Wie ein Schatten im Sommer

Adriana Popescu · Kapitel 43 von 77

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Wie ein Schatten im Sommer

Kapitel 42

 

 

Konstantin

 

Bestimmt vierzig Mal habe ich mich auf dem Weg hierher umgesehen, alle Schleichwege genommen und mein Fahrrad irgendwo im Gestrüpp versteckt. Weil man das in Filmen so macht, nicht, weil ich wirklich glaube, mich hätte jemand verfolgt oder beobachtet.

Um diese Uhrzeit ist niemand hier im Waldstück. Hier ist sowieso nie jemand, weil es keinen Weg gibt und man über Stock und Stein klettern und auf allen vieren unter umgeknickten Bäumen durchkriechen muss.

Umso kälter wird mir, als ich das Versteck erreiche: kein Gewehr, nichts – es ist weg!

Was zur Hölle …?

Irgendwo knackt ein Ast, als wäre jemand draufgetreten, und mein Puls legt an Geschwindigkeit zu. Das Blut rauscht in meinen Ohren, lauter als jemals zuvor, mein Magen zieht sich zusammen, während mein Blick panisch die verschiedenen Grünschattierungen des Waldes um mich rum mustert.

Langsam und viel zu laut gehe ich in die Hocke, schiebe noch mehr Äste zur Seite, suche genauer und finde wieder nichts.

Das Gewehr ist definitiv weg. Meine Panik explodiert, presst mir die Luft aus den Lungen und mir wird schwindelig. Kalter Schweiß rinnt meine Wirbelsäule hinab, meine Hände zittern und ich lasse mich erschöpft vom Kopfkino gegen den Baum hinter mir sacken. Eine dumme Entscheidung und schon ist alles vorbei. Wenn das rauskommt, bin ich dran. Bei den Leuten aus dem Schützenverein, bei meinen Eltern, meinen Freunden und natürlich auch Vio.

Ganz großes Kino.

Wieder knackt es irgendwie in dieser grünen Idylle, in der ich mir plötzlich so verloren und fremd vorkomme.

»Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du ein ziemlich mieser Versteckspieler bist?«

Ich habe ihn nicht kommen gehört. Oder gesehen. Aber mein Herz hat ihn bemerkt, will mir nämlich gerade aus der Brust springen, aber weil das im Moment nicht geht, springe eben ich auf und schlinge die Arme um ihn.

»Da freut sich aber jemand, mich zu sehen, Bruderherz.«

Ich halte Robin fester, als ich sollte, und schließe einen Moment die Augen. Wenn er hier ist, wird alles wieder gut.

»Das Gewehr ist weg.« Ich flüstere so leise, dass es nicht der ganze Wald, sondern nur Robin hören kann.

»Ich weiß.«

Sofort reiße ich die Augen auf und sehe ihn hoffnungsvoll und panisch zugleich an.

»Du hast es!«

»Natürlich. Glaubst du, ich warte, bis Jonas es sich schnappt?« Er schiebt mich von sich weg, damit er mir streng in die Augen sehen kann. Ich komme mir gerade so unfassbar dämlich vor. »Als ich dich vor dem Typen gewarnt habe, meinte ich das ziemlich ernst.«

»Er hat mich überrumpelt.«

»Hör das nächste Mal auf deinen Bruder.« Robin grinst kurz schief, und ich nutze die Gunst der Stunde mitten im Wald, wo uns niemand hören kann.

»Ich muss was wissen, Robin.«

»Soll ich dir jetzt die Relativitätstheorie erklären?« Robin ist erstaunlich gut gelaunt, wenn ich an heute Morgen denke. Wie sehr ich mir wünschte, seine Laune würde einfach auf mich überspringen. Aber das geht nicht, solange sich so viele offene Fragen in meinem Kopf battlen.

»Wart ihr das neulich auf der Baustelle?«

Robins Blick wird wieder ernster und ich mache mich auf die unangenehme Wahrheit gefasst.

»Sag mal, von all den Dingen, die gerade abgehen, interessiert dich das am meisten?«

»Die Spuren dort waren von Rollerreifen …«

»Pass auf, Konstantin.« Er kratzt sich am Kinn, seine Augen suchen den Wald um uns herum ab, wobei ich nicht weiß, was genau er dort zu sehen erwartet. »Es war eine blöde Idee, okay? Wir waren irgendwie komisch drauf und sind dann los, wollten bisschen Action. Und dann kam diese Scheiße dabei raus.«

Es heißt, in Wäldern ist es im Sommer kühler als auf einer Wiese. Das liegt hauptsächlich daran, dass nur ein kleiner Teil der Sonnenstrahlen durch die Blätter auf den Boden gelangt. Aber gerade liegt es weder an den Blättern noch an dem Schatten, der hier selbst mitten im Sommer herrscht, dass mir plötzlich kalt wird. Es liegt daran, wie Robin mich ansieht.

Er weiß, was er getan hat, und versucht nicht mal zu lügen, blinzelt nicht, während er nickt.

»Ja, es war nicht besonders clever, da mit den Rollern hinzufahren, das weiß ich auch.«

»Du bist doch aber gar nicht so.«

Er will den Kopf schütteln und zuckt dann doch nur die Schultern.

