Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 55
Vio
Die Fenster sehen neu aus. Endlich Doppelverglasung, nicht diese dünnen Dinger, die vorher drinnen waren. Seit knapp zwanzig Minuten betrachte ich sie und rufe mir in Erinnerung, wie leicht sie gestern Nacht diese Kugeln durchgelassen haben. Papa und ich haben vorhin, nachdem der Polizist – dessen Namen ich noch immer nicht kenne – sich verabschiedet hat, die Scherben aufgesammelt, und jetzt erinnert nur noch die angeschossene Coca-Cola-Leuchte, die über der Theke hängt, daran, dass hier gestern überhaupt was passiert ist.
Das, und die Kälte in meinem Brustkorb, die ich nicht abschütteln kann.
»Willst du nicht nach Hause, mein Schatz?« Papa tritt an den Tisch neben mich, doch ich schüttele den Kopf.
»Nein, ich helfe noch.«
»Indem du durch das Fenster Löcher in die Luft guckst?«
»Ich halte Ausschau.«
»Nach wem?«
Der Person, die mir heute Morgen gefolgt ist. Oder Konstantin, der sich noch immer nicht bei mir gemeldet hat.
»Nach Gästen.«
»Heute kommt niemand, Vio. Ich habe doch vorne auf die Tafel geschrieben, dass wir erst übermorgen wieder öffnen.«
Nur zwei Männer sind auf dem Tennisplatz, weil sie wohl nicht wissen, was passiert ist und dass der Verein quasi ein Tatort ist. Oder weil es ihnen schlichtweg egal ist.
»Wieso bist du nicht mit deinen Freunden am See?«
»Weil mir nicht danach ist.«
»Aber du kannst dich doch nicht hier verstecken.«
»Tue ich gar nicht.« Ich befolge nur diesen schlauen Spruch, dass man sofort, nachdem man abgeworfen wurde, wieder zurück aufs Pferd steigen muss, weil man sonst jedes Mal Angst vor dem nächsten Sturz hat. Und ich will keine Angst haben.
»Vio, was sollen deine Freunde denn denken, wenn du dich jetzt zurückziehst, hm?«
»Tată, ich glaube, die haben alle Verständnis.«
Kurz kann er sich nicht entscheiden, wie er reagieren soll. Inzwischen nenne ich ihn nicht mehr so oft Tată, weil er wollte, dass ich Papa sage, wie es all meine Freunde daheim bei ihren Vätern auch tun. Dabei habe ich ihn bis zur siebten Klasse immer so genannt.
»Vio, ich möchte nicht, dass du hier zur Außenseiterin wirst.«
»Weil ich nicht am See bin?«
Er atmet so schwer aus, als hätte er gerade eine Mathehausaufgabe mit mir wiederholen müssen, die ich einfach nicht verstehen kann oder will.
»Ich verstehe, dass dich das gestern erschreckt hat. Aber das hat nichts mit uns zu tun.«
»Du kannst das noch so oft sagen, aber deswegen wird es nicht zwingend wahr. Und das weißt du.«
»Wenn wir uns nur ruhig verhalten …«
»Ruhig?« Meine Stimme ist gerade das Gegenteil von dem, was er von mir verlangt. »Papa, die haben auf dein Restaurant geschossen!«
»Aber nicht auf uns.«
»Wo lebst du eigentlich?«
»Vio.«
»Sie haben aber uns treffen wollen. Vielleicht nicht mit den Schüssen, aber mit der klaren Message dahinter. Sie wollen uns hier nicht haben.«
»Unsinn.« Papa schüttelt stur den Kopf, bleibt dabei so ruhig, dass ich nur noch wütender werde und aufstehen muss.
»Sie wollen uns Angst machen, uns daran erinnern, dass wir nicht hierhergehören.«
»Wenn du dir das einredest, wirst du irgendwann wirklich zur Außenseiterin, weil du niemandem mehr trauen kannst. Deswegen ist es wichtig, ruhig zu bleiben.«
»Da reicht es nicht, nur ein bisschen Ruhe zu bewahren. Dafür müsste ich schon komplett und für immer zu diesem Thema den Mund halten.«
Papas Augen werden traurig, und ich hoffe, er versteht, dass es so nicht weitergehen kann, aber zu meiner Enttäuschung zuckt er nur die Schultern.
