Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 26
Konstantin
Vio schwimmt mit gleichmäßigen Bewegungen neben mir her, und ich runzele die Stirn, was ihr trotz Schwimmen auffällt.
»Was denn?«
»Nur das Seepferdchen, ja?«
»Autodidaktin, sagte ich doch.«
»Mhm.«
»Ich habe danach ja nicht aufgehört zu schwimmen, nur die folgenden Abzeichen ausgelassen.«
Wir erreichen die Insel und ich lasse ihr den Vortritt beim Erklettern, was bei ihr leicht und irgendwie schön aussieht. Oben angekommen, dreht sie sich um und reicht mir die Hand, die ich annehme, obwohl ich ihre Hilfe gar nicht bräuchte.
»Lass mich raten! Du hast das Seepferdchen gemacht, dann Bronze, Silber und natürlich Gold.«
Mit der Beantwortung ihrer Frage lasse ich mir Zeit, bis ich neben ihr auf der Insel sitze.
»Korrekt.«
»Wieso bin ich nicht überrascht?«
Obwohl es nicht das erste Mal ist, dass ich wegen solcher Dinge aufgezogen werde, trifft es mich dieses Mal mehr.
»Weil ich eben doch so schrecklich langweilig bin?«
»Das habe ich nicht gesagt.«
Vio lässt ihren Blick auf mir ruhen, aber ich weiche ihm aus, sehe zum Ufer zurück, wo meine Freunde in der Sonne liegen und darüber diskutieren, wo es heute Abend die nächste Party geben soll. Holger hat in seiner Partylaufbahn nicht nur schon in diverse Blumenkübel gekotzt, sondern auch mal sein Rad geschrottet. Darauf ist er zwar nicht gerade stolz, aber diese und ähnliche Geschichten eignen sich hervorragend als Anekdoten, die ihm entweder Lacher oder Respekt einbringen. Meine Eskapaden beschränken sich auf nächtliche Ausflüge auf den See. Die ich bis auf gestern Nacht immer alleine absolviert habe.
»Ich finde es nun mal nicht schrecklich, wenn man sich an Regeln hält, nichts kaputt macht und seine Grenzen kennt.«
Robin hat für uns die großen Abenteuer erlebt, seine Grenzen immer wieder verschoben und mir mit seinen Erzählungen die große weite Welt schmackhaft machen wollen. Mitgenommen hat er mich aber nie wirklich, dafür war ich ihm wohl zu peinlich. Jetzt allerdings ärgere ich mich ein bisschen, weil ich keine Heldengeschichten habe, mit denen ich Vio imponieren kann. Bevor die Mutproben früher ernst wurden, habe ich immer das Weite gesucht, ich trenne zu Hause den Müll, liefere pünktlich meine Referate in der Schule – und betrachte mich jetzt durch Vios Augen.
Langweilig und nichtssagend.
Sie berührt sanft meinen Unterarm, und ich zögere, sehe dann aber schließlich doch zu ihr.
»Hör mal, ich hab genug von ätzenden Bad-Boys. Ein Gold-Abzeichen-Schwimmer ist genau das, was ich suche.«
»Ja?«
Sie nickt, lehnt ihren Kopf an meine Schulter und nimmt ihn auch dann nicht weg, als ich zaghaft den Arm um sie lege. Die anderen sehen das bestimmt, aber es interessiert uns nicht, wir sitzen einfach nur so auf der Insel, und ich werde das Gefühl nicht los, dass dieser Sommer der beste meines Lebens werden könnte.
Doch bevor ich den Moment wirklich genießen kann, ist lautes Lachen und Gegröle zu hören, ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, wer sich da durch die Büsche einen Weg zum Strand bahnt, statt den Weg zu benutzen. Sie tauchen immer so auf. Als wollten sie sich ankündigen, damit auch ja alle wissen, dass sie endlich hier sind.
Jonas, oben ohne und mit einer Bierflasche in der Hand, erscheint als Erster, dann seine Jungs und schließlich auch Robin. Mein Magen zieht sich sofort zusammen, und ich nehme den Arm von Vios Schulter, die den Zusammenhang sofort bemerkt.
»Dein Bruder?«
Ich nicke, als ich sehe, wie Robin zusammen mit den anderen lauter als nötig ihr Strandlager aufbaut und sie ihre Musikbox in den Sand rammen, die irgendeinen dämlichen Sommerhit rausplärrt. Einige der Strandbesucher werfen ihnen strafende Blicke zu, aber niemand unternimmt wirklich was. Robin sieht zur Insel, erkennt mich und winkt. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zurückzuwinken und damit natürlich auch Jonas’ Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.