»Manchmal nervt mich das alles schon, aber nein, ich bin nicht wirklich so.«

Und wieso sprühst du dann so eine Message an die Wand und deckst die anderen?

»Das ist echt krass, Robin.« Mehr kann ich nicht sagen, und er steht nur da, was mich nur noch wütender macht. »Du kannst so was doch nicht machen. Weißt du, wie Manfred dir den Arsch aufreißt, wenn er das mitkriegt?«

»Wird er ja zum Glück nicht. Die Jungs haben genauso wenig Interesse daran, dass das rauskommt, wie ich.«

»Klar, aber …«

»Ist ja nicht, als wäre ich politisch aktiv oder so.« Er legt mir eine Hand auf die Schulter, und was eben noch beruhigend gewirkt hat, fühlt sich mit einem Mal einfach nur falsch an. Ich schüttele sie ab, aber meine Gedanken werde ich nicht so einfach los.

»Ausländer raus ist schon irgendwie politisch.«

»Mach da jetzt keine große Kiste draus, okay? Ich weiß, du stehst auf Vio und ich habe damit null Probleme. So viel zu meinem Ausländerhass.«

»Vio ist ja auch Deutsche.«

»Na ja. Nicht so wie du und ich.«

»Wie meinst du das denn?« Das passt alles so gar nicht zu ihm. Muss ich ihn wirklich an den Sommerurlaub in Italien erinnern, als er sich Hals über Kopf in Sophia, die italienische Bademeisterin, verliebt hatte?

»Entspann dich, Konny. Ich habe nichts gegen sie oder ihre Eltern. Und ich esse ja auch Döner und mache Urlaub im Ausland.«

»Und trotzdem sprühst du solche Parolen an die Wand?«

Er atmet schwer aus, hat sich den Verlauf dieser Unterhaltung offenbar anders vorgestellt.

»Hör zu, ich bin nicht unbedingt stolz darauf, was wir da abgezogen haben, aber …« Ich bin gespannt, was für eine Erklärung oder Ausrede er mir auftischen will, aber da kommt nichts mehr, nur Kopfschütteln. »Die Sache ist nicht so einfach. Wir sollten schon checken, wer hierherkommt. Findest du nicht?« Langsam nickt er, deutet auf das Stückchen Wald, von wo aus er gekommen ist. »Halt dich einfach ein bisschen zurück.«

»Wobei denn?«

»Triff dich mit Vio, hab Spaß, aber erzähl es nicht überall rum.«

»Wieso nicht?«

»Mensch, Konny. Nicht jeder ist so ein Fan von ihr, wie du es bist.«

»Aber sie ist toll.«

»Ich weiß. Deswegen ist für mich auch alles cool. Du kannst beides sein, weißt du?« Dieses Gequatsche dreht alles auf links und hilft mir nicht gerade dabei, einen klaren Kopf in der Sache zu bewahren.

»So wie du?«

»Ja. So wie ich.«

»Und wenn du deswegen Ärger kriegst? Was dann, Robin?«

»Quatsch. Bin doch eh bald weg.« In Robins Mundwinkeln versteckt sich ein Lächeln, und zwar schon die ganze Zeit, aber erst jetzt fällt es mir so richtig auf.

»Wie, du bist bald weg …?«

Er breitet die Arme aus.

»Vor dir steht der neue Azubi im Sportcenter Pfisterer.«

»Dein Ernst?«

»Mein Ernst. Sie haben vorhin angerufen. Im Oktober kann ich anfangen, den Vertrag unterschreibe ich nächste Woche.«

Die Erleichterung nach all den Absagen und Probejobs, die alle immer nur in Enttäuschungen endeten, ist ihm deutlich anzusehen, auch wenn er das nicht zugeben würde. Er wird mir fehlen, aber ihn jetzt hier so zu sehen, das macht mich plötzlich unfassbar glücklich, verdrängt das unangenehme Gefühl, dass ich Robin gar nicht so gut kenne, wie ich mir immer eingebildet habe.

»Und mach dir keine Sorgen. Mannheim ist nicht so weit weg.«

»Ich weiß.« Hoffentlich weit genug weg für ihn. Raus aus dem Dorf, das ihn nach und nach fast gefressen hätte.

»Komm, lass uns hier abhauen, nicht dass Jonas nach dir und seinem Spielzeug sucht, hier aufkreuzt und Stunk macht.«

Gemeinsam setzen wir uns in Bewegung und marschieren Seite an Seite durch das Grün unserer Kindheit. Wie oft haben wir früher so getan, als könnten wir unser Traumhaus genau hier bauen, irgendwo da oben in den Baumwipfeln. Das hat ihm damals gereicht, das war weit genug weg von der Enge im Ort.

Jetzt müssen es schon ein paar Kilometer mehr sein.

»Ausbildungsplatz. Mensch, das müssen wir feiern.«

Aber mein Vorschlag sorgt nur für ein amüsiertes Grinsen.

»In Walddorf? Weil man da auch so gut feiern kann. Mit Pizza und Dosenbier von der Tanke.«

»Wie wäre es stattdessen mit einem Weißbier inklusive perfekter Schaumkrone?«

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