Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 66 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 65

 

Vio

 

Hi, Vio.« Holger zieht sich auf die schwimmende Insel, und ich helfe Isabell, die ihn ebenfalls begleitet, das letzte Stück zu uns nach oben.

»Na ihr zwei.«

Schon eine ganze Weile habe ich sie am Strand beobachtet, sie wirkten unschlüssig, ob sie wirklich zu uns auf die Insel kommen sollen, haben sich dann aber offensichtlich einen Ruck gegeben, und ich nutze die Gelegenheit, da sie nicht so recht wissen, was sie sagen oder tun sollen.

»Das sind Marius und Sergiu. Ihr habt sie hier sicher schon mal gesehen.«

Alle winken sich zu, und ich warte einen Moment ab, wie sich das entwickeln wird. Bevor es unangenehm werden kann, kläre ich alle auf.

»Sie sprechen auch ein bisschen Deutsch.«

Holger wirkt erleichtert, als er sich an den Rand setzt und die Beine zurück ins Wasser baumeln lässt. Isabell ist da nicht ganz so mutig und sieht erst mal zu mir.

»Ist zwischen dir und Konstantin wieder alles in Ordnung?«

Konstantin.

Egal, was ich mache, meine Gedanken entkommen ihm einfach nicht, auch wenn ich mit aller Kraft versuche, mich mit allem Möglichen abzulenken.

»Wir haben noch nicht gesprochen.«

»Ja, das ist seine Spezialität.« Damit nimmt sie neben mir Platz, während Holger bereits in eine Mit-Hand-und-Fuß-Unterhaltung mit den Jungs versunken ist. »Konstantin schweigt sich noch um Kopf und Kragen.« Sie sieht von mir zurück zum anderen Ufer. »Weißt du, ich mag ihn wirklich, aber manchmal wünschte ich mir, er würde einfach sagen, was er denkt, statt uns auf eine Art schräge Kreuzworträtsel-Schnitzeljagd seiner Gedanken zu schicken.«

Da kann ich nur nickend zustimmen.

»Ich verstehe so gut, was du meinst.«

»Ich glaube, er mag dich, Vio.«

Das Schlimme ist, dass ich das trotz der letzten Tage auch denke, aber mich nicht traue, es wirklich zu glauben.

»Stimmt das mit München?« Isabell senkt die Stimme etwas, damit die Jungs, die inzwischen beschlossen haben, ein bisschen Wasserball zu spielen, es nicht mitkriegen.

»Kommt ganz darauf an, was du meinst.«

»Na ja, es klang so, als hättest du jemandem den Freund ausgespannt?«

Wie oft ich genau das schon gehört habe, nur mit deutlich mehr Vorwurf in der Stimme. Und dann wollte trotzdem keiner meine Antwort auf die Frage hören, weil sie sich ja schon eine Geschichte gebastelt hatten, in der ich die Hauptrolle der bösen Bitch spiele. Ich sehe Isabell genau in die Augen.

»Nein.« Das klang deutlich entschlossener als all die Male davor. »Jemand hat mir meine beste Freundin ausgespannt.«

»Was?«

»Spielt keine Rolle mehr. Es ist unsere Angelegenheit. Niemand außer mir und ihm war dabei. Aber wenn du die Wahrheit hören willst: Das habe ich nicht getan.«

»Okay.«

»Es bilden sich sowie ständig Leute Meinungen über mich, ohne mich zu kennen. Wenn du also ein Superspreader der Geschichte sein willst, dann erzähle sie bitte richtig. Ich habe nicht mit ihm geschlafen. Wir haben uns geküsst, das war mein Fehler. Aber mehr ist nicht gelaufen.«

Isa hört mir konzentriert zu, stellt keine Nachfragen, hört einfach zu. So wie damals auf der Treppe bei Mones Party, nur viel nüchterner.

»Hätte mich auch gewundert.« Sie grinst unsicher, wie ich es bei ihr noch nie gesehen habe.

»Ach?«

»Ich war irgendwie sauer, weil dich alle sofort mochten, und die Sache mit Konstantin … und dann war ich …«

»Verletzt.«

»Ja. Aber nicht durch dich. Durch ihn.«

»Verstehe.«

Wir alle bilden uns zu schnell eine Meinung über unser Gegenüber, basierend auf so albernen Dingen wie dem Haarschnitt, Make-up oder dem Fehlen davon, Klamotten oder eben den Geschichten, die wir von anderen hören. Selbst, wenn wir so tun, als wäre uns das alles egal.

»Es tut mir leid.« Sie lehnt sich ein bisschen zu mir, unsere Schultern berühren sich fast. »Können wir noch mal neu anfangen?«

»Von mir aus sehr gerne.«

Daraufhin reicht sie mir die Hand.

»Hi. Ich bin Isabell, aber meine Freunde nennen mich Isa.«

Ich nehme ihre Hand an.

»Hi. Ich heiße Vio, Kurzform von Viorika.«

»Das ist ein wunderschöner Name. Wollte ich übrigens schon beim ersten Mal sagen.«

»Danke.«

»Willkommen in Walddorf. Lass dich von den paar Vollpfosten nicht täuschen, es ist eigentlich echt toll hier bei uns.«

»Wollt ihr bei uns mitspielen?« Holger, der sich mit dem Wasserball in der Hand wieder auf die Plattform gezogen hat, deutet auf Sergiu und Marius, aber Isa und ich schütteln synchron den Kopf.

»Wir lernen uns gerade besser kennen.«

»Wo ihr euch doch neulich noch die Augen auskratzen wolltet.«

Obwohl wir alle wissen, dass es nur ein Scherz ist, können wir die Wahrheit im Kern nicht leugnen, und so lachen wir verlegen, weil Holger es auf den Punkt bringt.

Lässig wirft er den Ball zu jenen Jungs, die sie alle vor Kurzem noch als zu laut empfunden haben, und macht sich für einen Absprung bereit, als er noch mal mit dem Finger auf mich zeigt.

»Was heißt denn gewonnen auf Rumänisch? Nur für den Fall, dass ich die Jungs jetzt abziehe.«

»Am câstigat.«

»Spitze!« Dann springt er ab, landet im Wasser und spritzt uns dabei nass. Isa sieht ihm zu, wie er wuchtig den Ball zurückspielt, und ihr Blick wird immer verträumter.

»Dich hat es ja ganz schön erwischt.«

»Ach, Holger ist ein Chaot, aber zumindest spricht er.« Und wir wissen beide, wer das nicht tut. »Dann müssen wir jetzt nur noch die Sache mit dir und Konstantin klären.«

Wenn das nur so einfach wäre.

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