Wie ein Schatten im Sommer
Kapitel 15
Vio
Sollen wir dich heimfahren?«
Papa, der gerade die Tür zum Lokal abschließt, sieht zu Konstantin, der nicht nur gewartet, sondern am Ende auch noch mit aufgeräumt und damit bei meinen Eltern mächtig Eindruck gemacht hat. Jetzt schüttelt er trotzdem den Kopf.
»Ich habe es nicht weit.«
»Sicher?«
Die Besorgnis in der Stimme meines Vaters ist so typisch. Noch immer höre ich ihn, wie er mir vor jeder Party gesagt hat, dass ich immer anrufen kann, er würde mich abholen. Egal wie spät, egal wie weit weg, er wäre schon im Auto, wenn ich auflege.
Aber Walddorf ist nicht München.
»Ja, wirklich, kein Problem. Muss nur da hinten einmal quer über das Feld.«
Bevor Papa etwas sagen kann, hake ich mich bei ihm ein.
»Walddorf, Papa.«
»Trotzdem. Ich würde mich wohler fühlen, wenn wir dich an der Haustür absetzen könnten. Es ist schon dunkel.«
Konstantin sieht von meinem Vater zu mir und ich zucke nur die Schultern.
»Okay. Das ist aber ein großer Umweg für Sie.«
Papa winkt ab und geht los in Richtung Auto.
»Es gibt keine Umwege, wenn es um Sicherheit geht. Außerdem hast du heute geholfen, da ist es das Mindeste.«
Konstantin gibt auf und folgt mir zum Wagen, wo Mama schon wartet und mir einen verschwörerischen Blick zuwirft, den ich diesmal elegant ignoriere. Doch bevor wir einsteigen können, ruft jemand meinen Namen und bekommt dafür die Aufmerksamkeit von uns vieren.
Es ist Mone, die aus der Dunkelheit in den Schein der Straßenlaterne tritt, wie immer ein breites Lächeln auf den Lippen.
»Dachte ich doch, dass ich dich hier finde.«
Dann sieht sie zu Konstantin, der plötzlich nicht so recht weiß, wohin mit seinen Händen.
»Hi, Konstantin.«
Mama beugt sich ein bisschen zu mir.
»Du hast aber schnell Freunde gefunden.«
Das hat sie mir nämlich schon vor unserem Umzug ständig gepredigt. Sie war sicher, dass ich ohne Probleme Anschluss finden und am Ende in Walddorf glücklicher als in München sein würde.
»Hi, Mone. Was machst du denn hier?« Um diese Uhrzeit.
»Ich wollte dich abholen.«
»Abholen?«
»Ja. Wollen wir noch zusammen zu Holger?«
»Holger?«
»Ja. Der grillt im Garten seiner Eltern.« Wieder sieht sie zu Konstantin. »Kommt ihr?«
Weil das verlockender als eine Autofahrt mit meinen Eltern und ihren neugierigen Fragen an Konstantin klingt, nicke ich und verabschiede mich so schnell von meinen Eltern, dass diese gar keine Chance haben zu widersprechen.
»Bis später.«
Ich greife nach Konstantins Hand und ziehe ihn einfach mit in Mones Richtung, die uns beide mit einer Umarmung begrüßt. Sie riecht nach Sonnenmilch und Strand. Aber erst, als der Wagen meiner Eltern an uns vorbeifährt und wir alle artig winken, rückt sie mit der Sprache raus.
»Bei Holger gibt es eine Party. Nur der inner circle. Seine Eltern sind doch noch in Dänemark. Wollt ihr mit?«
Wann genau ich in den erwähnten inner circle aufgestiegen bin, weiß ich nicht, und sehe fragend von Konstantin zu Mone.
»Ich weiß nicht, ich bin ja nicht direkt eingeladen.«
»Ich habe dich doch gerade eingeladen.« Sie lächelt mich breit an.
»Und Konstantin ist genau genommen auch nicht direkt eingeladen.«
Dieser nickt und Mone legt ihren Arm um mich.