Vios Körperhaltung verändert sich, sie zieht die Beine aus dem Wasser auf die Insel und schlingt die Arme drumrum.
»Ich mag den Typen nicht besonders.«
»Jonas ist nur sehr laut.«
»Das scheint aber niemanden zu stören.«
»Hm?«
»Die Rumänen haben alle gestört, weil sie so laut waren.« Sie nickt zum Ufer. »Die Jungs machen locker dreimal so viel Lärm, aber niemand sagt was.«
»Es stört trotzdem alle.«
Sie zuckt nur die Schultern, stützt ihr Kinn auf dem Knie ab und lässt die Jungs nicht aus den Augen. Sie beobachtet, wie diese einen kleinen Football nehmen, ihn in weitem Bogen ins Wasser werfen. Uns wird klar, dass es nicht mehr lange dauert, bis sie ihm folgen werden.
»Was macht dein Bruder eigentlich so?«
»Der hatte heute früh ein Vorstellungsgespräch für einen Ausbildungsplatz.«
»Und wie lief es?«
Gute Frage. Er hat auf meine Nachfrage per WhatsApp nicht geantwortet, und später habe ich nicht mehr reingeschaut. Aus der Ferne fällt es mir schwer, seinen Gesichtsausdruck zu lesen, aber die Tatsache, dass er sich jetzt schon das erste Bier gönnt, kann entweder Freude oder Frust bedeuten.
»Das werden wir gleich erfahren.«
Die Jungs stürmen ins Wasser, dem Football hinterher, Jonas hält seine Bierflasche über den Kopf, schwimmt quasi einarmig auf die Insel und damit uns zu.
»Na toll …«
»Keine Sorge, die beißen nicht.«
Dabei sieht Vio nicht im Geringsten so aus, als hätte sie Angst vor der kleinen Flotte an Jungs, die auf unsere Insel Kurs hält. Kaum hat Jonas uns entdeckt, beginnt er damit, das Titelthema aus Der weiße Hai anzustimmen, die Bierflasche noch immer über dem Kopf, das breite Grinsen im Gesicht.
»Stören wir?«
Ich will gerade verneinen, als Vio nickt.
»Ehrlich gesagt, schon.« Man muss wirklich kein Experte in Sachen Körpersprache sein, um zu sehen, wie unangenehm Vio die ganze Situation ist.
»Kannst ja woanders hin, wenn dir unsere Gesellschaft nicht passt, Vio.«
»Schön, dass du dir meinen Namen gemerkt hast.«
»Hab dich ohne Schürze nur fast nicht erkannt.«
»Wie witzig du doch bist.«
»Kann ich bei dir ein Zigeunerschnitzel bestellen?« Er hebt sofort die Hand an den Mund. »O nein. Das sagt man ja nicht mehr.«
Vios Blick wird frostiger.
»Du bist ein ziemlicher Idiot. Hat dir das mal jemand gesagt, Jonas?«
»Weil ich kein Zigeuneressen futtere?«
»Das Restaurant meiner Eltern serviert rumänische Spezialitäten.«
»Spezialitäten.« Er malt einhändig ein Anführungszeichen in die Luft, versucht, dabei nicht unterzugehen, die Bierflasche noch immer in der anderen Hand.
»Spezialitäten, ja.«
»So was gibt es in Rumänien echt?«
Ich kenne Jonas’ provokante Art, sein ständiges Nachlegen und das fiese Grinsen, das sich auch jetzt wieder auf seinen Lippen ausbreitet.
Obwohl ich spüren kann, dass Vio angespannt ist, bleibt sie erstaunlich ruhig.
»Hättest ja was bestellen und es probieren können.«
»Ihr hattet ja keine Pizza.«
»Konstantin hat bei uns gegessen.«
Sie dreht den Kopf zu mir, holt mich von der Seitenlinie des Gesprächs plötzlich aufs Spielfeld und Jonas richtet seinen amüsierten Blick auf mich.
»Ach, hat der Konstantin bei euch gegessen, ja?«
»Es war sehr lecker. Ich mochte die …« Dabei wollte ich mir doch den Namen unbedingt merken, damit ich an der Aussprache arbeiten kann. Vio lächelt ganz kurz und hilft mir aus.
»Mititei.«
»Genau, die mochte ich.«
Jonas nickt wissend.
»Sind das diese Ćevapčići?«
Vio atmet schwer aus, was wohl die Reaktion war, auf die Jonas gehofft hat.
