig wieder in den Keller stelle, unbemerkt von den anderen. Vor allem von Robin.
»Ich dachte, das macht dir nichts aus.«
»Macht es auch nicht.«
Wenn er wüsste, wie sehr ihn die Emotion in seiner Stimme verrät.
»Aber du hättest trotzdem fragen können.«
Und jetzt komme ich mir doch wie der ewige kleine Bruder vor.
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