Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 46 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 45

 

Vio

 

Die anderen haben zwei Tische zusammengeschoben und die Getränke stehen schon vor ihnen. Als Mone und ich dazukommen, ist die angespannte Stimmung in der Runde fast greifbar. So, wie Isabell uns ansieht, kann ich froh sein, dass sie noch kein Besteck bekommen haben.

»Das ist ja wie beim Klassentreffen! Setzt euch dazu.«

Holgers demonstrativ gute Laune soll wohl anstecken, aber nach dem Tag am See habe ich meine Impfung dagegen heute schon abbekommen. Und so sehr ich auch versuche, nicht hinzusehen, wird mein Blick magisch von Konstantin angezogen, der neben seinem Bruder sitzt.

Ein Teil von mir hat gehofft, Konstantin würde nicht hier auftauchen, und ich brauche einen Moment, um seine Anwesenheit zu verarbeiten. Schnell ziehe ich meine Schutzmauer hoch und nicke beiden nur flüchtig zu. Eigentlich wollte ich den Mitgliedern der Familie Wagenfeld aus dem Weg gehen, zumindest so gut, wie das in einem kleinen Ort eben möglich ist. Aber offensichtlich hat mein Leben andere Pläne für mich. Mone wirft mir einen fragenden Blick zu, und ich nicke nur, weil eine Szene hinlegen im elterlichen Restaurant nicht die beste Werbung für selbiges ist. Der Stuhl neben Konstantin ist noch frei, und etwas in seinen Augen lässt mich wissen, dass er hofft, sich sogar wünscht, ich würde mich neben ihn setzen. Doch Mone nimmt mir diese Entscheidung ab, und so lande ich neben Robin, der mir ein kurzes Lächeln zuwirft. Es ist nicht zu übersehen, dass er gerade nicht hier sein will, also teilen wir zumindest das miteinander.

»Habt ihr schon bestellt?«

Holger schüttelt den Kopf und reicht Mone die Speisekarte, die ich auswendig kann.

»Nur Getränke. Aber jetzt kann Vio uns ja mit Insidertipps helfen.«

Bilde ich mir das ein, oder sitzt Isabell auffällig dicht neben Holger? Immer wieder streift sie scheinbar unbewusst seinen Oberarm, lehnt sich gegen seine Schulter und greift jetzt nach seinem Glas Spezi, obwohl sie eine Apfelsaftschorle vor sich stehen hat.

»Was kannst du denn empfehlen?«

Alle Blicke richten sich auf mich, und ich kann spüren, wie ich von Freizeit-Vio zu Service-Vio switche, mich kurz räuspere und dann meinen üblichen Text abspule: »Als Vorspeise empfehle ich immer die Auberginencreme, unsere Salată de vinete. Die macht übrigens meine Mama.«

Sie nicken.

»Danach vielleicht eine Suppe? Ciorbă de perișoare? Das ist eine säuerliche Hackfleischklößchensuppe mit Gemüseeinlage …«

Isabell rümpft die Nase, aber ich lasse mich nicht beirren und spreche einfach lächelnd weiter.

»Und ich empfehle immer die gegrillten Hackfleischröllchen, weil mein Vater die besten außerhalb Rumäniens macht, aber vielleicht bin ich auch voreingenommen.«

Sie lachen, und obwohl ich diesmal mit ihnen am Tisch sitze und nicht mit Schürze und Bestellblock vor ihnen stehe, komme ich mir doch so vor.

»Mititei.«

Konstantin hat die Aussprache geübt und es klingt erstaunlich gut. Jetzt komme ich nicht drumrum und muss ihn ansehen. Zu dumm, dass er heute irgendwie nicht nur ziemlich gut aussieht, sondern sein Lächeln auch wieder zielsicher in meinem Herzen einschlägt. Trotzdem nicke ich einfach nur so abgeklärt wie möglich, sperre meine Gefühle weg, lege ihnen schwere Ketten an.

»Habt ihr gar nichts ohne Fleisch? Sogar die Paprika ist damit gefüllt.« Isabell blättert betont gelangweilt durch die Speisekarte, und ich bin froh, dass ich sie in- und auswendig kenne.