»Kannst du dir den Unterschied wirklich nicht merken?«
Er schüttelt den Kopf.
»Fleischrollen bleiben Fleischrollen, egal wo sie herkommen.«
»Bisschen Respekt wäre nett.«
»Es sind Fleischrollen, komm mal klar.« Damit stellt er das Bier neben mich, bevor er sich aus dem Wasser zieht. Frech hockt er sich direkt zur Bierflasche und damit zu nah an mich dran.
»Na, Konny, was geht, wenn du nicht gerade Ćevapčići futterst?«
»Nicht viel. Ferien halt.«
»Hast du es dir mit dem Wechsel in unser Tennisteam noch mal durch den Kopf gehen lassen?«
Ich wusste, dass er davon anfangen würde, und ignoriere die Frage, strecke stattdessen Robin die Hand entgegen, der die Insel ebenfalls endlich erreicht hat, und helfe ihm rauf. Sein Blick lässt nichts Gutes vermuten.
»Wie lief es?«
»Ach, keine Ahnung. Eigentlich ganz gut.«
»Aber?«
Er zuckt die Schultern und nimmt auf der Mitte der Insel Platz. Jonas beantwortet die Frage für ihn.
»Er war nicht der einzige Bewerber. Da war noch so ein Ali und der wird bestimmt das Rennen machen.«
»Wieso?«
»Ausländerquote, weißt doch, wie es läuft.«
»Vielleicht war dieser Ali auch einfach nur qualifizierter?« Vio kann sich den Kommentar nicht verkneifen und ich ziehe schon mal den Kopf ein. Robin bleibt stumm, aber Jonas fühlt sich natürlich direkt herausgefordert, beugt sich etwas vor, um Vio an mir vorbei besser ansehen zu können.
»Qualifizierter?«
»Ja.«
»Sicher. Klar.«
»Wäre doch möglich. Wieso schließt du das aus?«
Jonas sieht zu mir, erhofft sich Unterstützung, aber ich schweige – weil ich das immer tue –, und er schüttelt den Kopf, als hätte er sich verhört.
»Der Typ konnte kaum geradeaus Deutsch reden.«
»Warst du dabei?«
»Nee, aber wieso sollte mein Kumpel lügen?«
Bevor sie darauf antwortet, sieht sie über die Schulter zu Robin, der sich inzwischen auf dem Rücken ausgestreckt hat und kein Interesse an dieser Unterhaltung zu haben scheint.
»Keine Ahnung.«
»Eben. Vielleicht einfach mal die Klappe halten, ja?« Dann wendet Jonas sich an mich. »Halt deine Freundin bisschen kürzer an der Leine.«
Alle Blicke ruhen auf mir, Sekunden werden zu Minuten und mein Sprachzentrum formt die Worte, die ich aussprechen soll. In der Zwischenzeit werden Minuten zu Stunden, zumindest fühlt es sich so an, und bevor ich tatsächlich dazu komme, etwas zu sagen, steht Vio auf.
»Ich bin nicht seine Freundin.« Ohne auf eine Reaktion zu warten, springt sie ins Wasser, dicht genug an uns dran, um uns nass zu machen, und schwimmt dann, deutlich besser als ein Seepferdchen-Abzeichen es verlangt, von uns weg zum Ufer.
»Was stimmt denn mit der nicht?«
Robin setzt sich wieder auf und greift nach der Bierflasche, die Jonas vorhin abgestellt hat, und sagt: »Lass gut sein, Jonas, ist doch auch schon egal.«
»Nix ist egal! Die glaubt, du bist nicht qualifizierter als …«
»Lass jetzt gut sein, verdammt. Hab keinen Bock, den ganzen Tag darüber zu quatschen, okay?« Robin nimmt einen beherzten Schluck Bier, bemerkt meinen fragenden Blick und schüttelt nur genervt den Kopf. Ich werde wohl auf heute Abend und etwas mehr Ruhe hoffen müssen, bevor ich wirklich Auskunft über den Verlauf seines Gesprächs bekomme.
Jonas hebt die Arme, als wolle er sich ergeben, und grinst schon wieder.
»Alles klar, alles klar. Du kriegst eh was Besseres als diesen Kack-Job. Ich sag dir, mein Vater hat ’ne Ausbildungsstelle für dich, du musst nur zusagen.« Seine Augen finden meine. »Und du solltest dir mal überlegen, mit wem du so abhängst. Gibt ja wirklich genug Alternativen.«
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