»Keine Sorge, wenn ich euch mitbringe, ist alles cool.«
»Wenn das so ist …«
»Wir sollten unterwegs nur irgendwo noch Gastgeschenke einsammeln.« Mone hakt sich auch noch bei Konstantin ein und führt uns davon in Richtung Straße. »Die Tanke hat noch offen, da kriegen wir bestimmt Bacardi oder so.«
»Was, keine Blumen?«
Sie grinst.
»Die pflücken wir unterwegs.«
Was wir tatsächlich tun. Während Konstantin im Tankstellenshop die Getränke besorgt, sammeln wir im Feld gegenüber ein paar Blumen ein.
»Konstantin ist noch keine achtzehn, glaubst du, er kriegt echt Bacardi?«
»Vielleicht. Wenn nicht, holt er Bier, das tut’s auch.«
Sie reicht mir einen Klatschmohn für meine Sammlung.
»Sorry übrigens für die dummen Kommentare am See beim Schwimmen.«
»Schon vergessen.«
Ist zwar gelogen, behaupte ich aber immer, weil ich nicht die beleidigte Leberwurst sein will, die man mit eben solchen dummen Sprüchen verärgert. Das kommt nie so gut an. Habe ich bereits gelernt. Dann wird man schnell als zickig und überempfindlich abgestempelt, auch wenn ich finde, dass ich durchaus Grund hätte, angesäuert zu sein.
»Glaub mir, ich weiß, wie es ist. Mein Papa kommt aus Tschechien.«
Überrascht sehe ich zu ihr.
»Ach.«
»Jaja, lass mich raten: Das sieht man gar nicht, das hört man gar nicht, und ich spreche ja so wahnsinnig gut Deutsch.« Sie verdreht kurz die Augen, grinst aber dabei und pflückt schon die nächste Blume. »Sprichst du Tschechisch? Sag mal was. Und die enttäuschten Gesichter, wenn sie feststellen: Ich kann es gar nicht.«
»Wieso denn nicht?«
»Mein Vater hat meine Mutter verlassen, als ich vier war. Alles, was ich von ihm habe, sind die Augen. Sagt meine Mutter. Ich habe ihn schon ewig nicht mehr gesehen.« Sie zuckt die Schultern, hat mit dem Thema offensichtlich abgeschlossen. »Auf jeden Fall sind die Leute hier echt okay. Da musst du dir keine Gedanken machen. Die mögen dich.«
»Tun sie das?«
Mich hatten am See ganz andere Vibes erreicht, was ich aber niemandem gesagt habe.
»Glaub mir, wenn sie dich nicht mögen würden, wüsste ich das. So was spricht sich hier nämlich rasend schnell rum.« Mone deutet auf die weiten Felder um uns herum, die nur in einiger Entfernung durch eine beleuchtete Baustelle unterbrochen werden. »Wie dir aufgefallen sein dürfte, ist hier nämlich nicht irre viel los.«
Dabei ist hier für meinen Geschmack jede Menge los.
»Was wird das da hinten eigentlich?«
Sie folgt meinem Blick zur Baustelle und rollt die Augen.
»Da klatschen die ’nen Betonkasten hin. Wird wohl ein Flüchtlingsheim. Keine Ahnung.«
»Aha.«
»Uns wäre ja ein Einkaufszentrum lieber, aber wir wurden nicht gefragt.«
Damit reicht sie mir mit perfektem Timing den wilden Blumenstrauß, denn gerade kommt Konrad aus der Tanke zu uns herüber, und ich habe keine Chance mehr, weitere Fragen zu stellen.
»Kein Bacardi?«
Konstantin schüttelt den Kopf, zwei Sixpack Bier im Arm.
»Klaus war nicht da, nur seine Vertretung. Der gibt nie Bacardi an uns raus.«
»Mit Bier und Blumen sollten wir dennoch Eindruck schinden.« Mone hakt sich wieder bei mir ein, als würden wir uns schon so lange kennen, wie ihr Vater weg ist, und setzt dann unseren Trupp in Bewegung. »Und mit Vio im Gepäck sorgen wir sicher auch für Gesprächsstoff.« Sie wirft mir einen kurzen Blick rüber. »Die Neuen stehen immer im Fokus.«
Hilfe suchend sehe ich zu Konstantin, der mich aufmunternd anlächelt und nickt. Dabei habe ich es ehrlich gesagt ein bisschen satt, im Fokus zu stehen.
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