»Wir haben auch vegetarische Gerichte.«

»Siehst du, alles gut. Du findest sicher was.« Holger tätschelt kurz ihre Hand und legt den Arm um sie, bevor er Isabell auf die Wange küsst. »Ich wusste gar nicht, dass du Vegetarierin bist.«

»Bin ich auch nicht, aber das klingt alles so … fettig.«

»Wir können uns ja die Probierplatte teilen, da ist auch viel Gemüse dabei.«

Holgers Vorschlag findet ihre Zustimmung, und ich atme wieder aus, entspanne meine Hände, die sich fast krampfhaft um die Tischkante gekrallt hatten. Die anderen versinken in eine Unterhaltung darüber, wer sich für was entscheidet und wer dann mit wem was teilt, damit möglichst viel ausprobiert werden kann.

Robin nutzt das, um sich unbemerkt ein bisschen zu mir rüberzulehnen, und sagt: »Lass dich von ihr nicht ärgern.«

»Tue ich nicht.«

»Und von Konny auch nicht.«

»Er macht es mir nicht gerade leicht.«

»Dann muss ich wohl mal ein Wörtchen mit ihm reden.«

»Wundert mich, dass er nicht auch seinen Bro Jonas direkt mit eingeladen hat.«

»Jonas ist ein bisschen kompliziert.«

»So kompliziert auch wieder nicht. Er ist ein Arschloch.«

Robin will nicht lächeln, tut es dann aber doch.

»Manchmal.«

»Dein Bruder wechselt ja jetzt den Verein.«

»Das glaube ich nicht.«

»Klang heute Mittag so.«

»Abwarten.«

Es ist nicht mal der Vereinswechsel, der mich ärgert. Aber ich werde das miese Gefühl nicht los, dass er dann nicht nur den Verein, sondern auch seine Einstellung wechselt, und das gefällt mir nicht. Ich mag ihn nämlich trotz allem.

Zu sehr.

»Könnte ich dich um einen kleinen Gefallen bitten?« Robin weiß wohl, dass die meisten Leute angesichts seines Lächelns kaum Nein sagen können. Vielleicht bin ich genau deswegen vorsichtig und mustere ihn erst mal eingehend.

»Geht es dabei um deinen Bruder?«

»Nein. Das muss er schon alleine hinbiegen.«

Erleichterung verschafft meinen Lungen kurz Luft.

»Schieß los.«

»Könntest du mir nachher ein Bier mit deiner weltberühmten perfekten Schaumkrone zaubern?«

»Weltberühmt, ja?«

»Konstantin schwärmt zumindest davon. Und nicht nur davon, ehrlich gesagt. Er mag dich wohl, Vio.«

Wieso passen dann viele seiner Reaktionen nicht so recht dazu? Um nicht den ganzen Abend über Konstantin und das, was wir nicht sind, aber hätten sein können, nachdenken zu müssen, wechsele ich das Thema.

»Das mit der Schaumkrone lässt sich bestimmt einrichten.«

»Danke.«

Plötzlich verrutscht sein einnehmendes Lächeln, und sein Blick wird leer, als unsere neue Kellnerin an den Tisch tritt. Noch hatte ich keine Chance, sie kennenzulernen, und drehe mich jetzt zu ihr. Sofort fällt mir ihr professionelles Lächeln auf, sie wirkt höflich, kurzer Blickkontakt mit allen Gästen – nur nicht mit Robin –, dann zückt sie den Kugelschreiber aus dem Bund ihrer schwarzen Schürze, die ich schon so oft getragen habe. Ihre weiße Bluse ist blütenrein und ihre Haare sind zu einem lockeren Zopf gebunden.

»Habt ihr euch schon entschieden?«

So selbstverständlich wie sie uns duzt, checke ich sofort, dass sie die anderen am Tisch kennen muss.

»Wir nehmen die Probierplatte und extra Brot und …«

Sie schreibt alles auf, nickt und sieht dann zu mir.

»Du bist Vio, nicht wahr?«

»Richtig.«

»Hi, ich bin Jessy.«

Ganz kurz schütteln wir Hände und alle Fragezeichen in meinem Kopf morphen sich zu einem dicken fetten Ausrufezeichen. Robins leerer Blick, Konstantins nervöses Lächeln und die Vertrautheit mit allen ergeben jetzt Sinn.

»Willkommen.«

Ist so ziemlich das Dümmste, was ich sagen kann, aber sie lächelt es weg und nimmt den Rest der Bestellungen auf, bevor sie sich aufmacht, die anderen Gäste zu bedienen. Mein Blick wandert zu Konstantin, der gleichzeitig nickt und die Schultern zuckt, was wohl die Gefühlslage aller hier am Tisch einfängt.

»Soll noch mal jemand sagen, Walddorf wäre langweilig.«

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