»Dann sollten wir das vielleicht tun.«
Sprachlos starre ich ihn an, kann nicht verstehen, wieso mein Vater, groß und breit wie ein Baum, ein Meister am Grill und so stolz auf seine rumänischen Gerichte, jetzt so einknickt und sich mit dieser Situation arrangieren will.
»Du gibst auf?«
»Das hier ist keine Frage von Aufgeben. Für sie werde ich immer der Ausländer am Grill bleiben, der für sie kocht und sie bedient.« Er zuckt lächelnd die Schultern. »Meine Aussprache, mein Name, meine sprachlichen Fehler. Aber du …« Er deutet mit beiden Händen auf mich, sein Lächeln stolz und liebevoll. »Du nicht. Du bist nur ihre Freundin, mit der sie am See liegen und Erinnerungen sammeln. Und wenn du das hier …«, seine Geste umschließt die Fenster vor uns, wie auch die Leuchte über der Bar und das ganze Restaurant, »zum Thema machst, werden sie in dir nur die Fremde sehen. Es ist deine Entscheidung.«
So sehr ich mir auch wünschte, dass es derart einfach wäre, so weiß ich doch nur zu genau, dass sein Plan nicht aufgehen wird.
»Träum weiter, Tată.« Bevor er meine Wuttränen sehen kann, stürme ich aus dem Lokal und pralle gegen jemanden, mit dem ich hier nicht gerechnet habe und den ich verschwommen kurz für jemand anderen halte.
»Hi.«
Robin. Nicht Konstantin.
»Hi.« Schnell will ich mich an ihm vorbeischieben, aber er berührt kurz meine Schulter und legt damit meinen kompletten Fluchtinstinkt lahm.
»Ist mein Bruder bei dir?«
»Nein. Er hat sich den ganzen Tag noch nicht gemeldet.« Eine Tatsache, die mein Denkzentrum zusätzlich belastet.
»Bist du okay?«
Mit der Frage bringt er alles, was ich mir seit gestern Nacht mühevoll als Schutzmauer aufgebaut habe, einfach so zum Einstürzen, obwohl ich noch versuche, genau das zu verhindern. Aber dafür ist es zu spät, ich wirbele zu ihm herum und lasse alles raus.
»Nein. Ich bin nicht okay. Ich bin wütend. Und verletzt. Und enttäuscht. Und habe mächtig Angst. Und mein Vater denkt, wenn ich all diese Gefühle einfach runterschlucke, werden die anderen nicht sehen, wie weh sie mir getan haben. Dann wäre ich eine von ihnen. Und jedes Mal, wenn ich so tue, als würde es mich nicht stören, dass sie glauben, ich wolle mir hier alles unter den Nagel reißen, oder als träfe es nicht uns, wenn sie durch die Scheiben schießen … Im Moment will ich einfach nur hier wegkommen!«
Robin bemerkt vor mir, dass ich zittere, und kommt auf mich zu, legt die Arme um mich und hält gerade dadurch für den Moment alles zusammen, ohne es wirklich zu wissen.
»Es tut mir so unheimlich leid.« Er flüstert es durch meine Haare an mein Ohr, und ich nicke, weil das wohl die korrekte Reaktion ist.
»Allen tut es leid, aber niemand tut etwas.«
Jetzt schüttelt er den Kopf und berührt sanft mein Kinn.
»Doch. Jemand wird was tun. Versprochen.«
Ich sehe zu ihm hoch, entdecke sein kurzes Lächeln und wie er auf etwas hinter uns deutet.
»Ich wollte dir eigentlich nur das hier vorbeibringen.«
Langsam drehe ich mich aus seiner Umarmung und erkenne Jessys Rad.
»Jessy braucht es nicht mehr, ich hab sie gefragt, und wenn du in Walddorf von A nach B kommen willst, ist ein Geschoss wie dieses unentbehrlich. Ich habe die Kette noch mal geölt, die macht also keine Probleme mehr.«
»Du schenkst mir das Rad deiner Ex?«
»So formuliert klingt es nicht mehr ganz so heldenhaft. Aber vielleicht hilft es ja uns beiden.«
Wieder sehe ich zu ihm, wie er das Fahrrad betrachtet.
»Mir mit dem Loslassen und dir mit dem Wegkommen.«
OceanofPDF.com